Es heißt, dass sich die Tätigkeit eines Nationaltrainers von der eines Klubtrainers in vielerlei Hinsicht unterscheidet. Ein Auswahltrainer hat in der Regel mit mehr Problemen zu kämpfen, als ein Klubtrainer. So fehlen immer wieder wichtige Spieler, die Trainingslager dauern meist nur wenige Tage, man ist ständig auf Reisen, um die Nationalspieler in ihren Klubs zu beobachten. Also eine ganze Reihe von Besonderheiten, die die Arbeit der Nationaltrainer nicht gerade erleichtern.

Wenn dann auch noch Schwierigkeiten politischer Art hinzukommen, finden sich nur wenige Trainer, die bereit sind, sich einer solchen Herausforderung zu stellen. Einer von ihnen ist Moussa Bezaz. Der Franco-Algerier betreut seit knapp anderthalb Jahren das Nationalteam von Palästina und stellt seine ganze Erfahrung in den Dienst der Mannschaft.

"Ich stehe dem palästinensischen Verband voll und ganz zur Verfügung", so Bezaz im Exklusivgespräch mit FIFA.com. "Eigentlich wurde ich für die A-Nationalmannschaft verpflichtet, aber ich kümmere mich auch um die anderen Auswahlteams. Ich habe den Aufbau der Jugend- und Juniorenmannschaften organisiert und im Moment bin ich dabei, die entsprechenden Trainerstäbe zusammenzustellen. Das sind zahlreiche Betätigungsfelder, für die ich unmittelbar verantwortlich bin. Deshalb pendele ich ständig zwischen Palästina und Frankreich hin und her, und in letzter Zeit werden diese Reisen immer häufiger. Es bleibt noch eine ganze Menge zu tun, doch zumindest haben wir einen Anfang gemacht und inzwischen einige Dinge auf den Weg bringen können."

"Große Fussballbegeisterung"
Nach mehr als 300 Punktspielen unter seiner Leitung in Frankreichs Ligue 2, wo Bezaz die Klubs FC Chaumont, OFC Charleville, SAS Épinal und AS Nancy trainiert hatte, sowie einem dreijährigen Engagement in den Vereinigten Arabischen Emiraten bei Al Ain zögerte der frühere Außenverteidiger keine Sekunde, als ihn das Angebot erreichte, das Nationalteam von Palästina zu betreuen – wohl wissend, mit welchen Schwierigkeiten diese Aufgabe verbunden sein würde. "Ich bin mit großem Respekt und überaus freundlich empfangen worden", so der Trainer im Rückblick. "Die Palästinenser sind sehr gastfreundlich und tun alles, damit man sich bei ihnen wohl fühlen kann. Und sie sind sehr fussballbegeistert. Alle setzen sich dafür ein, dass es mit dem Fussball aufwärts geht. Das ist sehr ermutigend."

Nachdem er seine Mannschaft bei den ersten drei Freundschaftsspielen seit seiner Amtsübernahme (0:3 und 0:4 in Irak sowie 1:3 in China) aufmerksam beobachtet hatte, zog Bezaz wichtige Schlussfolgerungen für seine weitere Arbeit. "Dank der FIFA und ihres Goal-Programms verfügen wir derzeit über einige infrastrukturelle Einrichtungen von guter Qualität. Andererseits gibt es insgesamt nur acht Spielstätten für mehr als 300 Klubs. Das ist einfach viel zu wenig."

Trotz dieser Probleme konnte die Nationalmannschaft von Palästina seit Oktober 2009 mit drei Unentschieden gegen die Vereinigten Arabischen Emirate und Sudan (jeweils 1:1) sowie gegen Mauretanien (0:0) überzeugen. Dem standen lediglich zwei Niederlagen gegen Jemen (1:3) und Irak (0:3) gegenüber. Allerdings war der Preis dafür laut Bezaz recht hoch: "Bisher habe ich mir bei meiner Tätigkeit als Trainer stets nur eine einzige Frage gestellt: 'Ist dieser oder jener Spieler tatsächlich eine Verstärkung für das Team oder nicht?' Hier hingegen muss ich viele äußere Faktoren berücksichtigen, die mit dem Sport gar nichts zu tun haben… Doch eigentlich interessiert mich nur der Junge aus Palästina, der ein guter Fussballer ist, und sonst nichts. Mir ist es völlig egal, welcher Religion er angehört, wo er lebt oder wo er herkommt."

Wunsch nach Freiheit
Da die Aus- und Einreise von und nach Palästina vor und nach den Auswärtsspielen des Nationalteams einen enormen Verwaltungsaufwand erforderlich macht, können die besten Nationalspieler nur selten gemeinsam trainieren oder spielen. Dies umso mehr, da sämtliche Bemühungen, ein Freundschaftsspiel auf heimischem Boden auszutragen, seit Jahren scheitern. "Häufig sagen unsere Gegner ein geplantes Länderspiel noch in letzter Minute ab", so Bezaz bedauernd. "Und im Ausland sind wir auch nicht überall willkommen. Bislang habe ich die Nationalmannschaft nur im Ausland betreut und dabei nie meine eigentliche Stammformation zur Verfügung gehabt."

Anlässlich des soeben begonnenen Jahres 2011 nahm sich Moussa Bezaz noch die Freiheit, ein paar Wünsche auszusprechen. "Mich stört vor allem die mangelnde Bewegungsfreiheit meiner Spieler. Ich hoffe, dass es uns mit Unterstützung der FIFA und des IOC sowie dank des unermüdlichen Einsatzes unseres Verbandspräsidenten Jibril Al Rajoub bald gelingen wird, in dieser Frage voranzukommen. Auch hoffe ich, dass Israel und Palästina möglichst rasch zu einer Vereinbarung kommen werden, die endlich Frieden für alle bedeutet. Der gute Wille hierfür ist auf beiden Seiten vorhanden, dessen bin ich mir sicher."