Zwei Spiele vor dem Ende des FIFA Konföderationen-Pokals Russland 2017 ist die Technische Studien-Gruppe der FIFA (TSG) zusammengekommen, um über die auffälligsten Merkmale und Muster des Turniers zu sprechen.

Unter der Führung von Marco van Basten, dem Leitenden Beauftragten der FIFA für Technische Entwicklung, zeigten sich die Mitglieder der TSG begeistert von der offensiven Spielweise der teilnehmenden Teams, dem hohen Torschnitt (2,8 pro Partie nach dem Halbfinale) und der taktischen Qualität von Mannschaften wie Chile. Die TSG analysiert die Turniere der FIFA seit 1966.

FIFA.com fasst die interessantesten Ausschnitte eines Gesprächs zwischen Van Basten, dem Argentinier Gabriel Calderón, dem Costa-Ricaner Rodrigo Kenton sowie dem Neuseeländer Wynton Rufer kurz und knapp für Sie zusammen.

Marco van Basten: Welche neuen Taktiken waren beim Turnier zu sehen?
Gabriel Calderón: Die Tendenz ist eindeutig: Die Philosophie der offensiven Spielweise, die wir bereits in den letzten Turnieren gesehen haben, wurde beibehalten. Daher wurde auch eine große Anzahl an Toren erzielt (Anm. d. Red.: 39 in 14 Partien). Das ergibt einen sehr guten Schnitt! Die Teams leiten die Offensive aus der Abwehr heraus ein und setzen bevorzugt auf gutes Passspiel und Kombinationen. Das ist hervorzuheben.

Rodrigo Kenton: Wir haben sehr klar definierte Formationen gesehen, beispielsweise bei Russland und Deutschland, die in der Abwehr wechselweise mit drei oder fünf Spielern operierten, je nachdem, ob die Mannschaft Offensiv- oder Defensivaufgaben ausführt. Auffällig war auch die taktische Aggressivität Chiles. Die Chilenen sind ein hungrige Mannschaft, die über die vollen 90 Minuten ausgesprochen dynamisch auftritt.

Van Basten: Man spürt, dass sie hier mit dem festen Willen angetreten sind, den Titel zu holen.
Kenton: Ganz genau. Deutschland und Mexiko haben ebenfalls sehr intensive Partien abgeliefert, sind jedoch nicht so beständig. Chile verfügt mit (Arturo) Vidal, (Alexis) Sánchez und (Eduardo) Vargas über drei sehr wichtige Aktivposten. Sie können Spiele entscheiden.

Wynton Rufer: Die Angreifer machen sehr viel Druck, das stimmt schon. Und das ist gut, denn dadurch sind die Mittelfeldspieler und Verteidiger gezwungen, weiter aufzurücken und den Schub nach vorn zu unterstützen. Das war beispielsweise bei den Neuseeländern der Fall, denen es über viel Druck und Einsatz gelungen ist, technische Defizite im Vergleich zu den restlichen Teams wettzumachen. Alle Mannschaften verfügen über einige sehr gute Spieler, bei denen man aufpassen muss, dass sie nicht die Oberhand gewinnen.

Van Basten: Das bringt mich darauf, dass die Torausbeute bei Standardsituationen relativ gering ist. Was bedeutet das?
Kenton: Dass die Trainer und Verteidiger sich sehr gut vorbereitet haben, um unangenehme Überraschungen zu vermeiden. Ein gutes Beispiel ist Mexiko, das bei ruhenden Bällen immer sehr überzeugend ist. In diesem Turnier konnten die Mexikaner nur ein Tor auf diese Weise erzielen [Anm. d. Red.: Héctor Moreno gegen Portugal]. Dies ist ein klares Indiz dafür, dass alle Teams in der Offensive eher auf gutes Passspiel setzen.

Van Basten: Ein weiteres interessantes Thema ist der Einsatz der Video-Schiedsrichterassistenten (VSA).  Wie bewerten Sie diese Neuerung?
Calderón: Das ist ein sehr guter erster Schritt. Wir alle müssen uns natürlich noch daran gewöhnen. Es ist normal, dass es anfangs noch etwas Verwirrung gibt. Doch in den Halbfinalspielen sind sie praktisch nicht zum Einsatz gekommen, und wir haben dynamischen Fussball gesehen.

Van Basten: Sind wir also auf dem richtigen Weg?
Rufer:
Es wird natürlich eine Eingewöhnungszeit brauchen. Das Ganze zu planen, Sitzungen und Trainingseinheiten abzuhalten ist eine Sache. Doch wenn die Technik dann tatsächlich im Spiel zum Einsatz kommt, schlägt die Stunde der Wahrheit. Wir müssen etwas Geduld haben, aber ich habe einen positiven Eindruck. Der Einsatz ist fundamental, wenn es zu einschneidenden Fehlern kommt.