Mit dem Begriff einer "Turniermannschaft" wird gemeinhin das Team des dreimaligen FIFA Weltmeisters aus Deutschland in Verbindung gebracht, doch geht es nach Emre Belözoğlu, dann hat auch die Landesauswahl der Türkei diese Bezeichnung mehr als verdient. "Wir hatten in der Vergangenheit schon oft problematische Qualifikationen zu überstehen, doch wenn wir es dann zur Endrunde geschafft hatten, dann haben wir immer bewiesen, dass wir eine Turniermannschaft sind", erklärt der Kapitän der Millîler im exklusiven Interview mit FIFA.com selbstbewusst.

Auch ganz aktuell steckt der WM-Dritte von 2002 in einer dieser "schwierigen Qualifikationen". In der Gruppenphase landete man hinter der DFB-Auswahl nur auf Rang zwei und muss nun gegen Kroatien in zwei Playoff-Spielen am Freitag und Dienstag um das Ticket zur UEFA EURO 2012 kämpfen. "Die Kroaten haben, meiner Meinung nach, einen sehr starken Gegner zugelost bekommen. Die Siegformel ist ein guter Kampf auf dem grünen Rasen und hohe Konzentration. Man darf nicht vergessen, dass es zwei Spiele gibt. Wenn wir uns einen Vorteil im Hinspiel verschaffen können, dann müssen wir diesen im Rückspiel nur noch verteidigen." 

In der Istanbuler Türk Telekom Arena wird es am Freitag dabei vor allem auch auf die fast 50.000 Fans auf den Rängen ankommen. Das erst im Januar 2011 eingeweihte Stadion, das als Heimstätte von Galatasaray fungiert, hat bislang bereits vier Länderspiele der Türkei gesehen. Neben drei Siegen gegen Estland (3:0), Kasachstan (2:1) sowie Aserbaidschan (1:0) gab es auch eine bittere 1:3-Pleite gegen Deutschland.

Als gutes Beispiel vorangehen
Eine solche Niederlage sollte in der Neuauflage des EM-Viertelfinales von 2008 tunlichst vermieden werden. Rückblick: Am 20. Juni 2008 in Wien standen die Kroaten nach dem Tor von Ivan Klasnić in der 119. Minute bereits mit einem Bein im Halbfinale. Sekunden vor Schluss gelang Semih Şentürk jedoch noch der Ausgleich, im Elfmeterschießen hatten die Türken schließlich die besseren Nerven. Im Halbfinale verloren sie dann aber mit 2:3 gegen Deutschland. "Wenn man bedenkt, dass wir schon die WM 2010 verpasst haben, müssen wir es diesmal auf jeden Fall schaffen.

Ich selbst habe bisher an zwei großen Turnieren teilgenommen. Der WM 2002 in Korea/Japan sowie der UEFA EURO 2008. Die EM 2000 habe ich wegen einer Verletzung verpasst. Ich sehe mich als erfahrenen Spieler. Vielleicht wird dies mein letztes Turnier. Deshalb wollen ich und meine Teamkollegen unbedingt dabei sein."

Als Kapitän kommt ihm dabei eine ganz besondere Rolle hinzu. "Das ist eine große Verantwortung", bestätigt Emre gegenüber FIFA.com, "aber es gibt drei bis vier Spieler bei uns, die diese Rolle ausfüllen können. Ich versuche für meine jüngeren Teamkollegen als gutes Beispiel voranzugehen. Man muss nach den moralischen Werten des Heimatlandes handeln und leben, so dass jeder einen respektiert."

Erfolg im Verein und Nationalteam
Für Emre selbst, der mit 31 Jahren bereits im Herbst seiner Karriere steht, wäre ein Scheitern an Kroatien zweifelsohne ein bitterer Rückschlag. Und selbst bei einer erfolgreichen Qualifikation ist ein Verbleib in der Nationalmannschaft der Türkei keinesfalls gesichert. "Priorität hat erstmal das Erreichen der EURO 2012. Anschließend kann ich alles mit meiner Familie und engen Freunden besprechen. Ich fühle mich selbst mental und physisch sehr müde, daher ist ein Rücktritt nicht ausgeschlossen. Aber derzeit fühle ich mich sehr wohl."

Immerhin kann der Mittelfeldspieler auf eine großartige Karriere zurückblicken. Ob bei Gala, Inter Mailand oder Fenerbahçe, wo er seit 2008 die Fussballschuhe schnürt, oder in der Nationalmannschaft - Emre gehört ohne Zweifel zu den ganz Großen seines Landes.

"Seit mehr als elf Jahren spiele ich nun schon für die Türkei, und wenn ich von Verletzungen verschont geblieben wäre, dann wäre ich sicherlich Rekordnationalspieler. Aber es ist nicht wichtig, wie man sich selbst sieht, sondern wie die Menschen über einen urteilen. Ich habe immer versucht, mein Bestes zu geben. Meine Helden der Nationalmannschaft sind dabei Okan Buruk, Tugay Kerimoğlu, Aykut Kocaman sowie Oğuz Çeti, und ich hatte das Glück, mit ihnen zusammenzuspielen."

Ein ganz besonderer Charakter
Die wahre Stärke des FIFA/Coca-Cola-Weltranglisten-27. ist angesichts des Auf und Abs der vergangenen Jahre sicherlich nur schwer einzuschätzen, doch Emre ist sich sicher, dass sich Europas Top-Teams im Falle einer EM-Qualifikation der Türkei im kommenden Jahr in Polen und der Ukraine warm anziehen werden müssen.

"Ich denke, dass wir nicht so stark sind wie Spanien, Deutschland oder die Niederlande - vor allem nicht in Bezug auf das Vorhandensein von Fussball-Schulen sowie vom System und Spieler-Kapazitäten. Aber wenn wir bei einem großen Turnier dabei sind, dann ist die Türkei das Team, was die genannten Mannschaften am meisten fordert. Weil türkische Spieler eine ganz besonderen Charakter in Turnieren zeigen und weil wir einen talentierten Kader haben."