Lange im Schatten von Franz Beckenbauer und Uli Hoeneß führt Karl-Heinz Rummenigge den FC Bayern München heute souverän. FIFA Weekly traf den ehemaligen Weltklassestürmer, der an diesem Freitag seinen 60. Geburtstag feiert, zum Gespräch.

Karl-Heinz Rummenigge, Sie werden am 25. September 60 Jahre alt und haben sich in Ihrem Leben nun schon über 34 Jahre als Weltklassespieler, als Vizepräsident des Vereins und seit 2002 als Vorstandsvorsitzender der Bayern München AG für den erfolgreichsten deutschen Fussballklub engagiert. Staunen Sie selbst manchmal über diese unzertrennliche Liaison?
Leben bedeutet auch Glück. Als Bayern München bei uns zu Hause anrief und mich fragte, ob ich mir vorstellen könne, für diesen damals schon international renommierten Klub zu spielen, hat meine Mutter zunächst einen schönen Schreck gekriegt. Ich habe, als ich 1974 mit 19 Jahren vom westfälischen Amateurklub Borussia Lippstadt für eine Ablösesumme von 17.500 Mark nach München wechselte, natürlich meine große Chance gewittert. Zu meiner zweiten Karriere als führender Repräsentant des FC Bayern kann ich nur sagen, dass ich das Glück hatte, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein. Meine Gelegen­heiten, dem Verein auch nach meiner aktiven Laufbahn zu dienen, habe ich so entschlossen zu nutzen versucht wie jene als Stürmer vor dem gegnerischen Tor.

Dabei galten Sie in Ihrem ersten Jahr als Bayern-Profi noch als ziemlich schüchtern...
Das ist ja auch nicht ganz verwunderlich, wenn man mit 19 seine Lehrzeit in einer Mannschaft von Weltstars beginnt, in der Koryphäen wie Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Sepp Maier oder Uli Hoeneß kurz zuvor in München Weltmeister geworden waren.

Was hat Ihnen dann den entscheidenden Schub auf dem Weg zu einem Weltklasseangreifer gegeben?
Der liebe Gott hat mir das Talent gegeben, und ich fühlte mich nach einer kürzeren Anlaufzeit in der Pflicht, etwas Gescheites daraus zu machen. Danach hat sich meine Profilaufbahn ganz ordentlich entwickelt.

Das kann man wohl sagen, wenn man sich die gewonnenen Titel anschaut...
Meine Zeit als Spieler war herrlich, vor allem, weil man als Profi immer an dem entscheidenden Knopf drehen konnte. Was mir ebenfalls sehr geholfen hat, waren meine Auslandserfahrungen zum Ende meiner Laufbahn - vor allem bei Inter Mailand, aber auch bei Servette Genf. Die Jahre fern von München haben mich inspiriert fürs Leben. Ich profitiere davon noch heute in meinem zweiten Beruf, in dem ich mit meinen Kollegen dafür sorgen muss, dass die finanziellen Rahmenbedingungen stimmen und der Klub solide und seriös geführt wird.

Sie gelten, weil Sie international eng vernetzt sind, nicht zuletzt durch Ihre Aufgabe als Vorsitzender der European Club Association, auch seit Langem als "Außenminister" des FC Bayern. Was hat Sie dazu prädestiniert?
Ich habe die ganze Welt wegen des Fußballs sehen dürfen. Und in diesem Sport, wie in vielen anderen Berufen, ist es extrem wichtig, ein Netzwerk zu haben. Dafür muss man häufig vor die Tür gehen und gern reisen. Man sieht und lernt ständig etwas Neues und baut zu vielen Menschen Verbindungen auf, die einem gelegentlich helfen können. Ich war in meiner Zeit als Vizepräsident von Bayern München zwischen 1991 und 2002 sehr viel unterwegs, auch um mich bei anderen Klubs wie Ajax Amsterdam, Manchester United oder Real Madrid schlauer zu machen. Dabei konnte ich mich im Windschatten unseres damaligen Präsidenten Franz Beckenbauer und unseres Managers Uli Hoeneß kontinuierlich entwickeln. Diese Chance habe ich genutzt. Damals konnte man noch mit ­Rettungsring ins kalte Wasser springen. Heute, da alles, was man tut oder lässt mehr oder weniger intensiv von der Öffentlichkeit begleitet wird, musst du ohne Rettungsring reinhüpfen.

Der gebürtige Münchner Beckenbauer und der Schwabe Hoeneß, jahrelang Herz und Seele des FC Bayern, waren immer populärer als Sie und schienen immer im Vordergrund zu stehen. Hat Sie das irgendwann gestört?
Ich bin kein Mensch, der neidisch ist. Franz' Charme und seine bayerische ­Lebensart sind sowieso unübertroffen. Und mein Freund Uli war immer der Spiritus Rector unseres Klubs. Jeder verdient, was ihm zukommt. Mir als etwas weniger emotionalem Westfalen war es immer eine Freude und überaus angenehm, mit den beiden zusammenzuarbeiten.

Sie waren in 51 Spielen Kapitän der deutschen Nationalmannschaft und haben dort schon früh wie im Verein Verantwortung übernommen. Hilft Ihnen dieser Wesenszug auch heute noch, da Sie den Klub mit den weltweit meisten Mitgliedern (258.000) und einem Jahresumsatz von 540 Millionen Euro führen?
Zweifellos. Wer Verantwortung übertragen bekommt, muss damit auch verantwortlich umgehen und alles zum Wohle dieses großen Klubs tun. Wir haben hier bei den Bayern gute Leute und extrem gute Hierarchien. Unser Klub ist vorzüglich aufgestellt, und jeder weiß, was von ihm verlangt wird.

Eine ganze Menge bei dem ungebrochen rasanten Wachstum dieses Weltklubs...
Wir haben hier Mitglieds- und Umsatzsteigerungen hinter uns, die atemraubend sind. Wir müssen immer aufpassen, dass dabei alle gesund bleiben und in der Höhenluft ohne Schnappatmung auskommen. Falls nicht, muss mich jemand runterziehen, denn wenn man hoch fliegt, braucht man jemanden, der einen auch mal hart landen lässt.

Haben Sie sich, verheiratet mit Ihrer Jugendliebe Martina und Vater von fünf erwachsenen Kindern, mit steigendem Alter verändert?
Ich bin heute entspannter gegenüber meinen Enkeln als gegenüber meinen eigenen Kindern früher. Ich versuche insgesamt, so entspannt wie möglich mit den Dingen umzugehen, die auf mich zukommen.

Wären Sie lieber in der heutigen Zeit Fussballprofi?
Diese Frage habe ich mir nie gestellt. Ich weiß nur, dass die heutige Zeit viel schnell­lebiger ist als in meinen besten Profijahren. Ich habe unserem Kapitän Philipp Lahm einmal gesagt: 'Ihr seid viel bessere Profis heute, als wir früher. Viel seriöser, viel intensiver.' Von den Spielern wird in jeder Hinsicht deutlich mehr verlangt als von uns damals. Sie verdienen zwar auch viel mehr Geld als wir früher, aber sie müssen auch viel mehr dafür leisten.