Man kann wohl ohne Übertreibung behaupten, dass die letzten drei Jahre die erfolgreichsten in der Geschichte des isländischen Fussballs waren. Nachdem sie auf dem Weg zur FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014™ nur um Haaresbreite gescheitert waren, haben sich die Kicker aus dem hohen Norden jetzt auf spektakuläre Weise erstmals für ein großes internationales Turnier qualifiziert, nämlich die UEFA EURO 2016.

Eine der Hauptfiguren auf dem Weg nach Frankreich war Gylfi Sigurdsson, der elegante und dennoch brandgefährliche Mittelfeldspieler in Diensten von Swansea City, der reihenweise Tore und Vorlagen zu dieser beispiellosen Erfolgsserie beigetragen hat. Kein Land in den Top 50 der FIFA/Coca-Cola-Weltrangliste kann ein besseres Verhältnis zwischen Weltranglistenpunkten und Einwohnern vorweisen als Island, mit seinen gerade einmal 330.000 Einwohnern das kleinste Land, das jemals an einer EM-Endrunde teilgenommen hat.

FIFA.com sprach mit Islands Starspieler über zahlreiche Themen wie sein Vorbild David Beckham, den Motivationsschub durch das knappe Scheitern auf dem Weg nach Brasilien und seine Reaktionen auf den historischen Erfolg seines Teams.

Können Sie Ihre Gefühle nach dem Spiel gegen Kasachstan beschreiben, als Sie die Qualifikation für die EURO 2016 erreicht hatten?
Nein, das ist fast unmöglich! Es war ein unglaubliches Gefühl. Wir hatten uns vor der WM-Qualifikation das Ziel gesetzt, es zur WM-Endrunde zu schaffen. Dann sind wir in den Playoffs um Haaresbreite gescheitert. Also haben wir uns für die EURO erneut das Ziel gesetzt, uns zu qualifizieren. Als wir dann bei der Auslosung mit den Niederlanden, Tschechien und der Türkei in einer Gruppe landeten, hielten die meisten von uns das Erreichen dieses Zieles allerdings für unmöglich. Dass es uns nun gelungen ist, das Ziel sogar schon zwei Spiele vor Schluss zu erreichen, ist einfach ein unglaublicher Erfolg. Das Gefühl, dass wir nun tatsächlich auf dem Weg zur Endrunde sind, ist fantastisch.

Haben Sie auch einen Eindruck von der Stimmung in Island bekommen?
Während der WM-Qualifikation war das Medieninteresse sehr groß und es kamen auch viel mehr Zuschauer zu den Spielen. Viele haben uns auch zu Auswärtsspielen begleitet. Das Interesse am Team war viel größer als je zuvor in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren. In der jetzigen Qualifikation haben wir unglaubliche Unterstützung bekommen. Zum Spiel in den Niederlanden sind 3.000 Fans mitgereist – ein Prozent der Gesamtbevölkerung! Das ist einfach unglaublich. Und das wir dann den Sack gegen Kasachstan vor eigenem Publikum zumachen konnten, hat dem Ganzen natürlich die Krone aufgesetzt.

Die starken Auftritte Islands in der Qualifikation für Brasilien 2014 kamen für viele noch überraschend. Genießt der isländische Fussball jetzt mehr Respekt?
Ja, und das ist auch gut so. Schließlich war das ja schon eine sehr schwere Gruppe. Dass wir die Niederlande zwei Mal besiegen konnten, ist für ein kleines Land wie unseres ein unglaubliches Gefühl. Natürlich wollen wir jetzt auch den Gruppensieg. All die Anerkennung, die wir jetzt erfahren, ist jedenfalls durchaus verdient.

Wie war die Qualifikation für sie persönlich? Schließlich haben Sie insgesamt drei Tore gegen die Niederlande erzielt, in zwei Partien, die man ohne Übertreibung zu den größten in der Geschichte des isländischen Fussballs zählen kann...
Sowohl die WM-Qualifikation als auch die EM-Qualifikation sind für mich persönlich sehr gut verlaufen. Neben diesen drei Toren gegen die Niederlande waren es noch ein paar mehr. Es ist also für mich persönlich fantastisch gelaufen. Aber auch wenn man das gesamte Team und all die Ergebnisse betrachtet, die wir eingefahren haben, hat jeder einzelne Spieler in der Qualifikation einfach Herausragendes geleistet.

Fahren Sie mit bestimmten Erwartungen nach Frankreich?
Im Moment wollen wir zunächst einmal die Gruppe gewinnen, damit wir bei der Auslosung einen besseren Platz auf der Setzliste bekommen. Dann müssen wir abwarten, in was für einer Gruppe wir landen. Aber eigentlich können wir ganz ohne Druck in das Turnier gehen, denn wir haben schon sehr viel erreicht. Ich denke, die meisten Spieler werden diese Erfahrung einfach in vollen Zügen genießen wollen. Aber natürlich wollen wir auch versuchen, die Gruppe zu überstehen und den Einzug in die K.o.-Runde zu schaffen. Wenn uns das gelingt, dann werden wir sehen, wie es weitergeht.

In der Qualifikation für Brasilien haben Sie großartig gekämpft und waren ganz nah dran am Erfolg. Wie war die Reaktion nach dem Ausscheiden in den Playoffs? Hat Ihnen das Auftrieb für die EM-Qualifikation gegeben?
Ja, ich denke schon. Natürlich war das eine Riesenchance, es zur WM-Endrunde und nach Brasilien zu schaffen. Doch nachdem wir in der gesamten Gruppenphase so gut gespielt hatten, waren wir dann wohl etwas zu selbstsicher, als wir gegen Kroatien nur noch ein Spiel vom großen Ziel entfernt waren. Auch die fehlende Erfahrung des Teams hat wohl eine Rolle gespielt. Wir waren noch nie in einer ähnlichen Situation gewesen, so nah an einer Endrunde eines großen Turniers. Die Kroaten waren uns wegen ihrer Erfahrung und Reife überlegen. Wir waren ganz nah dran. Das Gefühl nach dieser Niederlage und die Stimmung in der Kabine haben uns allerdings nur weiter angespornt. Das hatten wir während des gesamten Wettbewerbs im Hinterkopf.

Ihr Können bei Freistößen war ein wichtiger Erfolgsfaktor bei diesem Lauf. Sie haben ein paar wirklich spektakuläre Treffer erzielt. Haben Sie das schon früh geübt?
Als Kind habe ich regelmäßig die Spiele der Premier League verfolgt und habe immer wieder David Beckham mit seinen grandiosen Freistößen gesehen. Es war vielleicht ein Glücksfall, dass ich ihn Woche für Woche im Fernsehen beobachten konnte. Ich habe also schon Freistöße trainiert, als ich noch in Island war, und das habe ich auch nach meinem Weggang einfach immer weiter gemacht. Mein Vater hat damals auch in Island gespielt und ist dann für ein paar Jahre nach Schweden gegangen. Er und mein Bruder haben mich immer mit raus genommen, als ich noch klein war. Dass ich damals so viel Fussball gesehen habe, hat mir geholfen, mein eigenes Spiel zu perfektionieren. Beckham und Frank Lampard habe ich besonders gern gesehen. Lampard hat sehr viele Tore aus dem Mittelfeld erzielt und es war kaum möglich, nicht zu ihm aufzublicken.

Sie werden auch auf dem Weg zur FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018™ wieder auf Kroatien treffen. Was für ein Gefühl war es, als die Kugel mit Kroatien gezogen wurde?
Durchaus zwiespältig. Die Kroaten haben ein tolles Team, aber wir haben erst kürzlich gegen sie gespielt, und das ist gut, denn wir kennen sie und wissen, was wir von ihnen zu erwarten haben. Wir sind wieder in einer sehr schweren Gruppe gelandet [neben Kroatien noch Ukraine, Türkei und Finnland, Anm. d. Red.]. Das liegt wohl in erster Linie an unserer Positionierung in den Setzlisten der vergangenen Jahre. Hoffentlich wird es jetzt bei den nächsten Turnieren etwas leichter für die jüngeren Spieler, die nach oben drängen.

Erwarten Sie nach der Teilnahme am Turnier in Frankreich ein noch größeres Selbstbewusstsein im Team?
Das hoffe ich, auf jeden Fall. Die Erfahrung eines großen Turniers wird uns sehr helfen und uns zeigen, wie es ist, dabei zu sein. Nachdem wir es nun zur Europameisterschaft geschafft haben, wollen wir natürlich auch den ganzen Weg bis zur nächsten WM-Endrunde schaffen. Ein guter Start in die Gruppe wäre dabei sehr viel wert.

Island und Swansea sind Teams, die ihre Ressourcen optimal nutzen können. Swansea hatte beispielsweise in der gesamten englischen Premier League in der vergangenen Saison das beste Verhältnis von investiertem Geld zu erkämpften Punkten. Island belegt in der Weltrangliste derzeit Platz 23. Sehen Sie Ähnlichkeiten zwischen beiden Teams?
In gewisser Weise schon. Die Kader und die Spieler ähneln sich insofern, als dass alle Spieler gute Freunde sind. In diesem Bereich gibt es keinerlei größere Probleme. Aber fussballerisch gibt es doch einige Unterschiede. Mit Island spielen wir ein 4-4-2, während wir mit Swansea ein 4-3-3 praktizieren. Die Ähnlichkeiten sind also eher im persönlichen als im fussballerischen Bereich zu finden. Bei Island ist der harte Kern der Truppe schon zusammen, seitdem die Spieler 16, 17 Jahre alt waren.