Ein Spiel am Samstag, dann ein Tag zur Erholung, dann Training von Montag bis Freitag, und dann alles wieder von vorn – der Wochenzyklus von Profifussballern kann recht eintönig werden. Ein Olympisches Fussballturnier hingegen liegt völlig außerhalb des üblichen Erfahrungsrahmens von Fussballern. Als Stuart Pearce das Team Großbritanniens bei den Olympischen Spielen von London 2012 bis ins Viertelfinale führte, war dies auch für ihn eine völlig neue Erfahrung.

Im Vorfeld des Olympischen Fussballturniers der Männer bei den Spielen von Rio de Janeiro 2016 traf sich FIFA.com mit Pearce und erfuhr von ihm so manches über das Abenteuer Olympia, das den Fernsehzuschauern rund um die Welt normalerweise verborgen bleibt. Außerdem sprach Pearce auch über die Höhepunkte seiner Karriere.

FIFA.com: Wie verlief für Sie der Übergang vom Spieler zum Trainer? Wie haben Sie diesen Wechsel empfunden?
Stuart Pearce
: Reibungslos, aber dennoch schwierig. Ich habe gespielt, bis ich 40 war. Aber schon mit 37 habe ich angefangen, meine ersten Trainerscheine zu machen. Das war eine sehr interessante Phase und hat mir als Spieler ganz neue Einblicke aus einer anderen Perspektive ermöglicht. Ich hatte das Glück, dass mich Kevin Keegan übergangslos in den Trainerstab geholt hat. Ich bin also direkt ins Trainergeschäft eingestiegen, das war sehr gut für mich. Dreieinhalb Jahre lang bin ich mit ihm in die Vorstandssitzungen gegangen, habe Gespräche mit der Finanzdirektion des Klubs geführt und meine Kenntnisse erweitert. Kevin Keegan und auch sein Assistenztrainer Arthur Cox waren hervorragende Vorbilder, Mentoren, wenn man so will. Sie haben mir enorm geholfen. Als ich dann selbst Cheftrainer wurde, kam dann die Erkenntnis: 'Jetzt bin ich wirklich kein Spieler mehr.' Manchmal war es nicht ganz leicht, an der Seitenlinie zu stehen und das Spiel analytisch zu sehen, wenn man eigentlich viel lieber auf den Platz gelaufen wäre und mitgespielt hätte.

War es nicht manchmal schwierig, sich nicht an den Neckereien und Scherzen in der Kabine zu beteiligen? Wie haben Sie es geschafft, mitzulachen und gleichzeitig die Führungsfigur zu sein?
Die schwierigste Zeit für mich war, als ich mit 35 bei Nottingham Forest vorübergehend zum Spielertrainer bestimmt wurde. Es hatte einen Eigentümerwechsel gegeben und bis man einen neuen Trainer gefunden hatte, wurde mir zeitweilig die Verantwortung übertragen. Es war sehr interessant, wie sich in der Umkleide alles änderte. Zuvor war ich viele Jahre einer der Dreh- und Angelpunkte des Teams gewesen und hatte auch in der Kabine als Kapitän im Mittelpunkt gestanden, und nun war ich plötzlich derjenige, der die Mannschaft zusammenstellte. Es war sehr interessant, wie unterschiedlich die Spieler in dieser Situation reagiert haben. Aus psychologischer Sicht hat mir das ziemlich die Augen geöffnet. Und es hat gezeigt, dass man als Trainer eben der Trainer ist und nicht einfach wieder als normaler Spieler in die Umkleide gehen kann.

Wir sind jetzt wieder in einem Olympia-Jahr. Wie sehen Sie im Rückblick das Abenteuer Olympia als Trainer von Großbritannien?
Aus heutiger Sicht und aus der Trainerperspektive heraus war es für mich eine große Ehre und ein echtes Aha-Erlebnis, an etwas beteiligt zu sein, das weit über den Fussball hinaus ging. Wir haben unseren Sport im Rahmen dieser globalen, riesigen Veranstaltung gezeigt. Das war schon ein unglaubliches Erlebnis. Auf der einen Seite absolute Professionalität, auf der anderen Seite völlige Amateurhaftigkeit – das alles zusammen war einzigartig. Da trainierten millionenschwere Athleten unmittelbar neben anderen, die reine Amateure waren Es war einfach total erfrischend. Ja, das war es wirklich. Es hat unsere Spieler regelrecht umgehauen. Am Anfang wusste niemand so recht, was uns erwartete. Aber als wir unsere Sachen abgeholt hatten und dann ins Olympische Dorf kamen, da gingen uns allen regelrecht die Augen auf. Ich bin sicher: Genau wie ich dachten auch alle Spieler: 'Das wird eine fantastische Erfahrung.'

Gibt es einen oder zwei Momente, an die Sie sich ganz besonders gern erinnern?
Ja: Als wir im Olympischen Dorf ankamen, ging ich mit fünf Spielern zu einem Regenerationstraining in eine der Sporthallen im Olympischen Dorf, weil sie tags zuvor gespielt hatten. In einer Ecke trainierte das französische Judo-Frauenteam, in einer anderen war eine russische Turnerin und wieder in einer Ecke ein paar Boxer und wir. Unseren Spielern standen regelrecht die Münder offen... In dem Moment hätte ich sagen können, was ich wollte, sie hätten mich nicht beachtet. Es war beeindruckend, wie hoch konzentriert all diese Sportler ihren völlig verschiedenen Sportarten nachgingen. Es gab einen Raum mit zahlreichen Laufbändern und bei jedem Laufband eine Warteschlange mit drei, vier Sportlern. Da wartete ein türkischer Gewichtheber, ein Schrank von einem Mann, und gleich dahinter ein zierliches Persönchen, kaum 1,50 Meter groß. Das alles wirkte schon fast bizarr. Irgendjemand hat das alles mal als 'sportlichstes Raritätenkabinett der Welt' bezeichnet. Was für ein unglaubliches Erlebnis!

Was sind Ihre schönsten Erinnerungen an die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Italien 1990™?
Meine Karriere in der Nationalmannschaft dauerte zwölf Jahre, aber ich war nur bei dieser einen WM-Endrunde dabei, als ich gerade erst zwei Jahre im Nationalteam war. Wenn man zurückblickt, war diese WM wohl so etwas wie ein Katalysator für die Premier League und für den Beginn einer neuen Ära. Viele Engländer haben damals ihre Liebe zum Fussball wiederentdeckt. Es war damals nicht gut um den englischen Fussball bestellt. In den 1980er Jahren gab es Probleme mit Hooligans, die Stadien waren veraltet, es gab die Sperre für europäische Wettbewerbe – England und der englische Fussball sorgten damals für viele Negativ-Schlagzeilen. Und als wir dann von dieser WM zurück kamen, wo wir das Halbfinale erreicht hatten, wurden wir von einer Viertelmillion Fans begrüßt... und das für ein Team, das das Halbfinale verloren hatte. Ich glaube, so etwas wäre in kaum einem anderen Land der Welt möglich.

Was sagen Sie zum aktuellen englischen Team, das im Sommer die UEFA EURO 2016 bestreiten wird?
Wir schaffen es immer noch nicht, unseren jungen Nachwuchsspielern genug Turniererfahrung zu vermitteln, bevor sie mit der Nationalmannschaft die ganz große internationale Bühne betreten. Ich denke, dass sich das sehr negativ auswirkt. Andere Länder sind da sehr viel weiter als wir. Wir haben ungefähr 40 Spieler, die in Frage kommen, aus denen wir dann 23 auswählen. Es gibt bei uns durchaus viele tolle Talente, aber die meisten von ihnen haben kaum Turniererfahrung, wenn sie dann sozusagen ins kalte Wasser geworfen werden und plötzlich bei einem großen Turnier unter Druck ihre Leistung bringen müssen. Ich denke, das Turnier ist in diesem Jahr völlig offen. Die traditionellen europäischen Spitzenmannschaften haben derzeit so ihre Probleme. Die Europameisterschaft dürfte also eine ziemlich offene Angelegenheit werden. Entscheidend wird die Tagesform sein. Man kann wohl davon ausgehen, dass Deutschland wieder sehr stark sein wird. Am Ende könnte dasjenige Team den Titel holen, dessen junge Spieler bei den großen Nachwuchsturnieren dabei waren.