Alt ist man, wenn man sich dabei ertappt, dass man zu sagen beginnt: "Ich habe mich noch nie so jung gefühlt". Dieser Ausspruch von Jules Renard könnte genau auf Roger Milla zutreffen. Der Stürmer der Nationalelf Kameruns, eine Symbolfigur des afrikanischen Fussballs, erreichte seinen Zenit auf der internationalen Fussballbühne im hohen Alter von 38 Jahren.

Der Routinier mit dem superschnellen Antritt und einem exzellenten Torriecher bahnte seiner Mannschaft 1990 in Italien als erstem afrikanischem Team den Weg ins Viertelfinale einer FIFA Fussball-Weltmeisterschaft. Und, es klingt zwar unglaublich, aber vier Jahre später beim FIFA-Weltpokal 1994 in den USA stand Milla erneut für sein Land auf dem Rasen.

Die ersten Schritte

Da sein Vater bei der Bahn beschäftigt war, mussten Roger und seine Familie ständig umziehen, aber durch seine Liebe zum Fussball fand Roger jedes Mal schnell neue Freunde. Gleich wo es ihn hinverschlug, der junge Milla spielte immer barfuß, und bald hatte er auch schon seinen Spitznamen: "Pele".

Bereits damals zeichnete sich Milla durch seine exzellente Balltechnik und seinen Torriecher aus. Mit 18 Jahren spielte er dann bereits in der ersten Mannschaft des kamerunischen Spitzenklubs Léopard de Douala. Nachdem er 1972 mit dem Verein den Meistertitel der kamerunischen Liga gewonnen hatte, wechselte Milla im darauffolgenden Jahr zu Tonnerre Yaoundé; und weitere Erfolge ließen nicht lange auf sich warten.

Seine internationale Karriere begann 1976 mit einem vielversprechenden Start: Roger Milla gewann mit Tonnerre den Afrikanischen Pokal der Pokalsieger und wurde mit dem goldenen Ball als bester Spieler Afrikas ausgezeichnet. 12 Monate später glaubte er, seine Zeit sei endgültig gekommen, als ihm der französische Klub Valenciennes ein schmackhaftes Angebot machte, um ihn aufs europäische Festland zu locken. Er konnte sich allerdings nicht wirklich durchsetzen und verbrachte viel Zeit auf der Bank.

Milla erging es anschließend nicht viel besser, als er nach seinem Wechsel in den Süden Frankreichs zum AS Monaco die Hälfte der Saison auf der Reservebank verbrachte und die andere Hälfte verletzt war. Ein kurzes Gastspiel bei Bastia trug ebenfalls wenig dazu bei, sein fussballerisches Ansehen zu stärken, und seine unangemeldeten Kurzreisen nach Kamerun brachten ihm nicht gerade das Wohlwollen des Trainerstabes ein. "Die Leute haben mich nach dem beurteilt, was sie in den Medien über mich lasen oder hörten - die großen Vereine hatten kein Vertrauen zu mir", erklärte er später lediglich mit einer kleinen Andeutung von Unmut. Der französische Klub Saint-Etienne, der erneut in die zweite französische Liga abgestiegen war, nahm den inzwischen 32-Jährigen schließlich 1984 unter Vertrag und sorgte damit für seine Rettung. Bei Saint-Etienne entdeckte er seine Torgefährlichkeit wieder und erzielte im Laufe von zwei erfolgreichen Spielzeiten 22 Treffer in 31 Partien. Noch weiter bergauf ging es, als er von Montpellier unter Vertrag genommen wurde, einem Verein, bei dem er sich sehr wohl fühlte und wo er seine ausgezeichneten Dribbelkünste und seine Qualitäten als gefährlicher Torschütze vollends ausleben konnte. Im Mai 1989 verabschiedete sich Roger Milla schließlich mit einer Bilanz von 152 erzielten Toren endgültig aus dem französischen Profifussball.

Später Höhepunkt

Niemand hätte wohl gedacht, dass Millas beste Zeit erst noch kommen sollte. Er hatte mit Kamerun bereits viel erreicht und schrieb mit dem Team Geschichte, das sich für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 1982 in Spanien qualifizierte. Dies war gleichzeitig der erste Auftritt der "unzähmbaren Löwen" bei einer WM, und obwohl die beherzt aufspielende Nationalelf Kameruns nach der ersten Runde ausschied, kehrte sie sogar ungeschlagen nach Hause zurück. Nachdem Roger Milla 1988 erneut den von der CAF organisierten Afrikanischen Nationen-Pokal gewonnen hatte, kündigte er seinen Rückzug aus dem internationalen Fussball an. Nach denkwürdigen Auszeichnungen in Douala und Yaoundé, die von über 100.000 Zuschauern verfolgt wurden, zog er auf die Insel La Réunion im indischen Ozean, um dort - so dachte er - seinen wohlverdienten und friedlichen Ruhestand zu genießen. Von der Fussball-Weltmeisterschaft war zu diesem Zeitpunkt nur eine blasse Erinnerung zurückgeblieben. Dann erhielt er vom Präsidenten Kameruns persönlich einen Anruf, bei dem dieser Roger Milla bat, aus dem Ruhestand zurückzukehren und dem Ruf seines Vaterlandes zu folgen. Wie hätte er diese Bitte ablehnen können?

So kam es, dass Roger Milla im Alter von 38 Jahren seine beste Zeit als Fussballer genießen konnte. Seine unnachahmlichen Antritte, seine unwiderstehlichen Alleingänge, sein cleveres Passspiel und natürlich der Makossa-Tanz um die Eckfahne herum, mit dem er jedes seiner vier Tore feierte, sorgten für zahlreiche Glanzmomente bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 1990 in Italien. Nachdem er beim überraschenden 1:0-Erfolg im Auftaktspiel gegen Argentinien erst spät eingewechselt worden war, gelang es ihm im zweiten Gruppenspiel gegen Rumänien, seinen Namen in die Geschichtsbücher der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft einzutragen. Er wurde in der 58. Spielminute eingewechselt, schaltete 13 Minuten vor Schluss die rumänische Abwehr aus und brachte Kamerun mit einem schönen Treffer in Führung. Damit war er der älteste Torschütze in der WM-Geschichte. Zehn Minuten später ließ er noch ein zweites Tor folgen.

Der "große alte Mann" 

Mit diesem Sieg sicherte sich Kamerun einen Platz in der zweiten Runde, wo er sich erneut als Held erweisen sollte. Seine beiden Treffer in der Verlängerung des Spiels gegen Kolumbien katapultierten Kamerun ins Viertelfinale - so weit war in der Geschichte der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft noch keine afrikanische Mannschaft gekommen. Das erste Tor war wunderschön herausgespielt. Der "große alte Mann" ließ mit dem Ball am Fuß Perea und Escobar stehen und jagte das Leder mit dem linken Fuß hinter Higuita in die Maschen. Der zweite Treffer war ein Geschenk des Torhüters, der Milla zu umdribbeln versuchte. Stattdessen schob dieser den Ball ins leere Tor. "Er wollte mich umdribbeln. Man umdribbelt Milla nicht", so der Held der Stunde.

Selbst bei der anschließenden 2:3-Viertelfinalniederlage gegen England konnte Milla glänzen. Er holte einen Elfmeter heraus, den Emmanuel Kunde zum ersten Tor für Kamerun verwandelte. Später bereitete er den zweiten Treffer für Eugene Ekeke vor. Roger Milla, der während seiner Karriere immer um Anerkennung als Fussballer gerungen hatte, konnte stolz auf sich sein: Er wurde zu Afrikas Fussballer des Jahres gekürt und die Leistungen seiner Mannschaft, genauso wie die der ägyptischen Nationalelf bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 1990 in Italien, veranlasste die FIFA dazu, bei zukünftigen WM-Endrunden drei afrikanische Nationalteams zuzulassen.

Die dritte WM-Endrunde 

Vier Jahre später war Roger Milla unglaublicherweise beim der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 1994 in den USA wieder zur Stelle. Obwohl Kamerun nicht über die Vorrunde hinauskam, schaffte es Milla wieder einmal, ein Tor zu erzielen - dieses Mal gegen Russland. Damit stellte er gleichzeitig einen neuen Rekord auf als ältester WM-Torschütze auf: Er war inzwischen 42 Jahre alt. Eigentlich hält Roger Milla eine ganze Reihe von Rekorden. Er ist zum Beispiel der erste afrikanische Fussballspieler, der bei drei WM-Endrunden dabei war.

Der Mann, der sich immer durch seine außerordentliche Großzügigkeit und Menschlichkeit ausgezeichnet hat, widmet seine Zeit nun afrikanischen Belangen. Als Botschafter für sein Land Kamerun und die Vereinigung UNAIDS, ist er unermüdlich auf der ganzen Welt unterwegs. Man darf ihm aber nie die Frage stellen, wie viele Tore er denn erzielt hat oder gar, wie viele Titel er gewonnen hat, denn die Antwort lautet schlicht und ergreifend: "Ich weiß es nicht. Es hat mich nie so brennend interessiert. Es war ganz einfach der Fussball an sich, der für mich zählte." Dieses Zitat sagt wohl alles über den Menschen Roger Milla aus.

Hätten Sie's gewusst?

  • Roger Milla bringt seine Erfahrungen als Spieler heute als Mitglied des FIFA-Fussballkomitees und der Technischen Studien-Gruppe ein.

  • Milla spielte bereits 7 Monate nur noch als Amateur auf Réunion, bevor er für die WM 1990 in Kameruns Nationalmannschaft zurückkehrte.

  • Milla erzielte mit 42 Jahren bei der WM 94 ein Tor. Oleg Salenko hält mit 5 der 6 Tore Russlands beim 6:1 gegen Kamerun einen WM-Rekord.

  • Milla gewann mit Kamerun 2 Mal den Afrika Pokal (1984,1988) und 2 Mal den französischen Pokal (1980 mit Monaco und 1981 mit Bastia).

  • Milla begann alle 3 Spiele Kameruns 1982 in Spanien. In Italien 1990 war er nie von Beginn an dabei, wurde aber 5 Mal eingewechselt.

Ich war dabei...

"Er ist eine große Persönlichkeit. Ein ebenso guter Spieler wie Johan Cruyff. Er spielt flüssig und intelligent und hat einfach einen sensationellen Antritt."
Claude Le Roy, ehemaliger Trainer von Kamerun.