Libyen hat in den vergangenen anderthalb Jahren wahrlich eine schwierige Zeit durchlebt. Der Bürgerkrieg hat seine Spuren hinterlassen, und an eine Rückkehr zur Normalität ist vielerorts noch nicht zu denken.

Doch besonders der Fussball hat den Menschen in dem nordafrikanischen Land neue Hoffnung geschenkt.

Daran hat vor allem die Nationalmannschaft einen großen Anteil, die in dieser Zeit über sich hinauswuchs und beeindruckende Ergebnisse einfuhr. Aufbauend auf dieser Euphorie stehen in den kommenden Monaten die Zeichen auf Aufbruch und Neubeginn.

Einer der Architekten dieses Umbruchs im Fussball ist Antoine Hey, der seit 2010 technischer Direktor des libyschen Fussballverbandes ist. Für den Deutschen ist es schon die fünfte Station in einer Funktion im Fussball in Afrika. FIFA.com sprach exklusiv mit dem 43-Jährigen.

Sie wollten einen kleinen Beitrag beitragen, dass das Image von Libyen ein anderes wird. Dass die Leute wieder einen Grund haben, gemeinsam zu feiern. Egal wo sie politisch vor dem Konflikt standen. Das ist der Mannschaft super gut gelungen.

Antoine Hey

Herr Hey, Ihre Stationen in den letzten acht Jahren heißen Lesotho, Liberia, Kenia, Gambia und nun Libyen. Kann man sagen, Sie sind ein richtiger Fussball-Weltenbummler?
Nein, so würde ich das nicht sagen, weil ein Weltenbummler ein negativer Begriff ist und eher jemanden beschreibt, der nur durch die Gegend fährt. Ich betreibe den Beruf sehr ernsthaft. Für mich ist es keine Weltreise, sondern ein Teil meines Lebens und meiner Leidenschaft Fussball. Ich versuche einen möglichst weiten Horizont in meiner Trainerkarriere zu bekommen.

Sie sind in Afrika viel rumgekommen. Warum gerade dieser Kontinent?
Nach vielen Jahren als aktiver Spieler fand ich 2004, dass es Zeit wäre, etwas anderes zu machen und zu sehen. Es war sicher eine mutige, aber auch richtige Entscheidung. Die Erlebnisse und Eindrücke, die ich in den letzten Jahren sammeln durfte, waren so wertvoll, dass ich jedes Mal glücklich bin, diesen Schritt gemacht zu haben.

Seit 2010 sind sie beim Libyschen Fussballverband als Technischer Direktor angestellt. Was sind Ihre Aufgaben, und wie lautet Ihr Fazit über die schwierige Zeit?
Libyen hat eine schwierige Zeit durchgemacht, doch wir haben versucht, trotz der Probleme alle Wettbewerbe wie WM- und Afrika-Cup-Qualifikation oder Junioren-Spiele aufrechtzuerhalten. Diese Verpflichtung sind wir gegenüber der gesamten Fussballfamilie eingegangen und der wollten wir auch in schwierigsten Zeiten gerecht werden. Das waren die Aufgaben 2011.

Mit welchen Zielsetzungen haben sie vor zwei Jahren Ihr Amt angetreten?
Ich bin eigentlich eher Trainer als Funktionär. Nur dadurch, dass sich die Situation so entwickelt hat, bin ich dazu gekommen, andere Bereiche abzudecken. Mein Vertrag läuft noch bis 2014 - und diesen werde ich erfüllen. Es gilt, gewisse Dinge auf den Weg bringen, aber danach sehe ich mich definitiv wieder als Trainer.

War während des Bürgerkrieges überhaupt ein vernünftiges Arbeiten möglich?
Sport war schon immer unabhängig, und es war nicht entscheidend, was sich politisch entwickelt. Ich wollten den Leuten, denen ich mich verpflichtet fühlte, helfen. Natürlich wäre es das Einfachste gewesen, einfach die Koffer zu packen. Doch das wäre nicht richtig gewesen. Ich wusste, dass am Ende des Bürgerkrieges der Fussball eine sehr große Wirkung haben kann, um Konflikte innerhalb der Gesellschaft zu lösen. Mittlerweile hat sich vieles beruhigt. Wir versuchen derzeit, die Strukturen zu verändern. Wir werden den Nachwuchsfussball refomieren und eine neue Verbandsspitze wählen. Libyens Fussball befindet sich im Umbruch, was spannende Möglichkeiten bietet.

Welche Rolle spielt Fussball in Libyen?
Es ist die Sportart überhaupt. Libyen ist ein sehr junges und sportbegeistertes Volk. Das ist auch das große Plus. Ich bin davon überzeugt, und das zeigt sich auch in Gesprächen mit den Personen und Verbänden, die uns helfen wollen, wie wichtig wir Fussball sehen und wie groß die Wirkung sein kann, gerade nach so einem Konflikt. Das wollen wir für uns nutzen.

Entgegen zahlreicher Befürchtungen spielte die A-Nationalmannschaft während der schwierigen Zeit richtig stark. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Unser A-Team war in dieser Zeit wirklich sehr erfolgreich. Sie haben einen großen Teil dazu beigetragen, dass ein tolles Gefühl von Nationalität und Gemeinschaft entstanden ist. Wir haben es in Deutschland ja 1954 oder 2006 selbst erlebt, welche Kraft der Fussball haben kann. Wir haben zum Glück 2017 noch den Afrika-Cup als Ausrichter zugeteilt bekommen. Das wollen wir nutzen, um ein neues Image von Libyen nach außen zu transportieren.

In der FIFA/Coca-Cola-Weltrangliste stand Libyen mit Rang 36 im September so gut wie noch nie da. Auch wenn es im Oktober um 17 Plätze nach unten ging - was sind die Gründe für den Aufschwung?
Es kamen viele Faktoren zusammen. Niemand konnte erahnen, dass die Nationalmannschaft so gut spielen würde und die Ergebnisse auch für uns laufen. Da war eine unglaubliche Euphorie nach Ende dieses Bürgerkrieges zu spüren. Und das, obwohl unsere Spieler seit über einem Jahr keinen Liga-Wettbewerb und kein regelmäßiges Training mehr hatten. Die haben sich auf dem Platz regelrecht zerrissen. Es war eine reine Willensleistung des Teams. Sie wollten einen kleinen Beitrag beitragen, dass das Image von Libyen ein anderes wird. Dass die Leute wieder einen Grund haben, gemeinsam zu feiern. Egal wo sie politisch vor dem Konflikt standen. Das ist der Mannschaft super gut gelungen. Es ist eine große Freude, dabei zu sein und zu sehen, was Unglaubliches möglich ist, wenn man die richtige Einstellung zu seiner Aufgabe bzw. seinem Beruf hat.

Der größte Erfolg Libyens war Rang zwei beim Afrika-Cup 1982. Was sind die Ziele bzw. was kann erreicht werden in der nahen Zukunft?
Zuerst einmal versuchen wir alles, dass wir wieder ein Spiel zu Hause, also in Libyen, austragen dürfen. Das ist noch nicht möglich. Es wäre schon toll, für die Nation und die Fussballfamilie, wenn wir wieder ein Spiel austragen dürften. Da muss die Sicherheitslage natürlich entsprechend sein. Wir haben nun erstmal die komplette Neustrukturierung des Verbandes vor der Brust. Anschließend werden wir daran arbeiten, unser Jugendprogramm gemeinsam mit dem DFB ins Leben zu rufen. Trainerausbildung, Jugendförderung, Jugendsichtung sind weitere wichtige Punkte. Darüber hinaus sind wir derzeit dabei, mit dem Sportministerium die grundsätzlichen Eckpunkte für die Ausrichtung des Afrika-Cups 2017 festzulegen. Stadien müssen noch gebaut werden, Infrastruktur muss da sein, und wir brauchen ein Lokales Organisationskomitee. Wir hoffen dabei sehr auf die Hilfe des DFB.

Libyen ist das einzige nordafrikanische Land, das sich noch nie für die Endrunde einer FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ qualifizieren konnte. Wäre die Teilnahme an der WM 2014 ein historischer Erfolg?
Der historische Erfolg war bereits die Qualifikation für den Afrika-Cup in einer Zeit, in der das Land ganz andere Probleme hatte. Das geschafft zu haben, ist dem Team nicht mehr zu nehmen. Klar wäre das toll, wenn wir uns für die WM qualifizieren würden. Wenn das gelingen würde, kann man sich gar nicht vorstellen, was das für eine Leistung wäre.

Sie sind selbst eigentlich Trainer. Angesichts der Tatsache, wie viel Herzblut sie in Ihre Arbeit stecken: Haben Sie Ambitionen, libyscher Nationaltrainer zu werden?
Nein, absolut nicht. Ich erster Linie sehe ich meine Zeit bis 2014 hier in Libyen. Wir werden versuchen, alles auf den Weg zu bringen, was wir uns vorgenommen haben. Am Ende werden wir uns überlegen, wie es weitergeht. Ich werde definitiv nach 2014 wieder als Trainer arbeiten. Ich bin seit 2004 in Afrika. Ich würde gerne dann auch mal etwas anderes machen, entweder in einer anderen Konföderation oder als Vereinstrainer.