Wenn man eine Fussballkarriere ins Auge fasst, kann es durchaus von Vorteil sein, einen renommierten ehemaligen Fussballer zum Vater zu haben. Das weiß auch Gonçalo Paciência. Nehmen wir zum Beispiel die Wortspiele mit seinem Nachnamen Paciência, dem portugiesischen Begriff für "Geduld": Gonçalo ist schon seit seiner Kindheit daran gewöhnt, dass die Medien immer gern eine dieser zweifelhaften Schlagzeilen bringen, beispielsweise "Es hat sich gelohnt, Geduld zu haben". Als Sohn von Domingos Paciência, während der gesamten 1990er Jahre Torjäger des FC Porto und der Seleção das Quinas, weiß Gonçalo zumindest, was er in dieser Hinsicht zu erwarten hat.

"Ja, irgendwann taucht dieses Wortspiel immer auf", meint der portugiesische Spieler mit der Rückennummer neun lächelnd im Gespräch mit FIFA.com, bei dem es eigentlich um weniger banale Aspekte der Bedeutung seines Vaters für seine sportliche Ausbildung ging. "Zunächst einmal gibt es einen Anreiz. Mein Vater hat mir früher die Videokassetten von seiner Zeit als Spieler oder später die YouTube-Videos vorgespielt, und deshalb habe ich mir schon als kleiner Junge vorgenommen, eines Tages Fussballer zu werden wie er und auf großen Bühnen wie bei den Olympischen Spielen aufzutreten."

Paciência hat in den beiden Auftaktspielen der Portugiesen beim Olympischen Fussballturnier in Rio – zwei Siegen gegen Argentinien und Honduras – jeweils ein Tor erzielt und damit einen ganz wichtigen Karriereschritt gemacht. Sein Trainer ist im Übrigen ein alter Bekannter seines Vaters. Rui Jorge spielte gemeinsam mit Domingos Paciência in der portugiesischen Nationalelf und beim FC Porto, dem Klub, bei dem heute auch der 22-Jährige aktiv ist.

"Aufgrund der Tatsache, dass Gonçalo in einem Umfeld aufgewachsen ist, in dem sein Vater ähnliche Situationen erlebt hat, ist es ganz normal, dass der Spieler eine klarere Vorstellung davon hat, was diese Momente bedeuten", so der Trainer der portugiesischen Olympiaauswahl, die bereits für das Viertelfinale qualifiziert ist. "Als wir damals gemeinsam beim FC Porto spielten, war Domingos ein Spieler, der das Team immer über seinen individuellen Auftritt stellte, auch wenn er herausragend war. Dasselbe sieht man jetzt bei Gonçalo", ergänzt er mit Bezug auf den Stürmer, der in der Saison 1995/96 Torschützenkönig der portugiesischen Liga war und 1990 in Portugal zum Fussballer des Jahres gewählt wurde.

Angebot und Nachfrage
Aufgrund seines Nachnamens gehörte Gonçalo Paciência dann auch zu den wenigen Akteuren, die nach der Veröffentlichung der portugiesischen Kaderliste für das Olympische Fussballturnier internationale Aufmerksamkeit erregten. Die Nachwuchsabteilungen Portugals waren in jüngster Zeit so erfolgreich, dass das Olympiateam am Ende darunter zu leiden hatte. Einige der herausragendsten Akteure der Mannschaft, die sich mit dem zweiten Platz bei der U-21-Europameisterschaft in der Tschechischen Republik für Rio 2016 qualifizierte, kamen nämlich dieses Jahr bereits bei der UEFA EURO zum Einsatz, bei der Portugal bekanntlich den Titel holte. Darunter sind Talente wie João Mário, Raphaël Guerreiro und William Carvalho, ganz zu schweigen vom jungen Renato Sanches.

Rui Jorge, der letztes Jahr auch die U-21 trainierte, musste seinen Kader daraufhin umbauen. Paciência, der bereits auf dem europäischen Parkett zum Aufgebot gehörte, bekam eine wichtigere Stellung im Team. Bisher ist er der Herausforderung spielerisch und charakterlich mehr als gerecht geworden. "Vielleicht macht sich bei solchen Gelegenheiten die Sicherheit bemerkbar, die mein Vater mir in Bezug auf solche Situationen mitgegeben hat", meint der Stürmer, für den der erfolgreiche Auftritt Portugals bei diesem Turnier keine Überraschung ist. Seiner Ansicht nach kann man Portugal hier nur als Überraschungsteam einstufen, wenn man die Spieler nicht kennt. "Ehrlich gesagt – und bei allem Respekt für diejenigen, die diese Meinung vertreten – sind nur Außenstehende von unserem guten Abschneiden überrascht. Wir wussten schon immer, welche Qualität unsere Mannschaft hat. Das ist ein weiterer Beweis für die hervorragende Arbeit, die in Portugal geleistet wurde. Wenn viele dieser Spieler unbekannt sind, dann liegt das daran, dass sie angesichts von so vielen hochklassigen Akteuren schon lange auf eine Chance warten."

Jetzt erlebt die Fussballwelt das Ende dieser Wartezeit und entdeckt, dass die Warteschlange dieser ungemein talentierten portugiesischen Generation lang ist. Da braucht es viel Geduld… oder Paciência, wie die Portugiesen sagen.