Pearce: "Trainieren, um das Finale zu gewinnen"
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Nach 52 Jahren ist Großbritannien wieder mit einer Mannschaft beim Olympischen Fussballturnier vertreten. Stuart Pearce bereitet das Team auf die Spiele von London vor, wo die Briten mit dem Heimvorteil im Rücken ihre erste Fussballmedaille seit einem Jahrhundert gewinnen wollen.

Der ehemalige englische Nationalspieler und langjährige Trainer der englischen U‑21-Auswahl sprach exklusiv mit FIFA.com über das Turnier, das für die Briten am Donnerstag mit der Partie gegen Senegal beginnt.

Der Taktikfuchs sprach über die besondere Atmosphäre bei diesem Turnier, die Integration erfahrener Stars wie Ryan Giggs und den erhofften Heimvorteil.

Von allen Turnieren, bei denen Sie bisher als Cheftrainer dabei waren, ist das Olympische Fussballturnier wohl mit Abstand das wichtigste. Haben Sie bei der Vorbereitung einen anderen Ansatz verfolgt?
Ehrlich gesagt nicht. Wir haben im vergangenen Sommer sehr gute Erfahrungen gemacht. Der einzige kleine Unterschied zu anderen Turnieren, bei denen ich dabei war, besteht darin, dass diese meist am Ende unserer Saison lagen. Daher haben wir das Training etwas anders aufgebaut. Die FIFA U‑20‑Weltmeisterschaft in Kolumbien lag ungefähr um die gleiche Zeit. Dort haben ich selbst und die Mehrheit meines Stabes wichtige Erfahrungen gesammelt, die wir jetzt hier einbringen können. Die Vorbereitung ist im Großen und Ganzen sehr ähnlich abgelaufen. Ein Unterschied lag darin, dass wir etwas größeren Wert auf die Physis gelegt haben, als vor anderen Turnieren.

Worauf lag der Schwerpunkt des Trainings, für das Sie ja nur recht wenig Zeit mit der Mannschaft zur Verfügung hatten? Taktik, Teamgeist, Gegner?
Ich denke, dass wir eine ganz gute Balance gefunden haben. Dabei haben wir insbesondere darauf geachtet, dass wir die Spieler physisch genau rechtzeitig vor der Auftaktpartie gegen Senegal in Topform haben müssen. Wir wussten bei unserem ersten Vorbereitungsspiel gegen Mexiko, dass die Mannschaft noch nicht in Bestform war und dass wir auch die Aufstellung noch ändern konnten. Das war auch gegen Brasilien so. Wichtig ist einzig, dass wir gegen Senegal in optimaler Form und Formation antreten.

Wie sind Sie bei der Auswahl der Spieler über der Altersgrenze vorgegangen?
Eigentlich war das ganz einfach. Wir haben uns die jungen Spieler angesehen und geschaut, wie wir aus ihnen ein Team formen können. Dann haben wir analysiert, auf welchen Positionen wir Schwächen hatten. Vorn musste wir unbedingt Craig Bellamy integrieren, und hinten Micah Richards. Ryan Giggs wiederum hat sich in diesem Jahr einfach in herausragender Form präsentiert. Wir haben uns die Youngsters auf dem Papier angesehen und uns dann einfach gefragt: "Wo sind wir stark besetzt? Wir können drei ältere Spieler integrieren, auf welchen Positionen sind wir vielleicht etwas schwach besetzt?" Genau so haben wir es gemacht und damit das Rückgrat des Teams erheblich verstärkt.

Halten Sie es für einen Vorteil gegenüber Ihrer sonstigen Arbeit mit der U‑21-Auswahl, dass Sie hier einige gestandene Spieler im Kader haben?
Ja, auf jeden Fall. Wir haben dies auch bei der Vorbereitung ausgenutzt, auch ich als Trainer. Ryan Giggs ist der Kapitän der Mannschaft und wir haben ihn auch zu den Besprechungen des Trainerstabes geholt und mit ihm über das Training gesprochen. Dabei hat er uns eine Menge über die Spieler und die Stimmung im Kader erzählt, das war wichtiges Feedback. Das mache ich normalerweise mit der U‑21-Auswahl nicht, und auch nicht auf Klubebene. Das war also auch für mich etwas ganz Neues und es hat wirklich prima funktioniert. Ich denke, dass auch für Ryan diese Einblicke sehr interessant waren. Er hat einfach unendlich viel Erfahrung und schon so viele Erfolge gefeiert. Mit seiner sehr vernünftigen Art hilft er einfach allen, nicht nur sich selbst. Insofern ist es also ein sehr großer Vorteil, ihn im Kader zu haben.

Teams wie Brasilien, Uruguay oder Mexiko haben viel länger als Sie gemeinsam trainiert. Empfinden Sie das als Nachteil?
Wir sind in einer anderen Situation. Wir mussten uns nicht qualifizieren, während die anderen 15 Teams alle durch die Qualifikation mussten. Das sorgt natürlich für ein stärkeres Kollektiv. Schließlich haben sie viel länger Zeit, die Mannschaft vorzubereiten, mehr Zeit für die Trainer, mit den Spielern zu arbeiten und sie besser kennen zu lernen. Was das angeht sind wir also tatsächlich leicht im Nachteil. Aber dafür haben wir auch einen Vorteil auf unserer Seite, nämlich dass wir im eigenen Land spielen. Wir hoffen, dass sich unsere Fans voll und ganz hinter uns stellen und für den ganz besonderen Motivationsschub sorgen. Unsere Spieler waren wohl etwas verunsichert und wussten nicht so recht, was sie erwarten sollten, als sie vor zwei Wochen ankamen. Aber als sie dann alle ihre Ausrüstung bekommen haben und ins Olympische Dorf eingezogen sind, da ist ihnen wohl die immense Bedeutung des Turniers klar geworden. Das müssen wir jetzt zu unserem Vorteil nutzen.

Gibt es einen Aspekt, der Sie bei dieser wirklich weltumspannenden Veranstaltung, die ja weit über den Fussball hinausgeht, ganz besonders beeindruckt hat? Für die Spieler ist das ja sowieso alles Neuland, aber auch Sie selbst waren bei so einem Ereignis noch nie dabei…
Das stimmt allerdings. Ich war als Spieler bei Welt- und Europameisterschaften und auch als Trainer der U‑21-Auswahl, aber das hier ist doch noch einmal etwas anderes. Ich spreche immer wieder mit den Spielern darüber. Man kann es nicht richtig in Worte fassen, aber es gibt hier eben das gewisse Etwas. Die ganze Sache ist noch etwas größer als wir es normalerweise gewöhnt sind. Es ist wie gesagt schwer, das genau zu beschreiben. Aber es ist etwas anderes und ich denke, dass auch die Spieler das spüren. Und natürlich ist es auch ein sehr wichtiges Fussballturnier. Die Europameisterschaft ist vorbei und jetzt konzentriert sich alles auf die Olympischen Spiele. Wir sind in der heißen Phase und müssen bereit sein. Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Gruppenspiele ausverkauft sind und dass die Fans uns so nach vorn treiben, wie wir es brauchen.

Welchen Herausforderungen sehen Sie sich in der Gruppenphase gegenüber?
Es wäre eine Dummheit, auch nur einen unserer Gegner auf die leichte Schulter zu nehmen. Natürlich kennen wir [Liverpools Stürmer] Suarez sehr gut, und [Edinson] Cavani hat im Europapokal gespielt. Das sagt ja wohl klar und deutlich, dass wir der uruguayischen Offensive mit Respekt entgegentreten. Senegal hat gerade erst einen 2:0-Sieg gegen Spanien gefeiert, und ich habe das Spiel gegen Oman gesehen, mit dem sich Senegal qualifiziert hat. Die Vereinigten Arabischen Emirate wiederum haben nicht weniger als 17 Vorbereitungsspiele hinter sich. Dieses Turnier gewinnt nicht unbedingt die beste Mannschaft, sondern diejenige, die sich am besten erholt, die am besten mit dem Reisen klarkommt, die am wenigsten mit Sperren und Verletzungen zu tun bekommt. Es gibt noch viele weitere Faktoren. Sehr viele Aspekte werden dazu beitragen, wer am Ende als Sieger dasteht. Schließlich muss man sechs Spiele innerhalb von nur 17 Tagen gewinnen. Das ist für jedes Team eine gewaltige Herausforderung.

Sie haben es schon angesprochen: Bei Uruguay stehen Stars wie Suarez und Cavani im Kader und bei Brasilien sind Marcelo, Hulk und Thiago Silva dabei. Haben Sie das Gefühl, dass Sie bei der Wahl der Spieler über der Altersgrenze wegen der Europameisterschaft etwas eingeschränkt waren?
Ja, und sogar auch bei den Spielern unter 23. Nicht weniger als acht Spieler unter der Altersgrenze sind zur Europameisterschaft gefahren und standen mir damit nicht zur Verfügung. Wir haben Glück, dass wir zumindest Torhüter Jack Butland bekommen haben. Es sind somit sieben Spieler nicht verfügbar, die eigentlich spielberechtigt gewesen wären – von den Spielern über der Altersgrenze ganz zu schweigen. Die 18 Spieler, die wir jetzt zusammen haben, bekommen dafür eine fantastische Gelegenheit. Die meisten von ihnen hätten in jedem Fall im Kampf um die Plätze im Kader gute Chancen gehabt. Wenn ein Trainer sein Team zusammengestellt hat, dann geht es nur noch um diejenigen, die dabei sind.

Welche Hoffnungen haben Sie in Bezug auf das Turnier? Sind Medaillenhoffnungen realistisch?
Ich stelle mein Team darauf ein, den ganzen Weg zu gehen und das Finale zu gewinnen! Wir trainieren, um das Finale zu gewinnen, wir üben Elfmeter, um das Finale zu gewinnen. Ich wäre ehrlich gesagt enttäuscht, wenn einer der 16 Trainer eine andere Mentalität hätte. Wir haben ja gesehen, was auf englischen, bzw. britischem Boden möglich ist. 1966 wurde die WM im eigenen Land gewonnen, bei der EURO 96 haben wir das Finale nur ganz knapp verpasst... Der Heimvorteil spielt im Fussball überall auf der Welt eine sehr wichtige Rolle. Wir müssen also dafür sorgen, dass wir mit unseren Leistungen die Zuschauer in Massen ins Stadion holen.