Der Name Didier Drogba steht in der Elfenbeinküste für weit mehr als nur für Fussball. Er ist die Verkörperung der Kraft des Sports als Hilfsmittel für Entwicklung und Hoffnung.

Als vor der WM 2006 schwere Konflikte ausbrachen und sogar ein Bürgerkrieg im Land wütete, spielte Drogba als Symbolfigur eine entscheidende Rolle und nutzte die verbindende Kraft des Fussballs, um die Nation zu einen.

Drogba empfindet den Druck, das Siegtor im UEFA Champions League-Finale zu schießen und ein Symbol der Hoffnung für die gesamte Elfenbeinküste zu sein, nicht als besondere Last. Vielmehr bedeutet dies für ihn ein Gefühl des Stolzes, das er während seiner gesamten Karriere verkörpert hat.

FIFA.com traf den Stürmer in Abidjan und sprach mit ihm über die wechselseitigen Beziehungen zwischen Fussball und Entwicklung sowie seine Mission abseits des Spielfelds.

In welchem Maße kann der Fussball in der Elfenbeinküste als Instrument für die gesellschaftliche Entwicklung genutzt werden?
In den vergangenen Jahren ist immer klarer geworden, dass der Fussball hier in der Elfenbeinküste eine enorm wichtige Rolle spielt, nicht nur auf politischer Ebene während der Krise, die das ganze Land erfasst hatte, sondern insbesondere auch im Hinblick auf die Entwicklung der Elfenbeinküste und der Menschen hier. Viele Spieler sind hier geformt worden und haben sich dann in Europa zu Topstars entwickelt, beispielsweise die Gebrüder Touré oder auch Salomon Kalou. Der Fussball spielt also eine wichtige Rolle in der Elfenbeinküste.

Auch Sie selbst haben 2005 eine wichtige Rolle dabei gespielt, den Frieden in Ihrem Land wiederherzustellen. Können Sie uns darüber etwas mehr erzählen und erklären, wie der Fussball genutzt werden kann, um die Kluft zu überbrücken, die das Land teilt?
Ich denke, dass wir 2005 einen historischen Moment erlebt haben, einen Schlüsselmoment unserer Geschichte. Wir wurden damals vom Lauf der Ereignisse erfasst. Aus Liebe zu unserem Land und wegen seiner Leidenschaft für den Fussball haben wir uns dann entschlossen, eine Aufforderung zur Versöhnung zu verbreiten. Ich glaube, dass es uns damit gelungen ist, eine Tragödie zu vemeiden. [Nach der gelungenen Qualifikation für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2006™ hatten die Nationalspieler der Elfenbeinküste einen landesweiten Appell zur Versöhnung gestartet.]

In der Vergangenheit gab es Länderspiele, bei denen rund ums Stadion Raketenwerfer aufgestellt waren und selbst im Stadion Waffen zu sehen waren. Wie ist die Situation heute?
Diese Situation gab es nur ein Mal. Wir wurden damals davon überrascht. Aber es war durch die damalige Situation verursacht, als sich das Land in einer schweren Krise befand. Das ist Teil unserer Geschichte, der Geschichte der Elfenbeinküste. Aber seitdem hat sich vieles geändert. Wir versuchen, wieder auf die Beine zu kommen und voranzugehen. Wir wollen den Menschen durch den Fussball zeigen, dass wir zusammen leben können.

Was bedeutet die Nationalmannschaft den Menschen hier, die sie liebevoll Elefanten nennen?
Die Nationalmannschaft bedeutet diesem Land sehr viel. Ich denke, dass sie heute – und ich wähle meine Worte mit Bedacht – die einzige einende Kraft der Elfenbeinküste ist. Es ist die Nationalmannschaft der Elfenbeinküste. Im Team sind alle unserer ethnischen Gruppen vertreten – Baoulés, Bétés und so weiter. Sie sind alle dabei. Damit bietet die Nationalmannschaft einen echten Querschnitt durch unser Land. Sie ist das einzige gute Beispiel für so etwas. Natürlich gibt es auch andere Sportarten in der Elfenbeinküste, aber Fussball ist der beliebteste Sport und in meinen Augen derjenige, der das ganze Land zusammenbringt. Das ist im täglichen Leben keineswegs immer der Fall.

Welchen Druck bedeutet diese Situation für Sie? Natürlich gibt es zum einen den Druck, den entscheidenden Elfmeter im Champions League-Finale zu verwandeln, aber hier geht es ja um eine ganz andere Form des Drucks, wenn man sich bewusst macht, dass das ganze Land auf einen zählt.
Das empfinde ich eigentlich nicht als Druck. Ich fühle eher Stolz, dass ich aus so vielen Spielern ausgewählt wurde. Ich hatte das Glück, aus Millionen Spielern ausgewählt zu werden, um mein Land zu vertreten. Dabei empfinde ich keinen Druck, sondern Stolz. Es ist eine Ehre.

Können Sie uns kurz erzählen, was Sie bisher mit Ihrer Stiftung erreicht haben und was Sie in Zukunft noch erreichen möchten?
Die Didier-Drogba-Stiftung wurde 2005 gegründet. Wir haben darauf geachtet, nicht zu schnell zu wachsen. Wir haben zahlreiche Spenden an Waisenhäuser und Krankenhäuser geleitet und uns dabei darauf konzentriert, den Menschen zu helfen, die es am nötigsten brauchen. Die Stiftung ist in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Kinder aktiv. Wir haben versucht, Bereiche auszuwählen, die für Afrika als Ganzes wichtig sind. Denn die Stiftung ist nicht nur in der Elfenbeinküste aktiv, sondern in ganz Afrika. Zudem konnten wir auch für Länder wie Haiti und Japan spenden, die von schweren Erdbebenkatastrophen betroffen waren. Das Ziel der Stiftung besteht also darin, Spenden zu sammeln. Wir haben eine Reihe von Wohltätigkeitsveranstaltungen in London organisiert. Zu diesen Dinner-Veranstaltungen kamen zahlreiche Stars, die die Stiftung unterstützen. Wir haben Spenden gesammelt, um hier an der Elfenbeinküste Kliniken zu bauen. Denn nach der Krise im Land gab es zu wenig Mittel dafür. Das ist für mich eine Möglichkeit, im Kleinen etwas dazu beizutragen, dass das Land wieder auf die Beine kommt. Es wird noch weitere Projekte geben, und auch Schulen werden wir bauen, denn Bildung ist das Fundament für alles.

Was hat Sie dazu bewogen, diese Stiftung zu gründen? Als Fussballer hätten Sie sich ein schönes Leben machen können und immer das tun, was Sie wollen...
Nein, das denke ich nicht. Zwar gründen nicht alle Fussballer eigene Stiftungen, doch auch die anderen spenden viel, um zu helfen. Viele haben bloß einfach nicht ein solches Profil wie ich. Wie gesagt, ich fühle mich privilegiert, weil ich ein solches Profil habe, aber auch viele andere Spieler beteiligen sich und tragen etwas bei. Nehmen Sie nur einmal die Stiftung von Emmanuel Eboué. Ich war vor drei Monaten auf seiner Gala, die er veranstaltet hat, um Arbeitsplätze zu schaffen. Darüber wird nicht viel geredet, weil er nicht Didier Drogba ist, doch die Arbeit, die er leistet, ist fantastisch. Diese Einstellung ist es, die wir fördern müssen. Die Lebensumstände meiner Landsleute haben mich dazu bewogen, die Stiftung zu gründen. Ich kann nicht alles ändern, aber ich tue, was ich kann, damit das Leben für sie etwas leichter wird.

Die FIFA hat bereits zahlreiche Projekte in der Elfenbeinküste umgesetzt, beispielsweise einen Kurs für Trainer im September. In welchem Maße können derartige Projekte bei der Entwicklung des Fussballs im Land helfen?
Sie sind sehr wichtig und ich bin der FIFA dafür sehr dankbar, denn viele junge Leute wollen wie Yaya Touré, Emmanuel Eboué oder wie ich sein. Daher ist es wichtig, dass eine Organisation wie die FIFA die jungen Menschen fördert und dafür sorgt, dass sich die Fussballlehrer in der Elfenbeinküste verbessern und den jungen Leuten ihr Wissen vermitteln. Es ist also eine sehr gute Initiative, die auf jeden Fall gefördert und unterstützt werden sollte.

Von der Elfenbeinküste kommen einige der besten Spieler Afrikas und der Welt, doch noch hat die aktuelle Generation keinen Titel gewonnen. Beim letzten CAF Afrikanischen Nationen-Pokal waren Sie ganz nah dran. Was braucht es, damit Sie das Turnier mit Ihren Teamkollegen endlich gewinnen können?
Wenn es jemals gelingen sollte, dann würde es enorm viel für das Land bedeuten. Für mich und meine Teamkameraden wäre es natürlich ein toller Titel und eine angemessene Belohnung für die vergangenen zehn Jahre, in denen wir sehr hart für unser Land gearbeitet haben. Und für die Menschen in der Elfenbeinküste, die seit mehr als 20 Jahren darauf warten, wäre es einfach wunderbar.

Wie konnte die Elfenbeinküste in den letzen zehn, 15 Jahren so viele Topspieler hervorbringen?
Dazu tragen sicher die fundierten Grundlagen und Konzepte bei, die Trainingszentren und natürlich auch die Kontinuität. In Afrika ist es im Allgemeinen meist so, dass jeder auf die aktuelle Generation schaut, aber sich kaum jemand darüber Gedanken macht, was danach kommt. Man lebt für den Moment und denkt nicht an die nächsten zehn oder 15 Jahre. Insofern war es ein Glücksfall, dass es in der Elfenbeinküste Menschen gab, die zehn Jahre nach vorn blicken konnten.

Was würde es für Sie bedeuten, in Brasilien bei der WM dabei zu sein?
Es wäre fantastisch, wenn wir uns für die WM qualifizieren könnten. Schließlich ist die Elfenbeinküste ein kleines Land und hat bis 2006 nie teilgenommen. Wir waren die erste Generation, die es geschafft hat. Es wäre einfach großartig, wenn sich diese Generation für die WM in Brasilien qualifizieren könnte. Und wenn es gelingt, dann würden wir sicher mehr anpeilen als den dritten Platz in unserer Gruppe!