Während Barcelona bei der FIFA Klub-Weltmeisterschaft im letzten Dezember spielerisch neue Maßstäbe setzte und sich als erstes Team zum zweiten Mal den Titel holte, leistete die FIFA-Abteilung Medizin abseits des Spielfelds Pionierarbeit, indem sie im Kampf gegen Doping erstmals ein innovatives Testverfahren anwendete.

In den Wochen zuvor hatten die FIFA-Dopingkontrolleure bei den Spielern aller sieben Teams unangemeldete Dopingkontrollen durchgeführt. Die Ergebnisse lieferten die Referenzwerte für ein neues Verfahren, das die Steroidprofile kontrolliert und überwacht.

Steroidprofile haben einen entscheidenden Vorteil. Sie berücksichtigen, dass viele für Dopingzwecke verwendete Stoffe auch natürlich im menschlichen Körper vorkommen und die sogenannt normalen Werte individuell verschieden sein können. Mit absoluten Grenzwerten, wie sie bislang gelten, ist es überaus schwierig, erhöhte Werte bei diesen Substanzen zu erkennen. Mit dem Erstellen von Profilen gehen die Dopingfahnder deshalb nun einen ganz anderen Weg. Die jeweiligen Testergebnisse werden nicht mehr mit den allgemeinen Grenzwerten, sondern mit den früheren Mittelwerten des Athleten verglichen. So können die Ärzte bei den Biomarkern (biologische Merkmale) Abweichungen feststellen, die möglicherweise auf eine Manipulation zurückzuführen sind.

Unterschiede bei den Biomarkern zwischen den einzelnen Tests sind allerdings noch kein Beweis für Doping, sondern lediglich Indiz für eine mögliche Manipulation. Sie sind aber hinlängliche Basis für Folgetests und die Aufnahme des Spielers in den internationalen registrierten Testpool, dem alle internationalen Spieler mit erhöhtem Dopingrisiko angehören, die von der FIFA deshalb besonders intensiv kontrolliert werden.

"Steroid- und Blutprofile sind derzeit vielleicht das wirksamste Mittel gegen Doping", erklärt FIFA-Chefarzt Prof. Jiri Dvorak. "Größter Vorteil ist, dass die Profile auf der Konsistenz der Spielerphysiologie basieren. Ständig kommen neue Substanzen auf den Markt, wobei es Jahre dauern kann, bis wirksame Kontrollverfahren vorliegen. Die menschliche Physiologie wird hingegen vererbt und verändert sich selbst über Generationen hinweg kaum."

"Das Pilotprojekt hat noch einen weiteren positiven Nebeneffekt. Es rückt unser bestehendes Programm zur Dopingbekämpfung in den Blickpunkt und wirkt hoffentlich abschreckend. Potenzielle Täter und ihre Berater sollen begreifen, dass wir einen langen Atem haben, um ihnen das Handwerk zu legen."

Steroidprofile sind aber mehr als eine Kampfansage an Dopingsünder. Sie nützen auch ganz direkt den Spielern, wie Dvorak betont: "Grund für Abweichungen von den Referenzwerten können auch Krankheiten oder Anomalien sein. Dank den Profilen können diese zum Wohl des Spielers früh erkannt werden."

Unterschiedliche Ansätze
Nicht nur der Fussball verfolgt bei der Dopingbekämpfung eine langfristige Strategie, die sich am einzelnen Athleten orientiert. Auch der internationale Rad- und Skiverband setzen bei ihren Kontrollen auf biologische Profile, allerdings auf Blutprofile. Als erster internationaler Sportverband prüft die FIFA nun die Anwendung von Steroidprofilen.

Grundlage für die Entscheidung zugunsten von Steroidprofilen waren die Ergebnisse umfassender Bluttests bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2002™ und der UEFA EURO 2008. Da keinerlei Blutmanipulationen festgestellt wurden, sind Blutprofile für den internationalen Fussball nicht zweckmäßig.

"Es ist weder kosteneffizient noch praktikabel, zahllose Dopingtests durchzuführen. Man muss sich deshalb fragen, was für Vorteile sich Athleten im jeweiligen Sport verschaffen wollen", sagt Dvorak. "Blutprofile untersuchen verschiedene Komponenten des Blutbildes nach Blutdoping. In Ausdauersportarten wie Radfahren oder Langlaufen ist das sinnvoll. Mit den Blutprofilen setzt der internationale Radverband deshalb auf eine fundierte Strategie, die genau auf die im Radsport am stärksten verbreiteten verbotenen Substanzen ausgerichtet ist."

Doping ist im Fussball zum Glück relativ selten. Die allermeisten positiven Befunde sind auf Gesellschaftsdrogen wie Marihuana zurückzuführen. Weit dahinter folgen Stimulanzien, anabole Steroide und Glukokortikosteroide.

Schulterschluss
Die Auswertung der Ergebnisse der Pilotstudie im Schweizer Labor für Dopinganalysen in Lausanne hat zum Glück bei keinem Spieler Werte ausserhalb des Referenzbereichs ergeben. Eine Analyse des Testverfahrens und der Kosten hat zudem gezeigt, dass Steroidprofile eine wirksame Methode sind.

"Die Resultate der Studie zeigen klar, dass sich mit dieser Methode genau und zuverlässig das Steroidprofil eines Spielers erstellen lässt. So kann Manipulationen mit Steroidhormonen im Profifussball schon bald ein Riegel vorgeschoben werden", sagt Dr. Martial Saugy, Leiter des Labors.

Die FIFA wird Steroidprofile ab diesem Jahr deshalb bei all ihren Wettbewerben einführen und die ersten Ergebnisse und Erfahrungen auch ihren Kollegen bei den Konföderationen und der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) zur Verfügung stellen. Auch wenn das Programm noch in den Kinderschuhen steckt, ist es bei der WADA bereits auf ein positives Echo gestossen.

"Wir begrüßen diese Pilotstudie der FIFA", betonte WADA-Generaldirektor David Howman im Gespräch mit FIFA World. "Doping stellt den Sport immer wieder vor neue Probleme. Die Anti-Doping-Bewegung muss deshalb jede Möglichkeit prüfen, um den Betrügern das Handwerk zu legen. Wir freuen uns, von der FIFA mehr über die ersten Erkenntnisse mit Steroidprofilen zu erfahren."

FIFA-Eckdaten im Kampf gegen Doping
Die FIFA engagiert sich schon seit fast 50 Jahren für den Kampf gegen Doping. Angefangen hat es mit Drogentests bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 1966™. Jüngster Meilenstein ist der Pilotversuch mit Steroid­profilen.

1966
Die FIFA macht bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ erstmals Drogentests und nimmt damit mit dem Rad- (UCI) und dem Leichtathletikverband (IAAF) unter den internationalen Sportverbänden eine Pionierrolle ein. 1968 bei den Olympischen Spielen folgt das IOC dem Beispiel.

1970
Die FIFA weitet die Kon­trollen auf alle Wettbewerbe aus, damit die Ergebnisse ­nationaler und internationaler Spiele die Leistungen der Beteiligten fair widerspiegeln.

1974
Erstmals wird ein Spieler (des haitianischen Teams) wegen Dopings von einer FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ ausgeschlossen.

1994
Nach einem weiteren positiven Befund bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 1994™ gründet die FIFA das Zentrum für medizinische Auswertung und Forschung (F-MARC), ein unabhängiges Institut zum Schutz der Gesundheit der Spieler und zur Verbreitung des Fussballs als gesundheitsfördernde Betätigung. Bei der WM gab es seither keinen weiteren positiven Dopingbefund.

1999
Die Sportbewegung und die internationale Politik gründen die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA), die über alle Sportarten hinweg Doping bekämpfen und den Welt-Anti-Doping-Kodex durchsetzen soll.

2004
Die FIFA schließt mit der WADA und dem IOC einen Kooperationsvertrag ab, der mehrere Änderungen in ihren Statuten und im Disziplinarreglement zur Folge hat. Für Dopingvergehen gelten neu angemessene Sanktionen, die von allen FIFA-Mitgliedsverbänden durchzusetzen sind.

2008
Die FIFA verabschiedet den Welt-Anti-Doping-Kodex 2009. Ausdrücklich darin verankert ist die für die FIFA so wichtige Einzelfallbeurteilung, womit jeder Dopingfall individuell gewürdigt und geahndet wird. Im gleichen Jahr wird die FIFA-Anti-Doping-Stelle gegründet, bei der sich Medizin- und Rechtsexperten ausschliesslich mit Dopingbelangen befassen.

2009
Per 1. Januar werden die einschlägigen Bestimmungen des Welt-Anti-Doping-Kodex ins FIFA-Anti-Doping-Reglement übernommen.

2011
Die FIFA führt bei der FIFA Klub-Weltmeisterschaft einen Pilotversuch mit Steroidprofilen durch (siehe Haupttext).