Das kleine Curaçao hatte bislang im Weltfussball nicht viel zu melden. Auf dem Eiland leben weniger Menschen, als ins Aztekenstadion in Mexiko-Stadt passen und eine Profiliga gibt es entsprechend auch nicht. Wohl dem, der da einen entfernten Verwandten hat, den er um Hilfe bitten kann. Noch dazu, wenn es nicht irgendein entfernter Verwandter ist, sondern ein Champions-League-Sieger, ein spanischer Meister und ein Torschützenkönig der UEFA EURO.

"Meine Mutter stammt von Curaçao", hatte Kluivert (40 Länderspieltore in zehn Jahren bei der niederländischen Nationalmannschaft) bei FIFA.com schon erklärt, als er im vergangenen Jahr als Nationaltrainer auf der Insel anheuerte. "Ein großer Teil meiner Familie lebt dort. Daher hatte ich auch das Gefühl, ich könnte für Curaçao etwas bewegen."

Wie sich herausstellen sollte, war der inzwischen 40-jährige Kluivert tatsächlich genau das, was der kleinen Insel fussballerisch fehlte. Obwohl er einen vollen Terminkalender hat und eigentlich nur Teilzeit arbeitet, machte sich sein Wirken sofort bemerkbar. Curaçao warf sowohl Montserrat als auch Kuba aus dem Rennen um die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2018 und machte dabei in nur zwei Monaten einen gewaltigen Sprung in der FIFA/Coca-Cola-Weltrangliste. Von Platz 154 ging es hinauf auf Platz 131. Das sind satte 23 Positionen und bedeutet nun Rang 16 in der CONCACAF-Zone.

Team mit Traum
Die Mittel sind minimal und das Renommee gering. Trotzdem hat der Fussballverband von Curaçao das Ziel ausgegeben, bei der Vergabe der Plätze für die Endrunde der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Katar 2022™ ein ernstes Wort mitreden zu wollen. Oberflächlich betrachtet scheint das zunächst ein Ding der Unmöglichkeit für ein nur halbautonomes Gebiet mit starken historischen Banden zu den Niederlanden. Immerhin hat Curaçao in der Qualifikation bisher noch nie aufhorchen lassen. Doch seit Kluivert das Ruder übernommen hat, haben eine ganze Reihe von Fussballprofis ihre Bereitschaft erklärt, für Curaçao zu spielen. Die meisten stammen aus den Niederlanden, aber einige auch aus England und aus anderen, weiter entfernten Ländern. Denn auf der Insel Curaçao selbst leben zwar nur etwas mehr als 150.000 Einwohner, aber es gibt eine große Zahl Curaçao-Stämmiger im Ausland. Um für die kleine Karibiknation spielen zu können, bedarf es nur einer Mutter oder eines Vaters, die dort geboren sind.

Nationaltrainer Kluivert bringt derweil die Erfahrung als Torjäger für Renommierklubs wie Ajax Amsterdam, AC Mailand und FC Barcelona mit. Und auch seine bisherigen Trainerstationen können sich sehen lassen. So war er Assistent von Louis van Gaal bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014™ und verhalf den Niederlanden zum dritten Platz. Außerdem ist Kluivert mit seiner offenen, quirligen Art ein Segen für den Fussball auf Curaçao. Die kleine Insel traut sich endlich, groß zu träumen.

Erst im Juni erreichte die Nationalmannschaft die dritte Runde der Qualifikation für den Karibik-Pokal 2017. Dabei gab es hohe Siege gegen Guyana und die Amerikanischen Jungferninseln. In diesen denkwürdigen 180 Minuten schoss Curaçao insgesamt zwölf Tore und kassierte im Gegenzug nur zwei. In der so wichtigen dritten Runde warten nun Puerto Rico sowie Antigua und Barbuda – eine ziemlich günstige Auslosung, wenn man bedenkt, dass es auch lokale Größen wie Jamaika, Haiti oder Trinidad und Tobago hätten sein können.

Endlich wieder erfolgreich sein
Kleinere Erfolge sind Curaçao nicht völlig unbekannt. Als Teil der Niederländischen Antillen wurden sie zwei Mal Dritter bei der alten CONCACAF-Meisterschaft, dem Vorläufer des heutigen Gold Cup. Doch das war in den 1960er Jahren und seit sich Curaçao 2011 von den Antillen abgespalten hat, konnte es sich nicht mehr für einen nennenswerten Wettbewerb qualifizieren. Platz eins in der Drittrundengruppe des Karibik-Pokals würde dies alles ändern. Denn dann wäre Curaçao zum ersten Mal seit über vier Jahrzehnten und zum ersten Mal überhaupt als unabhängiger Verband für den CONCACAF Gold Cup qualifiziert.

Angesichts der individuellen Klasse, die Curaçaos Nationalmannschaft hinzugewonnen hat, seit Kluivert als Chef auf der Bank sitzt, darf ruhig geträumt werden im Naturparadies an der Südspitze der Karibik, fast in Sichtweite der Küste von Venezuela. So ist der erst 24-jährige Feliciatiano Zschusschen Rekordtorschütze seines Landes und bildet ein gutes Gespann mit den in England spielenden Cuco Martina und Darryl Lachman. Sieben Spieler im aktuellen Nationalmannschaftskader spielen professionell in den ersten beiden niederländischen Ligen. Mehr Professionalität auf dem Platz und in der Trainingsarbeit machen aus Curaçao eine Mannschaft, die im Rekordtempo die Anonymität hinter sich lassen könnte.

Dass Kluivert noch sehr viel länger auf Curaçao bleibt, ist unwahrscheinlich. Er kann sich die Posten in den Spitzenklubs Europas beinahe aussuchen und unterschrieb erst kürzlich als Sportdirektor bei PSV Eindhoven. Genauso hat er sich aber auch dazu bekannt, bis zum Ende der Qualifikation für den Karibik-Pokal auf Curaçao zu bleiben. Und auch, wenn sein Gastspiel damit endet: Er hat etwas Bleibendes bewirkt. "Ich habe ein paar gute Spieler", sagt Kluivert über sein junges Team mit Traum. "Es macht mich stolz, der Insel ein wenig weiterzuhelfen."