Pierluigi Collina hat während seiner aktiven Karriere viele Elfmeter und Eckbälle gepfiffen und das so gewissenhaft und souverän, dass er zwischen 1998 und 2003 sechs Mal in Folge zum weltbesten Unparteiischen gewählt wurde. Der Italiener definierte die Rolle der Schiedsrichter neu und wurde zu ihrem ersten und einzigen Star.

Berühmt zu sein, war ihm aber nie wichtig. Stattdessen legte Collina Wert darauf, hart an sich zu arbeiten und sich akribisch auf seine Spiele vorzubereiten. Nichts wollte er dem Zufall überlassen, sondern vielmehr gewappnet sein für alles, was ihn auf dem Spielfeld denn erwarten könnte.

Diese Professionalität strahlt er immer noch aus, auch wenn er nicht mehr auf dem Platz steht, sondern daneben. Beim FIFA-Schiedsrichterlehrgang in Abu Dhabi ist die Aufmerksamkeit der Fussballfans, die sich am Rande des Trainingsgeländes postiert haben, zwar auf ihn gerichtet, der Fokus von Collina richtet sich aber auf 36 der weltbesten Schiedsrichter, die sich in den Vereinigten Arabischen Emiraten getroffen haben, um sich für die kommenden Aufgaben zu rüsten.

Seit Anfang dieses Jahres ist Collina Vorsitzender der FIFA-Schiedsrichterkommission und voller Dankbarkeit für seine neue Rolle. Er sagt: "Es ist ein großes Privileg, in dieser Position arbeiten zu dürfen.“ Während er an der Seitenlinie in Abu Dhabi auf- und abgeht und beobachtet, wie die Schiedsrichter verschiedene Spielsituationen imitieren, spürt man auch das große Engagement und die Einsatzbereitschaft, mit der er zu Werke geht.

So wie sich Collina zu aktiver Zeit dazu verschrieben hat, das Beste aus sich herauszuholen, ist er nun bestrebt, das Beste in der nächsten Generation von Schiedsrichtern hervorzubringen. "Unser Ziel ist es, die Schiedsrichter auf die FIFA Klub-Weltmeisterschaft und die FIFA Weltmeisterschaft vorzubereiten. Gemeinsam mit Massimo Busacca und den anderen Instruktoren sind wir bemüht, sie in eine Verfassung zu bringen, die es ihnen ermöglicht, dort ihre beste Leistung abrufen zu können", sagt er.

Collina kommuniziert mit seinen Schützlingen in Abu Dhabi in ruhiger und besonnener Art und gibt ihnen Ratschläge. Da wird die Körpersprache analysiert und über die Positionierung auf dem Rasen gesprochen. "FIFA-Wettbewerbe bedeuten hohe Aufmerksamkeit. Und hohe Aufmerksamkeit führt zu hohem Druck", erklärt Collina. Daher sei es umso wichtiger, die Schiedsrichter auf ihrem Weg bestmöglich zu begleiten. Bereits vor zwei Jahren fanden im Hinblick auf die Weltmeisterschaft in Russland erste Lehrgänge statt. Die Anzahl der Teilnehmer hat sich seitdem kontinuierlich reduziert, bevor voraussichtlich Anfang nächsten Jahres die endgültigen WM-Schiedsrichter bekannt gegeben werden.

Bei einer WM dabei sein zu dürfen – das ist das Ziel eines jeden FIFA-Schiedsrichters. Der Unparteiische in einem WM-Finale zu sein, der große Traum. Pierluigi Collina hat ihn sich erfüllt und 2002 in Japan und Korea das Endspiel zwischen Deutschland und Brasilien gepfiffen. "Das Schiedsrichterwesen heute ist mit dem von früher aber nicht zu vergleichen", sagt er. Während sich Collina damals in Yokohama mit seinen Kollegen aufs Hotelzimmer zurückzog, um Videos der Teams mit ihren Besonderheiten zu studieren, erhalten die Schiedsrichter bei ihrer Match-Vorbereitung nun Unterstützung. "Seit dem FIFA Konföderationen-Pokal in Russland haben wir Lizenztrainer im Team, die mit uns arbeiten und die Schiedsrichter mit Informationen zu den Teams, deren Taktik und charakteristischen Spielern versorgen. Die Rückmeldung der Schiedsrichter ist durchweg positiv."

Bleibt bei einer solchen Entwicklung des Schiedsrichterwesens nur die Frage, ob Pierluigi Collina nicht doch noch gerne auf dem Platz stehen würde. "Ich träume immer noch davon, Spiele zu pfeifen. Aber ich muss akzeptieren, dass diese Zeit und dieser Abschnitt meines Lebens vorbei sind", gibt er zu. "Ich liebe es jedoch, nun auf diese Weise im Spiel involviert zu sein. Wann immer Hilfe benötigt wird, bin ich da. Die Schiedsrichter können auf mich zählen", sagt er mit Nachdruck und widmet sich dann wieder konzentriert dem Spielfeld zu.