Die Liste von Mikel John Obis beruflichen Erfolgen liest sich wie der Wunschzettel eines Grundschülers, der gefragt wird, was er alles erreichen will, wenn er einmal groß ist: Meister in der englischen Premier League, Gewinner der UEFA Champions League, vier Mal Sieger im FA Cup und Titelträger beim CAF Afrikanischen Nationen-Pokal. Und doch ist es eine unvollständige Liste.

Denn beim Olympischen Fussballturnier in Rio sieht sich Mikel vor einer ganz anderen Herausforderung: Er soll der Chef auf dem Platz sein, der Nigerias 'Dream Team VI' zur Goldmedaille führt. Für das afrikanische Land wäre es die zweite beim Olympischen Fussballturnier der Männer. Im Exklusivinterview mit FIFA.com bezeichnet Mikel die spielerische Qualität beim Olympischen Fussballturnier in Rio als "atemberaubend" und stellt sie auf eine Stufe mit der in der Champions League.

Vor Nigerias Halbfinale gegen Deutschland spricht Mikel außerdem über den bisherigen Erfolg seiner Mannschaft, seine Führungsrolle innerhalb des Teams und ein mögliches weiteres Kapitel der nigerianischen Erfolgsstory bei den Olympischen Spielen.

Gratulation zum Erreichen des Halbfinales. Warum funktioniert Ihre Mannschaft Ihrer Meinung nach so gut?
Pure Entschlossenheit, Einsatzbereitschaft und mannschaftliche Geschlossenheit. Bislang war es absolut fantastisch. Die Mannschaft ist außerdem auf eine Offensive Spielweise ausgerichtet. Wir dürfen kreativ sein, sollen uns Chancen erspielen und viele Tore schießen. Ich denke, auf dem Platz sieht man diesen Torhunger und zugleich die Bereitschaft, sich gegenseitig zu helfen und füreinander zu laufen. Im Spiel wissen wir genau, was wir zu tun haben. All das halte ich für sehr wichtig. Deshalb sind wir so weit gekommen.

Wie finden Sie das Erlebnis Olympia bisher im Vergleich zu den anderen Erlebnissen Ihrer Karriere?
Bislang war es absolut fantastisch. Es erinnert mich an meine Anfänge in der U-17 und der U-21. Ich genieße die Zeit hier. Es ist eine sehr gute Erfahrung. Ich habe großartige Mitspieler. Sie bringen Energie, Kraft und Geschwindigkeit in das Spiel ein und machen so den Unterschied. Ich bin sehr glücklich, Teil dieser Mannschaft und dieser Erfahrung zu sein.  

In der Olympiaauswahl spielen Sie auf einer offensiveren Position im Mittelfeld, als Sie es aus dem Verein gewöhnt sind. Gefällt Ihnen das?
Ich habe früher eigentlich immer offensiv gespielt und wurde dann nach und nach umgeschult. Inzwischen spiele ich seit elf Jahren im defensiven Mittelfeld. Aber in der Nationalmannschaft werde ich eigentlich immer offensiver eingesetzt. Ich bemühe mich um den Spielaufbau und will Chancen kreieren. Das macht mir Spaß. Ja, es ist großartig, wieder auf dieser Position zu spielen. 

Was gefällt Ihnen an Ihrer Rolle als Kapitän am meisten? Was geben Sie an die jüngeren Spieler weiter?
Erfahrung. Ich vermittle Ihnen ein wenig von dem Wissen, das sie in diesen durch die Bank hochklassigen Spielen benötigen. Die Jungs sehen zu mir auf, da muss ich mit gutem Beispiel vorangehen. Deshalb laufe ich, was das Zeug hält. Sie sollen es sehen und ihrerseits laufen, was die Beine hergeben! Man muss mit gutem Beispiel vorangehen. Das tue ich, damit wir gewinnen. Für mich zählt die Mannschaft. Individuell starke persönliche Leistungen, gut und schön, aber wenn die Mannschaft gut spielt und gewinnt, muss ich nicht glänzen.

Hat die Qualität der Spiele Sie überrascht?
Ja, und wie! Die Qualität ist atemberaubend. Als spielte man in der Champions League. Jeder Fehler ist gleichbedeutend mit einem Gegentor, glauben Sie mir. Das war immer wieder zu beobachten. Unsere Defensive stand zum Glück bislang gut. Hoffen wir, dass es so bleibt. Wir sind immer in der Lage, ein Tor zu schießen und anderen Mannschaften weh zu tun. Das haben wir im Turnierverlauf bewiesen. Wenn wir hinten gut stehen, sind wir vorn immer für ein Tor gut. 

Was würde es Ihnen bedeuten, im Maracanã-Stadion um Gold zu spielen?
Eins nach dem anderen! (lacht) Um ehrlich zu sein, habe ich mir darüber noch gar keine Gedanken gemacht. Ich denke erst einmal nur bis Mittwoch. Deutschland hat eine sehr gute Mannschaft, da heißt es erst einmal, diese Aufgabe zu bewältigen. Mit unserer Mannschaft richten wir uns nicht nach dem Gegner. Wir konzentrieren uns auf das, was wir zu bieten haben. Das letzte Spiel zählt nicht mehr. Es geht darum, was man in den jeweiligen 90 Minuten abrufen kann. Darauf versuchen wir uns zu konzentrieren und ich denke, da uns dies bis jetzt auch gut gelungen ist, werden wir nichts verändern. 

Sie haben die UEFA Champions League gewonnen, waren zwei Mal Meister in der Premier League, vier Mal Sieger im FA Cup und haben den Afrikanischen Nationen-Pokal geholt. Was würde Ihnen, was würde Nigeria eine Olympische Goldmedaille bedeuten?
Sehr viel. Sie würde mir die Welt bedeuten. Sie wäre das Sahnehäubchen. Wie jeder Olympiateilnehmer will ich nach Möglichkeit Gold gewinnen. Da spielt es gar keine Rolle, was ich alles schon gewonnen habe. Es wäre einfach toll, mit dieser Mannschaft Gold zu holen. Darauf hoffe ich und dafür bete ich.