Wer schon einmal einige Tage lang ein Schiedsrichterseminar intensiv verfolgt hat, sieht die Arbeit der Unparteiischen auf dem Spielfeld mit anderen Augen – und auch den Fussball insgesamt.

Dass Schiedsrichter Fehler machen, ist quasi ein unvermeidliches Naturgesetz. In Sekundenbruchteilen müssen sie Entscheidungen zu Aktionen von Spitzensportlern treffen, bei denen es oftmals nur um wenige Zentimeter geht. Dass dies nicht ohne Fehler bleiben kann, ist offensichtlich. Spieler wissen es, Schiedsrichter wissen es und auch die besten Schiedsrichter-Instruktoren wissen es nur zu gut.

"Ich persönlich habe diesen Druck immer genossen, das Wissen, dass überall mögliche Fehler lauern", sagt Massimo Busacca, der Leiter der FIFA-Abteilung Schiedsrichterwesen, der bei zwei FIFA WM-Endrunden Spiele geleitet hat. "Schiedsrichter brauchen diesen Druck. Er sorgt dafür, dass man sich verbessert. Aber man muss sich so gut wie nur möglich vorbereiten. Man muss alles beeinflussen, was sich beeinflussen lässt. Nicht um den Druck zu vermeiden, sondern um keine Angst davor zu haben, so dass es sich auf dem Platz so anfühlt, als wäre man 90 Minuten lang unter Wasser und würde während dieser Zeit nur die eigene Konzentration empfinden, stets die richtigen Entscheidungen zu treffen."

Wenn Busacca von Vorbereitung spricht, dann meint er damit die gebetsmühlenartige Wiederholung von Konzepten und Aktionen, bis diese tief im Moment der Entscheidungsfindung verwurzelt sind. Platz für subjektive Eindrücke und instinktive Entscheidungen soll es so wenig wie möglich geben. Hinter jeder Entscheidung eines Spitzenschiedsrichters – egal ob richtig oder falsch – soll eine objektiv nachvollziehbare Begründung stehen, von der Vergabe eines Elfmeters bis hin zur Positionierung auf dem Spielfeld. Und zwar eine Begründung, die unzählige Male diskutiert wurde. Gab es eine eindeutige Torchance? Wo genau kam es bei einem Foul zum Körperkontakt? Wo war der Ball, als sich das Foul ereignete und wie veränderte sich die Spielsituation durch das Foul? Jede Entscheidung eines gut geschulten Schiedsrichters sollte eine logische und unmittelbare Lösung für eine Gleichung mit sehr vielen Variablen sein. Dieses Ziel kann man nicht ohne Schulungen erreichen – sehr intensive Schulungen. Nichts wird dem Zufall überlassen. Alle Aspekte, welche für die Schiedsrichter wichtig sind, werden in der Ausbildung erwähnt und auch angewandt. Grosse Bedeutung gibt Busacca beispielsweise auch dem technischen Aspekt eines Spiels. Jean-Paul Brigger, Leiter der technischen Studiengruppe der FIFA ist aus diesen Schiedsrichter-Seminaren daher nicht mehr wegzudenken. „Es ist wichtig, dass die Schiedsrichter eine Übersicht bekommen wie eine Mannschaft sich technisch und auch taktisch verhält. Es ist wichtig den Schiedsrichtern zu zeigen wie schnell gewisse Spielzüge sein können. So verstehen die Unparteiischen die Spielsituationen besser und können auf dem Platz gewisse Dinge voraussehen, die für ihre Entscheidungen enorm wichtig sind“, so Brigger.  

Historisches Seminar in Doha
All die oben genannten Fragen stellen sich im Frauenfussball ebenso wie auch im Männerfussball. Entsprechend schien es nicht sinnvoll, die Schulung der Spitzenschiedsrichter nach Geschlechtern getrennt voranzutreiben. Daher traf die FIFA die historische Entscheidung, die Vorbereitung der potenziellen Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter für die beiden nächsten Weltturniere zusammenzulegen, also für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018™ und die FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Frankreich 2019™.

In der vergangenen Woche fand in der katarischen Hauptstadt Doha das erste Seminar für potenzielle Schiedsrichter auf dem Weg nach Russland und Frankreich statt. 48 ausgewählte FIFA-Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter aus den Konföderationen AFC, CAF und OFC verbrachten fünf Tage damit, Spielszenen zu betrachten und zu analysieren, medizinische und sportliche Tests zu absolvieren, Spielsituationen auf dem Feld zu simulieren und sie dann eingehend auf Video zu analysieren. Potenzielle Schiedsrichter aus den Konföderationen CONCACAF und CONMEBOL durchlaufen später ein ähnliches Seminar in Miami, diejenigen aus der UEFA-Zone ebenfalls

"Das ist eine sehr bedeutende Botschaft und eine hervorragende Initiative" meint Tatjana Haenni, Leiterin der FIFA-Abteilung für Frauenfussball. "Die FIFA Frauen-Weltmeisterschaft in Kanada hat gezeigt, wie sehr sich der Frauenfussball entwickelt hat und wie sehr nun auch der Frauenfussball durch Schnelligkeit geprägt ist. Dem müssen sich natürlich auch die Schiedsrichter anpassen. Im Männerbereich ist das Schiedsrichterwesen – natürlich auch historisch bedingt – sehr viel weiter und auf einem viel höheren Niveau. Daher können weibliche Offizielle und Schiedsrichterinnen von einem derartigen Projekt nur profitieren."

Gleiche Kriterien für beide Geschlechter
Wie sich nun in Doha zeigte, profitieren beide Seiten davon, wenn sich Männer und Frauen zusammentun und als Team ihr Interpretationsvermögen, ihr Positionsspiel und ihre Entscheidungsfindung optimieren. "Ich bin sehr zufrieden mit dem Ablauf, denn vielleicht haben Schiedsrichterinnen ja etwas, was uns Männern fehlt. Daher halte ich diesen Erfahrungsaustausch für eine großartige Idee", sagte der katarische Schiedsrichter Abdulrahman Al Jassim.

Für Massimo Busacca stellt die Initiative auch einen weiteren Schritt auf dem Weg zu dem wichtigsten Ziel dar, das er seit der Übernahme der FIFA-Abteilung Schiedsrichterwesen im Jahr 2011 verfolgt, nämlich Einheitlichkeit. "Wenn Männer und Frauen gemeinsam trainieren, Situationen betrachten und sie dann analysieren, dann kommen wir letztlich zu den gleichen Antworten auf die jeweiligen Situationen und erreichen die Einheitlichkeit und Konstanz, die wir in beiden Wettbewerben benötigen. Das ist ein sehr wichtiger Aspekt: Wir wollen nicht bei den Männern eine bestimmte Philosophie sehen und bei den Frauen eine andere."

Die gemeinsame Schulung ist indes nicht nur als Selbstzweck zu sehen, sondern als weiterer Schritt auf dem langen Weg hin zur weiteren Entwicklung des Frauenfussballs. "Das ist der richtige Weg, aber das reicht noch nicht. Weibliche Schiedsrichter brauchen mehr Erfahrung. Einige von ihnen haben in ihren Regionen nur sehr wenige Gelegenheiten, Spiele auf hohem Niveau zu leiten. Und dann finden sie sich plötzlich bei einer FIFA Frauen-Weltmeisterschaft vor 50.000 Zuschauern wieder. Sie brauchen viel mehr hochklassige Wettbewerbe. Sie müssen in der Lage sein, ihr Amt in ihren Ländern in den Top-Männerligen auszuüben", so Haenni.

"Dies ist nur ein Schritt – wenn auch ein sehr wichtiger – in einem langen Prozess", so die australische Schiedsrichterin Kate Jacewicz nach einer eingehenden Video-Analyse, bei der ihre Gruppe von einer der FIFA-Schiedsrichter-Instruktorinnen geleitet wurde. "Doch der wichtigste Aspekt ist, dass dieser Schritt gemacht wurde. Damit wurde Männern und Frauen die Tür aufgestoßen um ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Ziele zu erreichen." Die ersten Stationen auf diesem gemeinsamen Weg sind Russland und Frankreich.