Bobrov und eine unglaubliche Aufholjagd
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Hätte man als Zuschauer an diesem Freitag, 20 Juli 2012, vor 60 Jahren im Ratina-Stadion in Tampere vor Anpfiff der Begegnung auf die Anzeigetafel geblickt, hätte man festgestellt, dass man zu einer begeisternden Kulisse von 17.000 Zuschauern gehört, die gespannt darauf wartete, wie sich zwei Länder um den Einzug ins Viertelfinale des Olympischen Fussballturniers duellieren. Nach 75 absolvierten Spielminuten dekorierten andere beachtliche Zahlen die Anzeigetafel: Jugoslawien – Sowjetunion 5:1.

Die Jugoslawen hatten vier Jahre zuvor bereits die Olympische Silbermedaille errungen. Dieses Mal hatten sie ihr erstes Spiel mit 10:1 gewonnen, schienen auf dem Weg zum zweiten Kantersieg und waren Favorit auf den Gewinn der Goldmedaille. Niemand hätte vorausahnen können, welches Martyrium ihnen der sowjetische Bär noch bereiten sollte, der eine Viertelstunde vor dem Ende bereits erlegt und gehäutet schien. Niemand - außer dem Mann im roten Trikot mit der Nummer neun.

Nur zwei Jahre zuvor war Vsevolod Bobrov dem möglichen Tod entronnen, als er sich in letzter Minute entschied, den Zug zu nehmen, statt mit dem Rest seines Teams ins Flugzeug zu steigen, das schließlich abstürzte. Nun war es für ihn an der Zeit, sein Land vor dem sicheren Tod im Olympischen Fussballturnier zu bewahren.

Der 29-jährige Stürmer von VVS Moskau, der den ersten Treffer für die Sowjetunion erzielt hatte, begann das Unmögliche möglich zu machen, indem er Vassili Trofimov mit einer Torvorlage bediente. Jugoslawien führte nur noch 5:2. Bobrov verkürzte den Vorsprung sogleich noch weiter durch einen gewaltigen Fernschuss, bevor er in der 87. Minute schließlich seinen Hattrick komplettierte. Seine Mannschaft war nur noch ein Tor von einem Wiederholungsspiel entfernt. Und tatsächlich belohnte sie sich mit der Vertagung der Entscheidung, als Mittelfeldmann Aleksandr Petrov Sekunden vor Schluss ausglich.

Die Sowjetunion hatte in den letzten 14 Spielminuten vier Treffer am Stück erzielt und damit eine der bis heute sensationellsten Aufholjagden in der Geschichte des Fussballs gezeigt. Obwohl Bobrov zwei Tage später im Wiederholungsspiel die frühe Führung erzielte, gewann Jugoslawien jene Partie am Ende mit 3:1, die den letzten Auftritt des Altstars für das Team bedeuten sollte.

Kurioserweise konnte Bobrov am Ende allerdings doch noch eine Olympische Goldmedaille gewinnen. Er gehörte nämlich nicht nur zu den talentiertesten sowjetischen Fussballern seiner Generation, er war auch der beste Eishockeyspieler des Landes. Und 1956 führte er die Osteuropäer zum glorreichen Triumph bei den Olympischen Winterspielen.

Ein Beleg für Bobrovs außerordentliche Klasse war sein dritter Platz bei der Wahl zu Russlands Sportler des 20. Jahrhunderts. Vor ihm landeten lediglich der legendäre Torhüter Lev Yashin und der Ringer Alexander Karelin, der 13 Jahre lang unbesiegt blieb und als einer der dominierendsten Sportler aller Zeiten gilt.

Trotzdem könnte man nur schwerlich behaupten, dass diese beiden Olympischen Goldmedaillen-Gewinner, ob zwischen den Pfosten oder auf der Matte, eine großartigere individuelle Leistung abgeliefert hätten als es Bobrov am 20. Juli 1952 gelang. Eine jugoslawische Mannschaft und ein Stadion voller Finnen können dies bestätigen.