"Das war der glücklichste Tag meiner Sportkarriere. Und ich hatte schon einige sehr glückliche Tage."

So erinnerte sich Miguel Muñoz an das denkwürdigste Ereignis der spanischen Fussballgeschichte, das es bis zu den jüngsten Erfolgen der Roja bei der UEFA EURO 2008 und 2012 und dem Triumph bei der WM 2010 in Südafrika gab: das 12:1 gegen Malta im Jahr 1983.

Die von Muñoz trainierte spanische Auswahl stand vor einer entscheidenden Begegnung. Um sich für die Europameisterschaft 1984 zu qualifizieren, brauchte das Team aus dieser Begegnung eine Torausbeute von sage und schreibe 11 Treffern. Und dann erzielte Malta zu allem Übel in der ersten Halbzeit auch noch einen Treffer. Spanien musste nun also zwölf Tore erzielen, um das Ziel noch zu erreichen. Das schien ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, aber die Furia Roja legte einen heldenhaften Auftritt hin und machte das Unmögliche möglich. Poli Rincón, der an diesem Abend vier Tore für sich verbuchen konnte, fasste später die Halbzeitansprache des Trainers zusammen: "Er sagte, wir sollten Einheit und unsere Liebe zur Nationalmannschaft demonstrieren, wenn wir wieder auf den Platz gingen, damit das Publikum auf seine Kosten käme." Jahre später, Muñoz war bereits verstorben, erklärte Vicente Miera, sein Assistent bei der Nationalmannschaft und zu Spielerzeiten sein gelehriger Schüler bei Real Madrid: "Dieser Abend war besonders schön, weil wir das ganze Land damit glücklich gemacht haben."

So muss es wohl sein, wenn einer der hoch gelobtesten Trainer des Vereinsfussballs den Tag des 12:1-Erfolgs der Selección als den glücklichsten seiner Karriere bezeichnet. Denn Muñoz war ausgesprochen erfolgreich. Zunächst einmal als Spieler bei Real Madrid. Er gehörte zu dem glanzvollen Team mit Alfredo Di Stéfano, Ferenc Púskas und Paco Gento, mit dem er unter anderem drei Mal den Europapokal und vier Mal den spanischen Meistertitel gewann. Dabei setzte er Meilensteine wie das erste Tor der Königlichen im europäischen Wettbewerb. Zur Legende sollte Miguel Muñoz jedoch erst als Trainer werden.

Nachdem er die Fussballschuhe 1958 an den Nagel gehängt hatte, bat ihn Santiago Bernabéu, der damalige Präsident von Real Madrid, die Zweitmannschaft des Klubs zu trainieren. Im nächsten Jahr erreichte er dann aber ein noch ehrgeizigeres Ziel: Er wurde Trainer der ersten Mannschaft. Damit gelang dem 37-Jährigen etwas Unglaubliches: Der ehemalige Mannschaftskamerad von Stars wie Di Stéfano und Gento dirigierte schon nach kurzer Zeit das gesamte Orchester.

Gleich in seiner ersten Spielzeit rechtfertigte er das Vertrauen des Vereinspräsidenten mit dem Titelgewinn im Europapokal. Er war der erste, dem dies als Spieler und Trainer gelang. Aber damit hatte die glorreiche Zeit des Madrilenen beim Hauptstadtklub erst angefangen, denn Muñoz ist noch heute der Trainer mit der längsten Amtszeit bei einem spanischen Klub. Insgesamt saß er 13 Spielzeiten und sechs Monate auf der Bank der Königlichen und gewann neun spanische Meistertitel, zwei Mal den spanischen Pokalwettbewerb, zwei Mal den Europapokal und ein Mal den Interkontinental-Pokal.

Mit Runderneuerung zu neuen Erfolgen
"Ich wurde mit einer großen Blume im Allerwertesten geboren", pflegte er immer scherzhaft zu sagen, um zum Ausdruck zu bringen, dass das Glück ihm wohl gesonnen ist. Aber einmal abgesehen vom Glück waren seine Erfolge vor allem darauf zurückzuführen, dass er es hervorragend verstand, mit einem Kader voller Stars umzugehen. Seine wohl größte Leistung bei Real Madrid war aber die Runderneuerung einer Mannschaft, die fünf Mal den Europapokal gewonnen hatte. Er ersetzte die großen Stars durch Nachwuchsspieler, die dem Klub nach einer Durststrecke von sechs Jahren 1966 den sechsten kontinentalen Titel sicherten.

Und die Staffelübergabe war sicherlich nicht leicht. Das gilt insbesondere für Di Stéfano, von dem Muñoz nicht nur ein erklärter Bewunderer, sondern auch ein persönlicher Freund war. 1964 war der blonde Pfeil, wie Di Stefano auch genannt wurde, 38 Jahre alt und der Trainer wusste, dass seine Tage bei Real gezählt waren. Dennoch wollte er diese schmerzliche Entscheidung nicht treffen und seinen Weggefährten ausmustern. Das ging sogar so weit, dass er dem Vereinspräsidenten die Kündigung präsentierte. Dieser nahm sie jedoch nicht an, und so musste Muñoz das Team weiter umbilden. Der Klub hatte im Europapokal-Finale mit 1:3 gegen das von Helenio Herrera trainierte Inter Mailand verloren, und in der folgenden Woche stand die Viertelfinal-Partie des spanischen Pokalwettbewerbs gegen Atlético Madrid an. Muñoz fackelte nicht lange und bot Di Stefano nicht auf.

Genau wie der Argentinier mussten auch andere Stützpfeiler des fünfmaligen Europapokalsiegers Platz für die neue Generation machen, unter anderem Púskas, José Santamaría oder Marquitos. Das runderneuerte Team bekam übrigens den Spitznamen "Madrid Yé-Yé", in Anlehnung an ein Foto von vier Mannschaftsmitgliedern, die mit Beatles-Perücken posierten. So gelang es Muñoz, eine neue Meistermannschaft aufzubauen, die Spanien in den 60er Jahren dominierte und in der Spieler wie Amancio Amaro, Ramón Grosso und José Martínez Pirri herausragten.

Der Trainer, der aus bescheidenen Verhältnissen stammte, als Kind bereits in der Schneiderei seines Vaters arbeitete und wann immer er konnte zum Fussballspielen entwischte, kam zu Ruhm und Ehre, erlebte aber auch die Schattenseiten des Fussballs. 1974 verließ er Real in Folge schlechter Ergebnisse. Als die Fangemeinde sich gegen ihn wandte, nahm Miguel Muñoz seinen Hut.

Einen Schritt vor dem erneuten Gipfelsturm
In der Folge trainierte er andere Klubs wie den FC Sevilla und UD Las Palmas, bis 1982 nach dem WM-Fiasko Spaniens schließlich der Verband auf ihn zutrat, um ihm den Posten des Nationaltrainers anzubieten. Damit begann eine neue, wichtige Etappe in der Karriere von Miguel Muñoz, der bis 1988 das Amt des Nationaltrainers bekleidete.

Mit der Roja konnte er wieder unvergessliche Fussballabende feiern, beispielsweise das denkwürdige 12:1 gegen Malta. Allerdings hatte er auch Pech, denn der ganz große Erfolg klopfte zwei Mal an die Tür, blieb ihm letztendlich aber versagt. Da wäre zunächst einmal die Europameisterschaft 1984 zu nennen. Spanien war vor allem dank der hervorragenden Leistungen von Torhüter Luis Miguel Arconada ins Endspiel eingezogen und sollte dann ausgerechnet durch einen Torwartfehler scheitern. Arconada ließ den Ball nach einem direkten Freistoß von Michel Platini durch die Hände gleiten, und die Spanier mussten sich am Ende gegen Frankreich geschlagen geben.

Zwei Jahre später avancierte Spanien mit einer neu formierten Mannschaft, in der unter anderem Emilio Butragueño und Míchel zu glänzen wussten, zum Titelanwärter der WM 1986 in Mexiko. Die Roja fertigte die dänische Mannschaft mit Michael Laudrup im Achtelfinale mit 5:1 ab, vier Treffer gingen auf das Konto von Butragueño. Aber dann kam das Team aufgrund von Verletzungs- und Elfmeterpech nicht über das Viertelfinale hinaus, sondern musste sich gegen Belgien geschlagen geben.

Nach der Pleite bei der Europameisterschaft 1998, bei der die Selección bereits in der ersten Runde scheiterte, gab Miguel Muñoz sein Amt auf und beendete seine Trainerlaufbahn.

"Der Erfolg ist das Ergebnis von Disziplin in großen Augenblicken", erklärte der ruhige Zeitgenosse, der aber bei seinen Mannschaften durchaus in der Lage war, hart durchzugreifen. 1990 verstarb er im Alter von 68 Jahren. Muñoz wird immer für seine Erfolge in Erinnerung bleiben, für einen magischen Fussballabend mit der Nationalmannschaft, aber auch dafür, dass er es bei Real Madrid gewagt hat, Di Stefano "in Rente zu schicken".

 

 

Hätten Sie's gewusst?

  • Don Alfredo Di Stefano genießt bei Real Madrid den Status einer Legende. Er wurde zum Ehrenpräsidenten des Klubs ernannt, die Spielstätte des Reserveteams Castilla wurde nach ihm benannt und das klubeigene Flugzeug in Anlehnung an seinen Spitznamen "der blonde Pfeil" auf "la Saeta" (der Pfeil) getauft.

  • Auch wenn Di Stefano gemeinhin als einer der besten Fussballer aller Zeiten gilt, gibt es für ihn selbst nur eine wahre Nummer eins: der Paraguayer Arsenio Erico. "Ich war nur ein kleiner Nachahmer", sagte er.

  • Di Stefano zog es wiederholt in die Welt des Films. Er spielte in den Kinofilmen "Con los mismos colores" (1949), "Once pares de botas" (1954), "La saeta rubia" (1956), "La batalla del domingo" (1963), "Sinfonía española" (1964), "La técnica del fútbol" (1970) oder "Real, la película" (2005) mit.

  • Trotz seiner Klasse nahm Di Stefano nie an einer FIFA Fussball-Weltmeisterschaft teil: 1950 in Brasilien war Argentinien nicht dabei, und für Schweden 1958 verpasste Spanien die Qualifikation. In der Vorbereitung für Chile 1962 verletzte er sich (er reiste mit, ohne zu spielen), und das Turnier in England 1966 fiel in den Herbst seiner Karriere.

  • Di Stefano wurde am 26. August 1963 in Caracas von den Fuerzas Armadas de Liberación nacional, einer venezolanischen Guerrilla-Gruppierung, entführt. Er wurde 72 Stunden lang festgehalten, der Fussballer gab indes an, sich nie bedroht gefühlt zu haben.