Roberto Rivellino ist als Fan von Palmeiras aufgewachsen. Aus dem Zusammenhang gerissen klingt dieser Satz insbesondere für die Fans von Corinthians São Paulo heute völlig absurd. Es ist aber eine Tatsache: 1962 war der damals 16-jährige Roberto genauso wie der Rest seiner Familie glühender Fan von Palmeiras. Er spielte für Banespa Futsal und traf im Endspiel der Jugendmeisterschaft des Bundesstaates São Paulo just auf Palmeiras. Er wusste dermaßen zu überzeugen, dass ihn ein Verantwortlicher seines Lieblingsklubs zu einem Probetraining auf dem heiligen Rasen von Palmeiras einlud. Und Rivellino erschien. Zwei Mal trainierte er mit der Mannschaft. Beim dritten Mal sagte der Trainer Mário Travaglini zu ihm und einigen anderen Talenten: "Von mir aus könnt ihr euch das Trikot ruhig überziehen. Ich weiß allerdings nicht, ob ihr mittrainieren werdet."

Zu diesem Zeitpunkt wusste der kleine Linksfuß bereits, dass er kein Spieler wie jeder andere war und dass er über einen phänomenalen linken Fuß verfügte. An diesem Tag verzichtete er nicht nur auf das Trikot, sondern kehrte Palmeiras wutentbrannt den Rücken. Diese Wut sollte ihn einige Monate später zu Corinthians führen. Dort wurde in Rivellino ein Talent entdeckt, dass einer besonderen Aufmerksamkeit bedurfte und nicht dafür gemacht war, sich einen Platz unter anderen Gleichaltrigen zu erkämpfen. Der Klub hatte damit das vielleicht größte Idol der Vereinsgeschichte an sich gebunden. Der temperamentvolle Roberto hatte hingegen die Chance erhalten, auf die er gewartet hatte. "Corinthians hat mich mit offenen Armen aufgenommen und mir erlaubt, all das zu erreichen, was ich in meinem Leben erreicht habe. Der Klub war mein zweites Zuhause", so Rivellino.

Zuhause im offensiven Mittelfeld
Die Erfolge, auf die sich Rivellino bezieht, sind vor allem die Glücksmomente mit der Seleção. Darunter ein ganz besonderer Moment: die WM 1970 in Mexiko. Rivellino streifte sich 1965 als 19-Jähriger zum ersten Mal das brasilianische Trikot über. Doch erst ab 1968 sollte es zu regelmäßigen Einsätzen in der Seleção reichen. Obwohl er einer der Spieler ist, die im Land des fünffachen Weltmeisters am meisten bewundert werden, musste sich Rivellino seinen damaligen Stammplatz in der Nationalmannschaft hart erkämpfen. Dies war dem Umstand geschuldet, dass Riva ein klassischer Zehner war und sich in der Rolle des Spielmachers wohlfühlte. Die gleiche Position nahm Tostão bei Cruzeiro ein. Gleiches gilt auch mit Abstrichen für Jairzinho bei Botafogo, und nicht zu vergessen ein gewisser Pelé bei Santos.

Erst nach der Qualifikation und wenige Monate vor der WM sollte Rivellino seine Chance bekommen. Trainer João Saldanha hatte seinen Platz geräumt und das Ruder an Mario Zagallo übergeben, der sich zum Ziel gesetzt hatte, die Mannschaft neu zu formieren und alle Ballzauberer in einem Team zu vereinen. Die zehn auf seinem Rücken wurde zur elf, Rivellino wechselte auf die linke Seite. Die Position spielte dabei eigentlich nur eine untergeordnete Rolle: Rivellino, Pelé, Tostão, Jairzinho, Gérson und Co. verstanden sich einfach blind. Die WM-Mannschaft von 1970 wurde zu einem Sinnbild des effizienten und schönen Fussballs. Roberto Rivellino gewann in Mexiko den wichtigsten Titel seiner Laufbahn und krönte nebenher seine überragenden Auftritte noch mit drei Toren: im Eröffnungsspiel gegen die Tschechoslowakei, im Viertelfinale gegen Peru sowie im Halbfinale gegen Uruguay.

Das war die erste von drei Weltmeisterschaften, an denen Rivellino teilnahm. O Reizinho do Parque (Kleiner König des Parks) ein Spitzname, den er in Anlehnung an den großen Rei Pelé erhielt, erbte die Rückennummer zehn der Seleção und erlebte bei der WM 1974 in Deutschland sogleich den ersten großen Rückschlag, als die Mannschaft unter seiner Führung nur einen enttäuschenden vierten Platz belegte. Vier Jahre später reiste er zur WM nach Argentinien, kam aber in der Mannschaft von Claudio Coutinho, die am Ende den dritten Platz belegte, nur selten zum Einsatz.

Gescheiterte Titelträume
Kurios an der Geschichte mit Roberto Rivellino und Corinthians ist die Tatsache, dass Rivellino als eines der großen Idole des Klubs sowohl durch unnachahmliche Dribblings und unvergessliche Distanzschüsse als auch durch die vielen Titel, die ihm versagt geblieben sind, in Erinnerung geblieben ist. O Reizinho do Parque war gerade in jener Zeit das große Idol des Klubs, als dieser seine schwersten Jahre durchmachte. Während seiner Zeit bei Corinthians durchlebte der Klub eine 23-jährige Durststrecke ohne Titelgewinn. Das heißt, einen Titel konnte man doch gewinnen: das Turnier Rio-São Paulo 1966, dass aufgrund gravierender Terminprobleme an die vier Halbfinalisten Corinthians, Botafogo, Santos und Vasco ging. Die Fans träumten allerdings vom Gewinn der Meisterschaft im Bundesstaat São Paulo, die zuletzt 1954 gefeiert wurde.

Es boten sich viele Gelegenheiten, insbesondere eine: das Meisterschaftsendspiel im Bundesstaat São Paulo 1974 gegen Palmeiras. Der Zeitpunkt schien endlich gekommen zu sein. Doch Palmeiras setzte sich am Ende mit 1:0 durch und enttäuschte die Erwartungen der Corinthians-Fans, die sich im Morumbi-Stadion eingefunden hatten. Rivellino ging an diesem Tag direkt in die Umkleidekabine, schnappte sich seine Tasche und lief gesenkten Hauptes durch die Menge zu Fuß nach Hause. Zu diesem Zeitpunkt ahnte er noch nicht, dass dies der traurige Abschied von dem Verein sein sollte, den er zu lieben gelernt hatte. Die Wut der Fans erreichte ungeahnte Ausmaße. Er wurde fortan als Sündenbock für das wiederholte Scheitern Corinthians' hingestellt. "Das war der traurigste Moment in meinem Leben", so Rivellino, der damals hinzufügte, dass er den WM-Titel 1970 für den Gewinn der Meisterschaft des Bundesstaates eingetauscht hätte. "Natürlich ist das absurd. Im Eifer des Gefechts sagt man aber schon mal solche Dinge. Ich weiß auch nicht. Ich glaube wirklich, das Schicksal wollte nicht, dass ich mit Corinthians den Titel hole..."

Alles an seinem Platz
Als sich die Bewunderung in Ablehnung verwandelte, wechselte Roberto Rivellino schließlich von Corinthians zu Fluminense. Bei Flu wurde schnell deutlich, dass der Klub einen guten Fang gemacht hatte: In der ersten Begegnung mit seiner Beteiligung – einem Freundschaftsspiel gegen Corinthians vor 100.000 Zuschauern im Maracanã-Stadion – siegte Fluminense mit 4:1. Rivellino hatte drei Treffer beigetragen. Das war der erste Schritt in einem neuen Abschnitt seiner bemerkenswerten Karriere. Der Spieler mit der Rückennummer zehn wurde zum großen Idol der Mannschaft aus Rio de Janeiro, die 1975 und 1976 die Meisterschaft ihres Bundesstaates gewinnen sollte – den zweiten Titel holte man kurioserweise unter der Ägide von Mário Travaglini, der seinen Schützling noch 14 Jahre zuvor nach Hause geschickt hatte. Erst 1977 sollte die 23-jährige Durststrecke von Corinthians enden. Rivellino verfolgte das Endspiel aus Rio de Janeiro und äußerte sich nach der Begegnung "zufrieden und erleichtert".

Jetzt waren alle offenen Rechnungen beglichen und Rivellino wurde endlich wieder als der Ausnahmefussballer wahrgenommen, der er war. Denn eines war stets klar: Unabhängig von den Ergebnissen am Ende der Saison war doch jeder von dem beeindruckt, was Rivellino mit seinem linken Fuß anstellen konnte.

"Als kleines Kind habe ich die Spiele Brasiliens verfolgt. Pelé wechselte die Seite und ich bekam das noch nicht einmal mit. Ich schaute auf die andere Seite, dort wo Rivellino war. Er beherrschte alles, was ich mir als Fussballer erträumte: perfekte Dribblings, genaue Pässe und hatte einen strammen Schuss... Und das alles immer mit dem linken Fuß. Auf das rechte Bein hätte er getrost verzichten können. Er machte alles mit links. Ich fand das großartig."

Die Worte stammen nicht von irgendeinem Linksfuß, sondern von Diego Armando Maradona. Er resümierte das, was Rivellino bereits bei seinem ersten frustrierenden Erlebnis im Nachwuchsbereich von Palmeiras gespürt hatte: Dieser linke Fuß war etwas ganz Besonderes.

Hätten Sie's gewusst?

  • Rivellino galt lange Zeit als Erfinder des "Elástico", – jener Täuschung, bei der der Spieler den Ball mit dem Fuß erst zur Seite schiebt, um ihn dann blitzschnell wieder in die entgegengesetzte Richtung zu hebeln – betonte aber immer wieder, dass er diesen Trick bei Sérgio Echigo abgeschaut hatte – einem Spieler mit japanischen Wurzeln.

  • Während der WM 1970 in Mexiko bekam Rivellino einen seiner diversen Spitznamen verliehen, der eine Anspielung an seine Schussstärke außerhalb des Strafraums war: Atomschütze.

     

  • Seit seiner aktiven Zeit hat Rivellino eine große Leidenschaft für Vögel, insbesondere für bestimmte Finkenarten. Seine Leidenschaft ging so weit, dass er seine gefiederten Freunde zu Begegnungen in ganz Brasilien mitnahm.

  • Nach seinem Intermezzo bei Fluminense wechselte Rivellino zum saudiarabischen Klub Al-Hilal, wo er zwischen 1978 und 1981 drei nationale Titel gewann und seine Karriere im Alter von 35 Jahren beendete.