"Ich war mit Freunden zu Hause. Es war ein merkwürdig anzusehendes Spiel."

Julian Brandt

Jeder weiß noch, wo er sich das ominöse 7:1 angesehen hat. Natürlich auch Deutschlands Olympiaauswahl-Spieler Julian Brandt. Zum vielleicht berühmt-berüchtigtsten Spiel in der Geschichte der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ muss eventuell gar nichts mehr gesagt werden. Nicht einmal die beteiligten Mannschaften müssen genannt werden. Zwei Zahlen genügen. 7:1 und Fans aus aller Welt wissen, es ist das Rekord-Halbfinale 2014 gemeint, das Mineirazo.

In der jüngeren Geschichte des brasilianischen Futebol war dieses Spiel ein absoluter Tiefpunkt, für den deutschen Fussball und seine Nationalmannschaft hingegen ein Höhepunkt vor dem Höhepunkt: dem Gewinn der Weltmeistertrophäe fünf Tage später im Maracanã-Stadion. Just dorthin kehrt nun eine deutsche Mannschaft zurück. In Rios berühmtem Rund tritt die Olympiaauswahl zu einer Neuauflage der Partie von vor zwei Jahren an, die mit einem 7:1 endete.

"In einem so berühmten Traditionsstadion zu spielen – da werden Träume wahr", gesteht Brandt mit einem breiten Grinsen. "Das Szenario von 2014 zu wiederholen, ist für die Mannschaft natürlich eine zusätzliche Motivation. Aber wir verspüren eigentlich keinen Druck, der liegt eher bei der Heimmannschaft."

So oder so: Sollten die Deutschen erneut in einem Endspiel im Maracanã-Stadion erfolgreich sein, dürfte Brandt dabei mit einiger Wahrscheinlichkeit eine Schlüsselrolle zukommen. Der Mann mit der Nummer elf ist bislang Deutschlands herausragende Offensivkraft. Und das in einer Mannschaft, die gerade nach vorn enorme Qualität besitzt. 21 Tore hat die Auswahl von Horst Hrubesch bislang geschossen. An neun davon war Brandt unmittelbar beteiligt. Sieben Mal leistete er die Vorarbeit, zwei Mal staubten Mannschaftskameraden nach seinen Torschüssen ab. So kommt es zu der etwas paradoxen Situation, dass der Spieler von Bayer Leverkusen, der in der vergangenen Saison in sechs aufeinanderfolgenden Partien für seinen Klub traf, in Rio selbst noch kein Tor auf dem Konto hat.

"Ich denke generell mehr an die Mannschaft", sagt Brandt selbst dazu. "Für mich ist es nicht so wichtig zu treffen. Immerhin sind meine Vorlagen auch etwas wert, und so kann ich mich darauf freuen, vielleicht im Endspiel ein Tor zu schießen. Das wäre doch der perfekte Zeitpunkt für mein erstes Turniertor."

Die Vorfreude ist etwas, worauf der deutsche Trainerstab bei der jungen talentierten Mannschaft größten Wert legt. Von Außenstehenden werden häufig Parallelen gezogen, zu 2014, aber auch und vor allem zu 1988, als zum letzten Mal eine deutsche Mannschaft an den Olympischen Spielen teilnahm und mit Spielern wie Jürgen Klinsmann und Karl-Heinz Riedle Bronze holte. Diese Leistung hat die Generation von 2016 bereits getoppt.

"Alles, was jetzt kommt, ist ein Bonus", sagt Brandt. "Mit 1988 lässt sich die Situation überhaupt nicht vergleichen. Das Tolle ist ja, dass unsere Mannschaft in ganz kurzer Zeit neu zusammengestellt wurde. Deshalb ist das Erreichen des Finales für uns etwas so Besonderes. Natürlich ist es unglaublich für uns, schon jetzt besser abgeschnitten zu haben als diese Legenden des deutschen Fussballs, schon jetzt Geschichte geschrieben zu haben."

Der trickreiche Mittelfeldmann mit den Spielmacherqualitäten kam anlässlich des Freundschaftsspiels gegen die Slowakei in diesem Jahr zu seinem ersten Auftritt in der A-Nationalmannschaft. Doch Brandt will mehr.

"Nun, da einige Schlüsselspieler wie [Bastian] Schweinsteiger und [Lukas] Podolski aus der Nationalmannschaft zurückgetreten sind, rücken Jüngere nach", erklärt er. "Natürlich schaue ich mit einem Auge auf die Nationalmannschaft und natürlich will ich den Sprung schaffen."

Aus diesen Worten spricht ein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, das den 20-Jährigen schon weit gebracht hat. Wer weiß, vielleicht werden sich die beiden eben genannten WM-Sieger ja bald daran erinnern, wo sie sich das Finale von Rio 2016 angeschaut haben – insbesondere wenn Brandt dort ein Treffer gelingt.