"Als wir 1996 Mitglied der FIFA wurden, war der Fussball hier noch unbedeutend. Was die Aktiven angeht, war Fussball hinter Baseball, Basketball, American Football und Volleyball abgeschlagen die Nummer fünf. Es ist gut möglich, dass wir damals die schwächste Nationalmannschaft der ganzen Welt waren, aber wir waren überzeugt, dass es ein Fussball-Potenzial auf Guam gibt." Die Zeit sollte zeigen, wie Recht Richard Lai, der Präsident des Fussballverbands von Guam (GFA), hatte.

Pünktlich zur "Volljährigkeit" der FIFA-Mitgliedschaft ist Fussball auf der kleinen Pazifikinsel die beliebteste Sportart und der Fussballverband der am besten organisierte und solventeste aller Sportverbände des Landes. Man muss sich im nationalen technischen Zentrum nur einmal kurz umblicken: Alle Sporteinrichtungen wirken wie neu und in den Büros herrscht rege Betriebsamkeit.

Aber vor allem die vielen Werbebanden und -tafeln mit den Sponsoren erstaunen. Darauf verkünden Automobilhersteller, Telekommunikationsunternehmen und internationale Fluglinien stolz ihre Zusammenarbeit mit dem Verband. Nun sind Sponsoren im Fussball an sich längst nichts Ungewöhnliches mehr, doch erwartet man sie eher bei Profiklubs als bei einem Verband, dessen Nationalmannschaft bislang nicht einmal die allerersten Runden der Qualifikation zur FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ überstanden hat.

Einnahmen für den Fussball
"Wir wollen uns keine Limits setzen. Dass sich unsere Ergebnisse auf dem Platz nicht in Einnahmen niederschlagen, bedeutet ja nicht, dass wir untätig sein müssen", erklärt Cherri Stewart, die Leiterin der Verwaltung. "Auch wenn die Qualität unseres Fussballs noch nicht auf diesem Niveau ist - und wir arbeiten pausenlos daran, dass sich das ändert -, so können wir doch andere Dinge in die Waagschale werfen. Den Platz, den wir uns auf der Insel erstritten haben, die Werte des Fussballs, aber auch unsere eigene Organisation, unsere Glaubwürdigkeit. All das ergibt ein Gesamtbild, das unsere Partner schätzen und mit dem sie sich identifizieren."

Die Erschließung neuer Geldquellen hat für den Verband stets Priorität. "Ursprünglich waren die finanziellen Zuwendungen der FIFA unsere einzige Einnahmequelle", erinnert sich Richard Lai. "Als ich Präsident wurde, war meine erste Sorge daher, andere Geldquellen zu finden. Ich habe mich gefragt, wie wir mit unseren Möglichkeiten Einnahmen generieren können - zum Beispiel mit unserem technischen Zentrum. Wir haben die beste Infrastruktur auf der Insel. Und die bieten wir zur Vermietung an. Schließlich hat die FIFA immer betont, dass die von ihr gewährte finanzielle Unterstützung dazu dienen muss, die Verbände unabhängig zu machen. Das haben wir buchstabengetreu befolgt. So haben uns die Goal-Projekte die Grundlagen geliefert, aber wir haben diese Grundlagen genutzt, daraus eigene Mittel zu generieren."

Das Win-Win-Programm zur Generierung von Einnahmen mag ursprünglich von der FIFA stammen, aber Guam war einfach der ideale Kandidat für ein solches Projekt. "Auf Guam wird nie tagsüber gespielt, dazu ist es erstens zu heiß und zweitens sind die Spieler um diese Zeit auf der Arbeit. Also spielen wir abends. Dazu braucht es aber leistungsstarke Flutlichtanlagen. Elektrizität ist teuer; wir haben bei uns weder Atomstrom noch Wasserkraft. Aber wir haben die Sonne! Also haben wir die FIFA gebeten, die Montage von Solarmodulen zu finanzieren. Früher haben wir monatlich 5.000 U.S.-Dollar für Elektrizität ausgegeben. Heute zahlen wir nur noch für die Wartungskosten. Die 5.000 Dollar können wir anderweitig einsetzen: für Trainer, für Ausrüstung, für die Organisation von Turnieren - kurz, für die Weiterentwicklung des Fussballs."

Um das Niveau des Fussballs in Guam zu erhöhen, wurde unter anderem Gary White verpflichtet. "Wir streben höhere Ziele an und haben keine Angst davor. Wir mögen ein kleines Land sein, aber wir haben viel Vertrauen in unsere eigenen Fähigkeiten und wir denken, dass wir unter die ersten Fünf der Region und die ersten Hundert der Welt kommen können", versichert der Engländer, der aktuell eine Doppelfunktion als Nationaltrainer und Technischer Direktor bekleidet. "Wir haben schon viel erreicht - mehr als gemeinhin für möglich gehalten wurde, aber es geht noch besser."

Besser, das bedeutet zunächst einmal, in der FIFA-Weltrangliste weiter zu klettern, über den 165. Platz hinaus, den Guam aktuell belegt. Mehr, das bedeutet, auch weiterhin mehr Fussballer anzuziehen. Und Fussballerinnen. "Auf diesem Gebiet haben wir den größten Sprung gemacht - bei den Frauen", erklärt Generalsekretär Valentino San Gil. "Heute sind von allen Aktiven im Fussball auf Guam 40 Prozent Frauen - und vor 20 Jahren war Frauenfussball hier quasi noch inexistent."

"Soccer Moms" mal anders
Im Bereich des Frauenfussballs springt der Innovationsgeist des Verbands von Guam am deutlichsten ins Auge. So hat der Verband nicht nur eine landesweite Frauenfussball-Liga eingeführt, er kümmert sich auch und vor allem an den Schulen konsequent um die Nachwuchsförderung, damit künftigen Auswahlmannschaften die Talente nicht ausgehen. Doch damit nicht genug. "Wir drehen jeden Stein um, damit wir neue Spielerinnen finden", so San Gil wörtlich.

Im Zuge dessen wurde nun auch eine eigene Jugendliga geschaffen. "Wir hatten nämlich das Gefühl, dass zwischen den Jugendturnieren und dem Wettbewerb in der Liga etwas fehlte. Wir wollten speziell Frauen, die über Sport und Spaß aktiv sein wollen, die Möglichkeit bieten, Fussball in der Freizeit zu spielen", erläutert Cherri Stewart.

"Im Amerikanischen gibt es ja diesen Begriff der Soccer Moms für Mütter, die ihre Kinder zum Fussball bringen, sie begleiten, bei den Spielen dabei sind und Erfrischungen anbieten, ehe es für alle wieder nach Hause geht. In den USA ist das schon eine Art Institution. Da kam uns die Idee: Was wäre, wenn unsere Soccer Moms einfach mitspielen würden? Schließlich wollen diese Frauen aktiv sein und den Fussball kennen sie von ihren Kindern her. Also haben wir sie nach und nach auf den Platz geholt - und es wurde ein größerer Erfolg daraus, als wir selbst erwartet hatten."

Heute spielen über 300 dieser Soccer Moms in ihrer eigenen Freizeitliga. Ein weiterer Beleg für die Innovationskraft des Fussballverbands von Guam. Und es wird mit Sicherheit nicht der letzte sein.