Der medizinische Leiter der FIFA, Professor Jiri Dvorak, warnt vor dem Missbrauch schmerzstillender Mittel. Er erläuterte, dass Fussballer damit ihre Karriere und auf lange Sicht ihre Gesundheit aufs Spiel setzten.

Während der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010™ forderte die medizinische Abteilung der FIFA von den Mannschaftsärzten eine Liste der Medikamente an, die die Spieler vor den Spielen verabreicht bekamen. Schon bei früheren Studien anlässlich internationaler Turniere hatte sich gezeigt: Viele Spieler verwenden große Mengen schmerzstillender nichtsteroidaler Antirheumatika.

Die Ergebnisse des Turniers in Südafrika im Jahr 2010 wurden kürzlich im sportmedizinischen Fachjournal "British Journal of Sports Medicine" veröffentlicht. Dabei stellte sich heraus, dass mehr Medikamente verabreicht wurden als je zuvor. So nahmen nicht weniger als 39 Prozent aller Spieler vor jeder Partie schmerzstillende Mittel ein.

Die Experten warnten davor, dass Medikamente im Profisport eine besondere Gefahr darstellen. Bei hoch intensiven sportlichen Aktivitäten wie dem Fussball leisten die Nieren der Spieler durchweg Schwerstarbeit. Sie sind somit anfälliger für Schäden, die durch starke Medikamente verursacht werden können.

Über allem steht natürlich die Überlegung, dass sich der Fussball als gesundheitsfördernder Sport präsentieren sollte. Daher sollte die Gesundheit der Spieler im Mittelpunkt des Interesses stehen.

Professor Jiri Dvorak, medizinischer Leiter der FIFA

FIFA.com: Beim Turnier in Südafrika im Jahr 2010 führte die FIFA eine Studie über Schmerzmittel durch. Die Ergebnisse sind jetzt verfügbar. Können Sie sie für uns zusammenfassen?
Prof. Jiri Dvorak: Seit 1998 haben wir bei sämtlichen FIFA-Turnieren die vollständigen Daten über die Verabreichung von Schmerzmitteln gesammelt. Dabei haben wir 55 Wettbewerbe von U-17-Meisterschaften bis hin zu internationalen Turnieren auf Vereins- und Nationalmannschaftsebene untersucht. Die Ergebnisse sind alarmierend. Bereits bei den U-17-Turnieren nehmen 20 bis 25 Prozent der Spieler entzündungshemmende Medikamente und Schmerzmittel ein. Das steigert sich dann bis hinauf zum WM-Niveau, wo 30 bis 35 Prozent der Akteure solche Mittel einnehmen. Zählen wir dazu noch die nichtsteroidalen Antirheumatika, sprechen wir hier von etwa 50 Prozent der Spieler.

Manche der Profis schlucken die Arzneimittel unter Umständen ohne Rezept vom Mannschaftsarzt. Sie nehmen die Medikamente einfach und geben danach dem Arzt Bescheid. Andere bekommen sie als Mittel gegen Schmerzen oder körperliche Beschwerden auf Rezept verabreicht. Eine dritte Gruppe verwendet die Medikamente möglicherweise, um potenziellen im Spiel auftretenden Schmerzen und Beschwerden vorzubeugen. Eine gefährliche Praxis.

Auf der FIFA-Medizinkonferenz in Budapest warnten Sie vor kurzem die Spieler vor dem Missbrauch von Schmerz- und Ergänzungsmitteln. Worin genau bestehen die Gefahren für die Spieler?
Zuallererst müssen wir es schaffen, dass die verantwortlichen Mannschaftsärzte aller Mitgliederverbände das Problem erkennen. Sie müssen genau das Für und Wider abwägen, bevor sie Medikamente verabreichen. Jedes Arzneimittel hat potenzielle Nebenwirkungen. So kann sich beispielsweise der Blutaufbau verändern. Daneben können sich die Stoffe auch negativ auf die Funktion von Leber und Nieren auswirken. Das gilt vor allem dann, wenn einzelne Medikamente über einen längeren Zeitraum eingenommen werden. Manche Arzneimittel beeinträchtigen auch den Verdauungstrakt. Sie können zu inneren Blutungen verschiedener Schweregrade führen.

Gibt es klare und strikte Regeln zum Einsatz schmerzstillender Mittel?
Das liegt nicht im Ermessensspielraum der FIFA, sondern der WADA. Uns ist zwar der Ge- und Missbrauch der Schmerzmittel bekannt. Wir müssen uns aber auf die Aufklärung beschränken. Unsere Pflicht besteht darin, das medizinische und paramedizinische Personal sowie die Akteure selbst zu informieren. Jeder muss sich bewusst werden, dass Beschwerden oder Schmerzen ein Signal dafür sind, dass der Körper Probleme hat. Es ist auf lange Sicht nicht gut, Symptome einfach nur mit Schmerzmitteln zu behandeln. Das kann dazu führen, dass wichtige Signale des Körpers unerkannt bleiben. Kleine Knorpelschäden können beispielsweise größere Läsionen nach sich ziehen. Diese wiederum können den Ausbruch von Knochen- und Gelenkentzündungen bewirken.

Jeder Mensch braucht Zeit zur Rehabilitation und Regeneration. Das führt zwangsläufig zu Fragen wie 'Sind die Spieler zurzeit überlastet?' oder 'Ist der Leistungsdruck zu hoch?'

Ärzte und Spieler werden durch ihre Manager und Trainer aus wirtschaftlichen oder sportlichen Überlegungen heraus unter Druck gesetzt. Doch alle sollten sich bewusst sein, dass jeder Mensch unterschiedlich lang braucht, um sich zu erholen. Über allem steht natürlich die Überlegung, dass sich der Fussball als gesundheitsfördernder Sport präsentieren sollte. Daher sollte die Gesundheit der Spieler im Mittelpunkt des Interesses stehen.