• Erste weibliche Schiedsrichterin in Bundesliga
  • Die 38-jährige Polizistin war sechs Mal Deutschlands Schiedsrichterin des Jahres
  • Große Erfahrung in Männer- und Frauenfussball

Am Sonntag leitete Bibiana Steinhaus mit der Partie Hertha BSC gegen Werder Bremen (1:1) als erste Frau ein Spiel in der Bundesliga. Die 38-Jährige Polizistin war sechs Mal Deutschlands Schiedsrichterin des Jahres und leitete seit 2007 bereits 80 Partien in der 2. Bundesliga der Männer. Auch im Frauenfussball kommt sie regelmäßig zum Einsatz. FIFA.com hatte die Gelegenheit zu einem Austausch mit der 38-Jährigen.

Herzlichen Glückwunsch zum Aufstieg in die Bundesliga. Sind Sie nun eine bessere Schiedsrichterin als letztes Jahr?
Vielen Dank. Auch Schiedsrichter machen eine Entwicklung durch. Ich habe auf jeden Fall ein Jahr mehr Erfahrung zu verzeichnen.

Inwiefern sehen Sie sich selber als Pionierin, oder wollen Sie einfach nur Bundesliga-Spiele leiten?
Im Kollegenkreis spielt mein Geschlecht keine Rolle. Wir Schiedsrichter werden alle an identischen Kriterien gemessen und natürlich an unserer Leistung. Eine großartige Entwicklung ist es zum Beispiel, dass bei der kommenden U-17-WM in Indien alle Vierten Offiziellen Frauen sein werden – ausschließlich nach Leistungskriterien besetzt.

Sicherlich haben Sie im Lauf der Jahre auch Negativerfahrungen gemacht, vielleicht auch weil Sie eine Frau sind?
Streichen Sie das Wort Negativerfahrungen. Jede Erfahrung, die ich mache, bringt mich weiter, lässt mich lernen und meinen Handlungsspielraum erweitern. Als Mensch, als Persönlichkeit und auch als Schiedsrichter auf dem Feld. Das empfinde ich als großes Glück.

Wie würden Sie ihren persönlichen Stil beschreiben?
Schiedsrichter zeichnen sich durch die Qualität ihrer Entscheidungen und ihre Persönlichkeit auf dem Platz aus. Richtige Entscheidungen sind wichtig – das ist die Grundlage. Außerdem braucht es eine gute Kommunikation und Interaktion mit Teamoffiziellen, Spielern und natürlich auch im Schiedsrichterteam.

Bereiten Sie sich spezifisch auf ein Spiel vor, oder wollen Sie vorher möglichst wenig wissen, um ganz neutral ran zu gehen? Ich habe von Schiedsrichtern schon beide Herangehensweisen kennengelernt.
Ich kenne auch beide Varianten. Persönliche orientiere ich mich aber an einer spezifischen Vorbereitung. Ich möchte mich bestmöglich vorbereiten, dabei aber nicht vorbelasten. Eine intensive Vorbereitung gibt mir die Chance, den nächsten Schritt im Spiel frühzeitig zu antizipieren.

Sind Sie da besonders akribisch?
Der Fuball hat sich weiterentwickelt, alles ist schneller geworden. Auch wir Schiedsrichter haben den Anspruch dieser Entwicklung zu folgen.

Welche Erinnerungen haben Sie an das WM-Endspiel 2011 und das Olympia-Endspiel 2012, die Sie geleitet haben?
Fantastische Erinnerungen, nicht nur an diese Spiele, sondern an die ganzen Turniere. Wir hatten großartige Schiedsrichterteams, die ganze Mannschaft von 50, 60 Kollegen und dem Team hinter dem Team. Wir alle hatten eine gute und erfolgreiche Zeit, haben Erfahrungen sammeln dürfen und haben im Vorfeld sehr hart gearbeitet, um die Möglichkeit zu erhalten, an diesen Turnieren teilnehmen zu dürfen. Es ist fantastisch, als Sportler eine Weltmeisterschaft im eigenen Land erleben zu dürfen.

Es fällt auf, dass Schiedsrichter viel über den Teamgedanken reden – in der Öffentlichkeit werden sie aber eher als Einzelkämpfer wahrgenommen…
Das ist so schade! Man sieht bei den Spielen meist nur vier von uns, dabei sind wir ein viel größeres Team. Wie gesagt, in einem Turnier sind wir beispielsweise rund 50 Aktive und zusätzlich circa 30 Mitgliedern im Team hinterm Team. Wir arbeiten intensiv daran, dass wir als Schiedsrichterteam bestmögliche Leistungen abrufen und den Mannschaften für den Wettkampf optimale Rahmenbedingungen bieten können.

Oft werden ja nicht mal die Assistenten wahrgenommen, sondern nur der Hauptschiedsrichter.
Es funktioniert nur im Team. Wir müssen gemeinsam die richtige Entscheidung treffen. Der Fussball ist heute so komplex, etwa bei Abseitspositionen: Befindet sich ein Spieler in einer Abseitsposition und nimmt er beispielsweise durch seine Position auf den Torwart Einfluss? Da muss das Schiedsrichterteam ganz eng und rasend schnell miteinander kommunizieren. Einer alleine kann es nicht entscheiden!

Sie kennen sicher den Film "Referees at Work". Da fällt die Kommunikation der Schiedsrichter untereinander ja extrem auf.
Ja! Dieser Film ist exemplarisch dafür, wie hochkomplex und spannend die Aufgabe des Schiedsrichters ist. Wir sind keine Einzelkämpfer, sondern Teamworker.

Was wäre Ihr Tipp an Nachwuchsschiedsrichter – gerade die ganz jungen?
Ich wünsche ihnen, dass sie immer mit Spaß an die Sache gehen und Schiedsrichterei als Teamwork erleben, dass sie Erfahrungen teilen und sich mit Kollegen austauschen.

Das große Ziel Bundesliga haben Sie erreicht. Welche Ziele kann man sich denn jetzt noch setzen?
Ich denke von Spiel zu Spiel. Ich bin seit über 20 Jahren Schiedsrichterin, habe ganz viele tolle Momente erleben dürfen, musste aber auch schon einige Rückschläge wegstecken. Ich bin glücklich und dankbar für die Chance, in der Bundesliga aktiv sein zu dürfen.