Enzo Scifo, ein "Zehner" der alten Schule, gilt allgemein als einer der besten belgischen Spieler aller Zeiten. Der Spielgestalter mit sizilianischen Wurzeln gehört zu den wenigen Fussballern, denen es vergönnt war, an vier FIFA Weltmeisterschaften teilzunehmen. Sein größter Erfolg war das Erreichen des Halbfinales in Mexiko 1986.

Vincenzo Scifo, genannt Enzo, erlernte das Fussballspielen auf den Straßen seines kleinen Geburtsstädtchens La Louvière. Im Alter von sieben Jahren trat er 1973 dem örtlichen Fussballverein RAA Louvière bei, wo er sich bis 1982 sein fussballerisches Handwerkszeug aneignete.

Der technisch begabte Nachwuchsspieler machte schon bald mit zahlreichen Toren und Geniestreichen auf sich aufmerksam und wurde schließlich vom großen Klub RSC Anderlecht entdeckt. Seine Anfänge als Profifussballer im Alter von 17 Jahren waren Aufsehen erregend: Der junge Mann zeigte sich vom kalten Sprung ins Wasser unbeeindruckt und etablierte sich schnell als Stammkraft des Vorzeigeklubs der belgischen Liga, mit dem er im Finale des UEFA-Pokals gegen Tottenham Hotspur erst nach Elfmeterschießen unterlag. In weniger als zwei Spielzeiten setzte er sich auch in der Nationalmannschaft als etatmäßige "Nummer Zehn" durch.

Enttäuschte Hoffnungen
Seine Spielübersicht, seine Qualitäten als Passgeber und sein Torinstinkt verhalfen Anderlecht von 1985 bis 1987 zu drei nationalen Meisterschaften in Folge. In dieser Zeit führte er auch die Roten Teufel bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft in Mexiko 1986 bis in die Runde der letzten Vier. Im eigenen Land hatte Enzo alles erreicht, und er beschloss, zu neuen Ufern aufzubrechen.

Der in Belgien bereits als Idol verehrte Fussballer träumte davon, das Land seiner Vorfahren zu erobern, und schloss sich Inter Mailand an. Doch die Realität erwies sich als weniger verheißungsvoll. Verloren in einer Armada von Stars im Aufgebot der Nerazzurri kam er zwar auf immerhin 28 Einsätze und vier Tore, konnte sich aber niemals endgültig durchsetzen. In Frankreich unternahm er einen neuen Versuch und unterschrieb bei Girondins Bordeaux, doch erneut blieben nichts als enttäuschte Hoffnungen. Nach zunächst ermutigendem Beginn versank er nach und nach ein weiteres Mal in der Anonymität, durch Verletzungen ebenso zurückgeworfen wie durch Konflikt beladene Beziehungen mit einigen der Führungsspieler.

Obwohl gegen Ende der Saison sein Landsmann Raymond Goethals die Leitung der Mannschaft übernahm, wurde der Belgier nicht zuletzt aufgrund seines hohen Gehalts zum Abschied gedrängt.

Erst beim AJ Auxerre vermochte es Trainerfuchs Guy Roux, die Fähigkeiten Scifos erneut in die richtigen Bahnen zu lenken. Er vertraute dem Belgier die Spielmacherrolle an, und obgleich Scifo Auxerre als "einen großen Klub unter den Mittelmäßigen" bezeichnen würde, blühte der Rote Teufel in dieser Zeit wieder auf. Als offensive Spitze eines dreiköpfigen Mittelfeldes fand Enzo wieder zu alter Stärke und ließ sein Talent sprechen. Mit frischem Selbstvertrauen schwang er sich auch bei der FIFA Weltmeisterschaft in Italien 1990 zu neuen Höchstleistungen im Trikot der Roten Teufel auf.

Späte Weihe und WM-Enttäuschungen
Nach zwei hervorragenden Spielzeiten in der Bourgogne unternahm Scifo einen neuen Versuch in Italien, wo er mit dem FC Turin 1993 italienischer Pokalsieger wurde. Mit diesem neuen Titel unter dem Arm kehrte er nach Frankreich zum AS Monaco zurück, wo sein Genie durch die erlangte Reife nun voll zur Geltung kommen sollte. Vier Spielzeiten lang war Scifo im Klub des Fürstentums der unumstrittene Herrscher, der sich 1997 schließlich mit dem französischen Meistertitel krönen und endgültig seinen Ruf als herausragender Akteur in Frankreichs nationaler Liga zementieren konnte.

Nur in der Nationalmannschaft verdüsterte sich nun die Lage. Die Jahre verstrichen, und bei der Weltmeisterschaft 1998 scheiterte Belgien bereits in der Gruppenphase, nachdem man vier Jahre zuvor immerhin noch die Runde der letzten 16 erreichte. Doch nicht nur die belgische Mannschaft insgesamt, auch ihr berühmter Spielmacher konnte nicht mehr an die Leistungen vergangener Tage anknüpfen. Scifos zerrüttetes Verhältnis zu Nationaltrainer Georges Leekens waren daran nicht unschuldig.

Dennoch war die Leidenschaft noch vorhanden. Im Alter von 36 Jahren gewann Enzo Scifo in der Saison 2000 im Trikot des RSC Anderlecht noch einen letzten Titel, bevor ständige Verletzungen seiner Karriere ein Ende bereiteten. Nach einer schweren Schlüsselbeinverletzung wollte er es beim SC Charleroi zwar noch einmal wissen, doch dieses Mal war es das Knie, das die Fortsetzung der Karriere unmöglich machte. Nach 18 Jahren als professioneller Fussballer schließlich rang er sich dazu durch, dieses Kapitel für immer zu beenden. "Ein Arzt fragte sich einst, wie ich es mit einer Hüfte in diesem Zustand überhaupt so lange als Fussballer ausgehalten habe", offenbarte Scifo nach seinem Rücktritt vom Profisport.

Die Antwort ist ganz einfach: durch sein Talent.

Hätten Sie's gewusst?

  • Enzo Scifo hat in 481 offiziellen Spielen 120 Tore erzielt, davon in 89 Länderspielen für Belgien 19 Treffer.

  • Enzo Scifo besitzt ein Restaurant in Waterloo, das sich am Ort der berühmten von Napoleon verlorenen Schlacht befindet. Das Lokal trägt den Namen "1815".

  • Als junger Spieler wurde er in Anspielung auf seinen ersten Klub als "kleiner Pelé vom Tivoli" bezeichnet, nachdem er in den Nachwuchsmannschaften von Anderlecht in vier Spielzeiten 432 Tore erzielt hatte.

  • 1985 versuchte sich Scifo im Showbusiness und brachte zusammen mit Toto Cutugno eine Single mit dem Titel "Gagné d'avance" (etwa: Schon vorher gewonnen) heraus. Das Projekt erwies sich als Flop.

  • Enzo Scifo ist wie Zinedine Zidane Pate des Europäischen Vereins gegen die Leukodystrophie (ELA), der sich der Finanzierung der medizinischen Forschung und der Unterstützung der Familien von Betroffenen widmet. Als Leukodystrophien werden genetisch bedingte Krankheiten bezeichnet, die eine fortschreitende Zerstörung der weißen Substanz des zentralen Nervensystems bewirken.