Giuseppe Meazza, der bis heute als bester italienischer Spieler aller Zeiten gilt, war mehr als ein genialer Fussballer. Er war nicht nur ein überdurchschnittlich begabter Stürmer, sondern verstand es darüber hinaus auch in seinem Privatleben, immer wieder auf sich aufmerksam zu machen. Mit dem Ergebnis, dass er in Italien über längere Zeit das Sinnbild für den sozialen Erfolg repräsentierte. Der aus einfachen Verhältnissen stammende Meazza wurde mit der Squadra Azzurra zwei Mal Weltmeister, und kurz nach seinem Tod erhielt das ebenfalls legendäre San-Siro-Stadion in Mailand seinen Namen.

"Ihn in der Mannschaft zu haben bedeutete, dass man fast immer mit 1:0 in Führung ging. Er war der geborene Stürmer. Meazza war in der Lage, aus jeder Situation heraus die nachfolgenden Spielzüge vorauszusehen. Dank seiner Spielgestaltung und seiner exzellenten technischen Fähigkeiten prägte er den Stil der gesamten Angriffsreihe", sagte einmal Italiens früherer Nationaltrainer Vittorio Pozzo über den Ausnahmefussballer.

Der im Mailänder Stadtteil Porta Vittoria aufgewachsene Meazza musste schon als kleiner Junge den Tod seines Vaters verkraften, der 1917 auf den Schlachtfeldern des I. Weltkriegs fiel. Trost fand der damals siebenjährige Giuseppe im Fussball, seiner großen Leidenschaft. Fortan jagte er auf den Bolzplätzen am Mailänder Stadtrand einer aus mehreren Schwämmen zusammengebastelten Kugel hinterher, die ihm und seinen Freunden als Fussball diente und mit der er die ersten Tricks ausprobierte. Richtig ernst wurde es indes erst, als er zwölf Jahre alt war und er mit ein paar Bekannten des FC Gloria erstmals auf einem richtigen Fussballplatz spielen durfte.

Es dauerte nicht lange, bis einige Tifosi auf den kleinen Giuseppe aufmerksam wurden, der mit seinen späteren 1,69 Metern Körpergröße auch als Erwachsener alles andere als ein Riese war, und ihn dem AC Mailand empfahlen. Doch der Mailänder Traditionsverein wollte den Jungen nicht, weil man ihn für zu schmächtig befand. Wenig später nahm sich Fulvio Bernardini, ein früherer Spieler des Stadtrivalen Inter Mailand, des jungen Meazza an. Der bei seinem Ex-Klub nach wie vor einflussreiche Bernardini zögerte nicht und stellte das 14-jährige Nachwuchstalent dem damaligen Inter-Coach Arpad Weisz aus Ungarn vor. In den folgenden drei Spielzeiten, in denen Inter Mailand auf Druck von Mussolini hin in SS Ambrosia umbenannt wurde, spielte Meazza in den Jugendmannschaften des Vereins und verdiente sich dort die ersten Sporen. Drei Jahre später gab er bereits sein Debüt in der ersten Mannschaft und erzielte in der Partie gegen Milanese Unione Sportiva auf Anhieb zwei Treffer. Es war der Beginn einer grandiosen Profikarriere.

Provokativ und genial zugleich
Obwohl er dem breiten Publikum in einer Zeit, da die Kommunikationstechnik noch in den Kinderschuhen steckte, noch völlig unbekannt war, brauchte Meazza nicht einmal eine ganze Saison, um zum Liebling der Fans in ganz Italien aufzusteigen. Als genialer Balltechniker bereitete es ihm immer wieder Vergnügen, seine Gegner mit den gewagtesten Tricks zu schockieren. Mehr noch: den Erfolg über einfache Mittel zu suchen, widerstrebte ihm. Eine seiner Vorlieben war es, seine Gegenspieler ein bisschen zu provozieren. So kam es schon mal vor, dass er mit dem Ball am Fuß fast über den ganzen Platz und an den gegnerischen Abwehrspielern vorbei stürmte, um seinen Lauf erst kurz vor dem gegnerischen Tor zu stoppen und den Torhüter aus seinem Kasten zu locken, nur um ihn mit einer letzten Finte zu täuschen und mit dem Ball ins Tor zu "spazieren." Diese schon fast provokative Art, Tore zu schießen, versetzte die Zuschauer auf den Rängen regelrecht in Ekstase – und die gegnerischen Fans in Rage!

Darüber hinaus besaß Meazza noch weitere besondere Eigenschaften, die ihm offenbar schon mit in die Wiege gelegt worden waren. Da war zunächst die Art und Weise, wie er seine Freistöße schoss. Denn diese waren meist unberechenbar und mit einem derartigen Drall ausgeführt, dass sie am Ende der Schussbahn urplötzlich zu Boden sanken. Hinzu kamen seinen millimetergenauen Zuspiele. Und obendrein erwies er sich auch noch – und das trotz seiner geringen Körpergröße – als häufiger Sieger bei Zweikämpfen um hohe Bälle. Davon zeugen nicht zuletzt mehrere Tore seiner Karriere, die er dank seines unglaublichen Timings per Kopf erzielte.

Im Verlauf der beiden Spielzeiten, die er danach als Stammspieler absolvierte, schoss Meazza 33 bzw. 31 Tore. Allein sechs davon erzielte er beim 10:2-Kantersieg seiner Mannschaft am 12. Mai 1929 gegen AC Venedig. In zwei weiteren Spielen traf er jeweils fünf Mal. Dem konnte sich selbst Italiens damaliger Nationaltrainer Vittorio Pozzo, der für seine unerbittliche Art bekannt war, nicht mehr entziehen. Folglich ließ Pozzo den erst 19-jährigen Meazza am 9. Februar 1930 in Rom gegen die Schweiz erstmals im Nationaltrikot auflaufen. Und Giuseppe Meazza alias Balilla – so der Spitzname des Ausnahmestürmers – rechtfertigte dieses Vertrauen aus seine Weise, indem er zum 4:2-Sieg der Squadra Azzurra zwei Treffer beisteuerte. Seinen ersten großen Paukenschlag landete er drei Monate später in Budapest im Finale des Internationalen Pokals für Nationalmannschaften gegen die seinerzeit enorm starken Ungarn, das die Nazionale dank einer überzeugenden Vorstellung klar mit 5:0 für sich entscheiden konnte und bei dem allein Meazza das Leder drei Mal im gegnerischen Netz versenkte. Nie war einem Spieler unter 20 Jahren ein solch furioser Start – zehn Tore in sieben Länderspielen – in der Nationalmannschaft gelungen.

Die Stunde der Krönung
Als in Italien die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ 1934 stattfand, war Giuseppe Meazza 24 Jahre alt und hatte rund 20 Länderspiele bestritten. Da Trainer nahezu alle Positionen mit hervorragenden Akteuren besetzen konnte, setzte Pozzo seinen neuen Star kurzerhand von der Angriffsmitte auf den rechten Flügel um, wo Meazza die gegnerischen Abwehrspieler mit seinen atemberaubenden Dribblings das ein um das andere Mal schwindlig spielte, während seine Mannschaftskameraden von seinen zielgenauen Pässen profitierten. Trotz des enormen Drucks, dem sein Team damals ausgesetzt war – für das Regime von Benito Mussolini zählte nichts anderes als der WM-Titel – ging Meazza völlig entspannt in dieses Turnier. Nicht nur, dass er bei allen Spielen mit von der Partie war, am Ende hatte er auch einen entscheidenden Anteil am Titelgewinn seiner Mannschaft.

Es begann bereits im Auftaktspiel gegen die USA, als er mit seinem Tor zum 7:1 den Schlusspunkt unter einen souveränen Sieg der Gastgeber setzte. Im Viertelfinale gegen Spanien erzielte er dann im Wiederholungsspiel den erlösenden 1:0-Siegtreffer, der Italien den Einzug ins Halbfinale bescherte. Dort leistete er die entscheidende Vorarbeit zum 1:0-Siegtor von Enrique Guaita gegen Österreich. Und im Finale gegen die Tschechoslowakei verletzte sich Meazza zwar nach wenigen Minuten, biss aber dennoch die Zähne zusammen und blieb im Spiel. In der anschließenden Verlängerung glaubte Karel Petru, der Trainer der Tschechoslowaken, einen zusehends schwächelnden Meazza ausgemacht zu haben, so dass er die bis dahin konsequente Manndeckung des italienischen Stürmers deutlich lockern ließ. Ein fataler taktischer Fehler, wie sich herausstellen sollte, denn Meazza raffte sich noch einmal auf und gab die Vorlage zum alles entscheidenden 2:1 für Italien durch Schiavio.

Fünf Monate später versuchte der frisch gebackene Weltmeister in der berüchtigten "Schlacht von Highbury" gegen England, das damals noch nicht an der Weltmeisterschaft teilnahm, auch "offiziell" seinen WM-Titel zu bestätigen. Nachdem sie von den äußerst aggressiv agierenden Engländern gleich in der Anfangsphase kalt erwischt worden waren und in den ersten zwölf Minuten drei Tore kassiert hatten, mussten die Italiener aufgrund der Verletzung von Luis Monti ab der elften Spielminute auch noch in Unterzahl spielen. Dennoch sorgte Meazza in den verbleibenden 80 Minuten für eine Galavorstellung, in deren Verlauf er seine Mannschaft noch auf 2:3 heranbrachte und sich damit selbst die Anerkennung der englischen Fans eroberte. Seine wohl spektakulärste Aktion gelang ihm indes am 17. Mai 1936 in Rom anlässlich eines Freundschaftsspiels gegen Österreich (2:2). Nachdem er zu einem Sturmlauf in die gegnerische Hälfte gestartet war, bemerkte er, dass er zu beiden Seiten von zwei österreichischen Verteidigern verfolgt wurde. Als ihn seine Gegenspieler eingeholt hatten, stoppte Meazza den Ball blitzschnell mit der Schuhsohle und hielt inne. Die völlig überraschten Abwehrspieler konnten ihren Lauf nicht mehr bremsen und stießen direkt vor ihm miteinander zusammen. Jetzt brauchte Meazza nur noch den gegnerischen Torhüter mit seiner klassischen Schusstäuschung zu überwinden, um dann seelenruhig und auf die gewohnte Art mit dem Ball die Torlinie zu überschreiten. Ein sagenhafter Treffer, der selbst heute, da seither 70 Jahre vergangen sind, nicht einmal mit einer Spielkonsole nachvollziehbar scheint...

Mit einer weißen Gardenie hinter dem Ohr
Zur Weltmeisterschaft 1938 in Frankreich reiste Giuseppe Meazza dann als Kapitän der Nazionale und mit dem erklärten Ziel an, den vier Jahre zuvor errungenen Titel zu verteidigen. Und er zeigte, dass er nichts von seiner Effizienz eingebüßt hatte. Schließlich hatte er 1938 im bisherigen Verlauf der Saison bereits 28 Tore in 30 Pflichtspielen verbuchen können. Während des WM-Turniers selbst gelang ihm allerdings nur ein einziger Treffer, nämlich im Halbfinale gegen Brasilien (2:1), der gleichzeitig sein letzter im Nationaltrikot bleiben sollte. Dafür erwies er sich als entscheidender Vorbereiter für Silvio Piola, den mit fünf Treffern erfolgreichsten Torschützen des Turniers. Mit Meazza als Mannschaftskapitän spielte Italien eine souveräne Weltmeisterschaft und verteidigte am 19. Juni 1938 in Paris dank eines 4:2-Finalsiegs über Ungarn erfolgreich den Titel.

Andererseits vernachlässigte der Lebemann Giuseppe Meazza selbst in den wichtigsten Phasen seiner Karriere nie die "süßen" Seiten seines Daseins als Fussballstar. Dafür sprechen seine zahlreichen Frauenbekanntschaften ebenso wie seine Leidenschaft für das Glücksspiel. Auch tanzte er gerne Tango mit einer Gardenie hinter dem Ohr. Und er war der einzige Nationalspieler, der unter den Augen des strengen Trainers Vittorio Pozzo rauchen durfte. Nach seinem Rücktritt aus der Nationalmannschaft setzte Meazza seine Karriere bei verschiedenen Klubs fort, bevor er bei Inter Mailand das Training der Nachwuchsteams übernahm und dort mit einem gewissen Sandro Mazzola ein weiteres Waisenkind zu Ruhm und Ehre führte.

Nach seinem Tod im Jahr 1979 beschlossen die Klubverantwortlichen von Inter Mailand in Abstimmung mit dem Stadtrivalen AC Mailand, für den Meazza übrigens von 1940 bis 1942 gespielt hatte, das von beiden Klubs gemeinsam genutzte San-Siro-Stadion zu Ehren der einstigen Stürmerlegende den Namen "Giuseppe Meazza" zu verleihen.

Hätten Sie's gewusst?

  • Im Halbfinale der FIFA Fussball-WM™ 1938 zwischen Italien und Marseille riss Meazza ausgerechnet während der Ausführung eines Elfmeters der Gummizug seiner Hose. Doch statt nervös zu werden, hielt Meazza mit einer Hand seine Hose fest und verwandelte sicher.

  • Ein Mann, der Meazza als Kind auf den Bolzplätzen Fussball spielen gesehen hatte und ihn deshalb schon früh bewunderte, spendete dem inzwischen 16-Jährigen das erste Paar Fussballschuhe. Diese kosteten damals das Dreifache eines durchschnittlichen Monatslohns.

  • Noch bevor er sein Debüt in der ersten Mannschaft feierte, bekam der damals 17-jährige Meazza von Leopoldo Conti, einem früheren Spieler von Inter Mailand, in Anspielung auf die damalige Jugendorganisation "Opera Nazionale Balilla" den Spitznamen Balilla verpasst.

  • Am 27. April 1930 gelang Meazza in Mailand gegen AS Rom das außergewöhnliche Kunststück, innerhalb der ersten drei Spielminuten – einschließlich der Zeit, die jeweils bis zum Wiederanstoß verging – drei Tore zu schießen.

  • Zum Gedenken an sein Idol, den italienischen Schauspieler Rudolf Valentino, der am 23. August 1926 verstarb, trug der am 23. August 1910 geborene Meazza eine Frisur mit reichlich Pomade im Haar, wie es seinerzeit Mode war.