Exklusives Interview

Griezmann: "Uns fehlte etwas Glück"

(FIFA.com)
Atletico Madrid's French forward Antoine Griezmann celebrates
© AFP

2016 war zweifellos das beste Jahr seiner Karriere, doch gleichzeitig auch das Jahr, in dem er seine beiden größten Enttäuschungen erlebte. Antoine Griezmann etablierte sich nämlich unter den besten Spielern der Welt. Gemeinsam mit Lionel Messi und Cristiano Ronaldo zählte er zu den Finalisten um die Auszeichnung The Best – FIFA-Weltfussballer 2016 und erreichte mit Atlético Madrid das Finale der UEFA Champions League und mit der französischen Nationalmannschaft das Endspiel der UEFA EURO 2016. Allerdings musste er dann in beiden Endspielen Niederlagen einstecken.

Doch der Stürmer gehört zu denjenigen, die lieber das Positive im Blick behalten. Er konzentriert sich nun zu 100 Prozent auf die vor ihm liegenden neuen Herausforderungen. In diesem Exklusiv-Interview mit FIFA.com spricht er über seine Vorliebe für spanische Sitten und Gebräuche, die Rolle von Diego Simeone bei seiner spielerischen Entwicklung sowie über die gute Rolle, die Les Bleus seiner Meinung auf dem Weg zur FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018™ spielen werden.

Antoine, am Dienstag wird der Spielbetrieb in der UEFA Champions League wieder aufgenommen, und Atlético will erneut ganz hoch hinaus. Steht dem Team nach dem verlorenen Finale des letzten Jahres der Sinn nach Revanche?
Ja natürlich. Ich habe hervorragende Erinnerungen an die letzte Saison, aber die Niederlage in diesem Finale und auch die im Endspiel der EURO mit der französischen Nationalmannschaft gehörten zu den größten Enttäuschungen meiner Karriere. Daher ist der erneute Einzug in ein Finale eines meiner wichtigsten kurzfristigen Ziele, und ich bin überzeugt davon, dass ich es diesmal gewinnen werde.

Bleibt nach diesen Niederlagen eher ein positives oder ein negatives Gefühl?
Von beidem etwas. Die Spieltage selbst – vor den Spielen und während der Spiele – waren spektakulär. Das waren meine ersten Endspiele, und es war nicht leicht, sie zu verlieren. Schon als Kind, in meinem Heimatort Mâcon, habe ich nicht gern verloren und wollte lieber nicht sehen, wie die anderen Teams am Ende Trophäen in die Höhe reckten. Genauso war es mit Real Madrid in der Champions League! Bei der EURO war das anders. Dort habe ich mir angesehen, wie die Portugiesen gefeiert haben, weil ich mir gesagt habe, dass ich beim nächsten Mal an ihrer Stelle sein würde. Eine bessere Motivation konnte es nicht geben.

Haben Sie sich die beiden Spiele noch einmal angesehen?
Nein, nein. Ich muss etwas gestehen... Ich habe mir alle Partien der Champions League und der EURO noch einmal angesehen, aber nach den Halbfinalspielen habe ich Schluss gemacht! [lacht].

Trotz dieser Niederlagen war 2016 für Sie ein wirklich spektakuläres Jahr – so gut, dass sie in die Endauswahl für die Auszeichnung "The Best – FIFA-Weltfussballer" gekommen sind. Wie haben Sie sich bei der Gala in Zürich gefühlt?
Ich war sehr zufrieden, sehr stolz. Für mich war es ein Traum, unter den besten Spielern der letzten Saison zu sein, und ich hoffe, dass ich diesen Weg fortsetzen kann. Klar ist aber auch, dass ich das ohne meine Teamkameraden aus dem Verein und der Nationalmannschaft nie geschafft hätte. Ihnen gebührt dieselbe Anerkennung.

Wir können uns vorstellen, dass auch Ihr Trainer Diego Simeone seinen Beitrag geleistet hat…
Ja, natürlich! Er hat mich verändert und mich spielerisch um so viele Dinge bereichert, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Sagen wir einmal, ohne ihn würde ich nicht zu den besten Spielern der Welt zählen. Er hat mir vor allem dabei geholfen, im Abschluss effektiver zu werden und alle Chancen zu nutzen. Und natürlich hat er mir beigebracht, unermüdlich zu rennen und mich für das Team aufzuopfern. Anders kann man bei Atlético keinen Erfolg haben!

Was hat er Ihnen am Tag des Finales gegen Real Madrid gesagt?
Seine Worte waren sehr wichtig für mich, weil ich nach dem verschossenen Elfmeter das Gefühl hatte, ich sei schuld an der Niederlage. Er kam auf mich zu und sagte mir, genau das Gegenteil sei der Fall. Ich sei fundamental für die Mannschaft gewesen, solle mir keine Sorgen machen und dass wir nun mit Hochdruck daran arbeiten müssten, erneut so weit zu kommen.

In jüngster Zeit hat es Spekulationen um Ihre Zukunft gegeben. Wie fühlen Sie sich bei Atlético?
Sehr gut, sowohl beim Klub als auch in Madrid. Auf persönlicher Ebene bin ich sehr zufrieden mit dem Leben dort, und was den Fussball betrifft, so stehen wir vor dem Umzug in ein neues Stadion, und das ist sehr wichtig. Was in Zukunft passiert, bleibt abzuwarten, aber im Augenblick bin ich hier sehr zufrieden und hoffe, mit diesem Klub Trophäen zu gewinnen.

Wenn man Sie so reden hört, hat man fast den Eindruck, man spräche mit einem Spanier. Fühlen Sie sich ein bisschen wie einer?
Ja, tatsächlich fühle ich mich ziemlich spanisch. Ich esse um zwei Uhr nachmittags, spreche mit meiner Frau und meiner Tochter Spanisch und selbst wenn ich verärgert bin, denke ich in dieser Sprache! So gesehen stimmt es also, aber das Gefühl ändert sich vollständig, wenn es um die Nationalmannschaft geht. Hier gilt meine ganze Liebe Frankreich, da gibt es keinen Zweifel.

Thema französische Nationalmannschaft: Glauben Sie, dass das Team bereit ist, den letzten Schritt zu tun, nachdem man 2014 in Brasilien und bei der Euro knapp am großen Erfolg vorbeigeschrammt ist?
Uns fehlte etwas Glück. Wir haben eine sehr gute WM gespielt, und bei der EURO waren wir fast perfekt, aber im Finale hat Portugal gut verteidigt und seine Chance genutzt. Aber ich bin Optimist. Ich glaube, dass wir eine sehr talentierte Mannschaft und einen guten Trainer haben. Die Stimmung im Team ist ausgezeichnet. Wir sind gut in die Qualifikation für Russland 2018 gestartet, und ich glaube, dass wir viel erreichen werden.