Nach 120 ungemein spannenden Minuten und einem nicht weniger spannenden Elfmeterschießen war das Finale der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ 1994 entschieden und die Brasilianer konnten nach 24 Jahren endlich wieder jubeln: Sie hatten sich den WM-Pokal zurückgeholt. Die Spieler rannten jubelnd über den ganzen Platz und hielten Fahnen und Spruchbänder in den Händen, eines davon zu Ehren des Formel 1-Piloten Ayrton Senna, der einige Wochen zuvor ums Leben gekommen war. Der Pokal wanderte von einem Spieler zum anderen: Schließlich hatten alle ein Anrecht darauf. Romário, die Sensation des Turniers, war bei Pressefotografen und Fernsehteams ebenso beliebt wie Mannschaftskapitän Dunga und Torhüter Taffarel.

An dieser großen Siegesfeier nahm auch ein 17-jähriger Nachwuchsspieler mit einem offenen Lächeln teil, der in so jungen Jahren schon zum Weltmeisterteam zählte. Angesichts der zahlreichen Stars war er allerdings nur einer von vielen, und wahrscheinlich war ihm damals noch gar nicht bewusst, dass eine der brillantesten Karrieren des Weltfussballs vor ihm lag, die ihm aber auch so manche Prüfung auferlegen sollte. Eine fantastische Geschichte…um nicht zu sagen phänomenal.

Als Ronaldo Luís Nazário de Lima 2011 seinen Rückzug aus dem aktiven Fussball ankündigte, war er fast doppelt so alt wie an jenem sonnigen und glücklichen Tag in Kalifornien, hatte einen WM-Titel mehr in der Tasche, war zum Rekordtorschützen des Wettbewerbs avanciert und wusste, dass er eine ganze Epoche geprägt hatte. Er war zu einer Ikone geworden.

Ein Weltphänomen
Ronaldos Durchbruch erfolgte in einer Phase der zunehmenden Globalisierung, so dass er ein Privileg genoss, das vielen Stars der Vergangenheit nicht vergönnt gewesen war: Fast all seine legendären Spielzüge wurden dokumentiert, in Echtzeit übertragen und sind bis heute sehr gut zugänglich. Als ob wir eine Gedächtnisstütze bräuchten, um uns beispielsweise an seinen unvergesslichen Sturmlauf gegen Compostela in der spanischen Meisterschaft des Jahres 1996 zu erinnern. Damals, genauer gesagt am 11. Oktober, kommt er im linken Mittelfeld an den Ball, lässt zwei Verteidiger stehen, dringt in den Strafraum ein und zieht ab.

Etwas schwieriger dürfte es sein, Videos vom Anfang seiner Karriere zu finden, als er als Amateur bei São Cristóvão unter Vertrag stand. Von dem eher unbedeutenden Klub aus Rio de Janeira ging es zu Cruzeiro Belo Horizonte, wo er mit 16 Jahren sein Debüt als Profi feierte. 1994, kurz vor der WM, wechselte er dann zum PSV Eindhoven und später zum FC Barcelona.

Nun hätte man vielleicht erwarten können, dass er in so jungen Jahre bei einem solchen Spitzenklub gewissermaßen ins Auge des Orkans geraten und gnadenlos untergehen würde, aber stattdessen wurde er im Trikot von Barça selbst zum Wirbelwind. In Diensten des katalanischen Klubs kam auch der oben erwähnt Spielzug gegen Compostela zustande, und er brachte es in seiner Zeit dort auf deinen Toreschnitt von fast einem Treffer pro Partie. Dieselbe Ausbeute hatte er übrigens auch schon in Diensten des PSV Eindhoven und bei Cruzeiro zu verzeichnen gehabt. 1996 wurde er zum ersten Mal zum FIFA-Weltfussballer des Jahres gewählt und bekam den Spitznamen, der ihn bis an sein Karriereende begleiten sollte: O Fenômeno (das Phänomen) – eine Weltmarke. 1997 wechselte er nach Unstimmigkeiten mit dem katalanischen Klub zu Inter Mailand, und auch dort sorgte er in der Lokalpresse für eine Positivschlagzeile nach der anderen und wurde erneut als Weltfussballer des Jahres ausgezeichnet. Im nächsten Jahr sollte er dann den UEFA-Pokal gewinnen, seinen ersten großen Titel auf Vereinsebene.

Im Alter von 21 Jahren nahm er an der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ 1998 in Frankreich teil, und die Aussichten schienen rosig zu sein. Er erzielte seine vier ersten WM-Tore – insgesamt sollten es in den drei Wettbewerben, bei denen er zu nennenswerten Einsätzen kam, 15 Treffer werden. Aber ein Krampfanfall am Vorabend des Finales wirkte sich negativ auf seine Leistung aus, und so hatte man den Gastgebern unter der Führung von Zinedine Zidane nichts entgegenzusetzen. Dies sollte das erste physische Problem einer ganzen Reihe von derartigen Rückschlägen sein, mit denen Ronaldo sich in den nächsten Jahren konfrontiert sah. Unter anderem hatte er mit zwei schweren Knieverletzungen zu kämpfen, die zweite davon zog er sich in einem Duell gegen Lazio Rom im italienischen Pokal zu. Das Bild, wie er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Rasen windet, dürfte den meisten von uns noch lebhaft in Erinnerung geblieben sein.

Der große Erfolg und die Zielgerade
Ronaldo war nach einem komplizierten chirurgischen Eingriff 15 Monate lang zum Zuschauen verdammt und kehrte 2001 Schritt für Schritt wieder zurück. 2002 stellte er dann auf phänomenale Weise unter Beweis, dass er wieder in Hochform und an Einsatzbereitschaft kaum zu überbieten war. Anlässlich der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2002 in Korea/Japan kehrte er nämlich auf die Weltbühne zurück und brachte das zu Ende, was er vier Jahre zuvor begonnen hatte. Gemeinsam mit seinem Namensvetter Ronaldinho und Rivaldo bildete er einen grandiosen Angriff, der auf dem Weg zum Titel für sieben Siege in sieben Spielen sorgte. Mit acht Treffern leistete er einen entscheidenden Beitrag zum Erfolg und wurde zum dritten Mal zum FIFA-Weltfussballer des Jahres gewählt.

Bei seinem nachfolgenden Wechsel zu Real Madrid war er gerade einmal 26 Jahre alt. Angesichts der dramatischen Ereignisse, die er in den vorangegangen Spielzeiten erlebt hatte, und seiner großen Erfolge, schien er allerdings schon viel älter zu sein. Er sollte noch fünf Jahre für den Erzrivalen des FC Barcelona spielen, bei dem er gemeinsam mit Roberto Carlos, Zidane, Raúl, Luis Figo und anderen Superstars die Galaktischen bildete. 2006 nahm Ronaldo dann an seiner letzten Weltmeisterschaft teil. Auch hier musste man sich wieder gegen Zizous Frankreich geschlagen geben, dieses Mal bereits im Viertelfinale.

Nach einem kurzen Intermezzo beim AC Mailand, das aufgrund einer weiteren schweren Verletzung vorzeitig endete, kehrte er in den brasilianischen Fussball zurück. Er arbeitete intensiv, um nach einer weiteren Knieoperation wieder fit zu werden, wobei die großen Klubs des europäischen Fussballs die Entwicklung gespannt verfolgten. Aber er wechselte schließlich mit einer überraschenden Blitztransaktion zu Corinthians. Er hatte bald seinen festen Platz im Team und fügte seiner Erfolgsgalerie noch einige schöne Tore und Trophäen hinzu.

In der nächsten Saison konnte er aufgrund physischer Probleme jedoch nicht mehr an seine guten Auftritte anknüpfen. Angesichts von chronischen Schmerzen kündigte er im Februar 2011 sein Karriereende an. Auch ein Phänomen stößt eben einmal an seine Grenzen: "Mein Körper spielt nicht mehr mit." Und doch wollte Ronaldo nicht wirklich von Grenzen sprechen. "Diese Karriere war wunderschön, siegreich, bewegend. Ich habe viele Niederlagen und unzählige Siege erlebt."

Hätten Sie's gewusst?

  • Der kahlrasierte Kopf war das Markenzeichen Ronaldos. Daher war die Überraschung groß, als er kurz vor dem WM-Finale 2002 mit einem Haarschopf auftauchte. Jahre später erklärte er, er habe die Journalisten mit dem neuen Haarschnitt von einer Muskelverletzung ablenken wollen, die er sich während des Turniers zugezogen hatte.

  • In Brasilien war Ronaldo einige Jahre lang auch als Ronaldinho bekannt (der kleine Ronaldo). Dadurch konnte man ihn in der Seleção von 1994 besser von Ronaldão (dem großen Ronaldo) unterscheiden, einem Innenverteidiger vom FC São Paulo, der kurzfristig dazugestoßen war.

  • Der Durchbruch Ronaldos in Brasilien war vielleicht das Duell gegen Bahia im Jahr 1993, als er beim 6:0-Sieg fünf Treffer erzielte. Bei einem davon nutzte er die Unaufmerksamkeit des uruguayischen Torhüters Rodolfo Rodríguez aus und schnappte sich den Ball im Torraum.

  • Einer der Lieblingstrainer Ronaldos war der Spanier Vicente del Bosque, mit dem er bei Real Madrid arbeitete. "Sein Verhalten erinnert etwas an Zagallo, er macht gern Späße. Ein Vortrag von ihm dauert drei Minuten, er ist fantastisch."

  • Ronaldos Karriere in Europa begann genau wie die von Romário, seinem Mannschaftskameraden bei der WM 1994. Beide landeten zuerst beim PSV Eindhoven, wechselten dann zu Barcelona und erlangten dort sofort Idolstatus.