• Bora Milutinovic, der einzige Trainer, der mit fünf verschiedenen Teams an einer WM-Endrunde teilnahm, betreute Irak beim FIFA Konföderationen-Pokal 2009 in Südafrika
  • Irak gewann 2007 die Asienmeisterschaft und verlor bei der bislang einzigen WM-Teilnahme 1986 in Mexiko alle drei Spiele

Als Irak 2009 beim FIFA Konföderationen-Pokal antrat, ging es nicht nur um den Sport. "Wir wollten zeigen, dass wir eine Fussballnation sind, dass es bei uns mehr gibt als nur Krieg", fasste Spielmacher Nashat Akram unmittelbar vor dem Turnier die Stimmung im Team zusammen.

"Die Herausforderungen für einen Trainer sind immer die gleichen, ganz egal wo: Das Team muss gut vorbereitet, selbstbewusst und bereit sein", so Bora Milutinovic, der beim FIFA Konföderationen-Pokal Südafrika 2009 die Aufgabe übernommen hatte, den Stolz und die Leidenschaft der Iraker in konkrete Resultate umzumünzen, gegenüber FIFA.com. Das Land war durch Krieg und Chaos verwüstet und der Fussballverband war erst kurz zuvor wegen Einmischung durch die Regierung suspendiert worden. Doch "Bora", der Wundertrainer aus Serbien, hatte schon überall trainiert und kann mit Menschen jeglicher Herkunft arbeiten. "Ich war schon überall auf der Welt, und eines kann ich ganz sicher sagen: Das Umfeld mag überall anders sein, doch der Fussball ist immer gleich. Das Glitzern in den Augen ist das gleiche – denn Fussball ist eben Fussball."

30 Tage in Doha
Der in jeder Hinsicht exzentrische Milutinovic genießt einen Ruf als stets gut gelaunter Fussball-Weltenbummler. Er ist der einzige Trainer, der mit fünf verschiedenen Mannschaften an WM-Endrunden teilnahm, nämlich Mexiko, Costa Rica, USA, Nigeria und China VR. Mit Ausnahme der Chinesen, für die 2002 ihr WM-Debüt war, führte er jedes Team über die erste Runde hinaus. Darauf hofften auch die Fans, die sich im Sommer 2009 überall in Baghdad und im ganzen Land vor zahlreichen Riesenbildschirmen versammelten.

"Ich hatte nur 30 Tage, um die Mannschaft vorzubereiten, so der heute 72-jährige Milutinovic. Dazu zog er seine Schützlinge in einem Trainingslager in Doha (Katar) zusammen. Die Iraker hatten aus Sicherheitsgründen mehrere Jahre lang kein einziges Spiel im eigenen Land bestritten. Man gab ihnen in einer Gruppe mit Spanien, Gastgeber Südafrika und Ozeanienmeister Neuseeland keine Chance.

"Ich habe den Spielern in Doha die ganze Zeit eingeschärft, das Beste für ihre Heimat zu geben", so Milutinovic, an dessen Zeit als eleganter Mittelfeldregisseur bei Partisan Belgrad sich die Fans noch gern erinnern. "Ich wollte, dass sie ihren Stolz auf die Heimat und ihre Zuneigung zu ihrem Volk zeigen. Ich musste sie in sehr kurzer Zeit auf das Turnier vorbereiten."

Die von Milutinovic betreuten Mannschaften verzichten meist auf komplexe Taktik und beziehen ihre Stärke aus einem starken Selbstvertrauen. Viele Spieler hinter dem Ball zu haben, kompakt zu stehen und auf Konterchancen zu warten - das waren die wichtigsten Faktoren für seine Schützlinge. Doch viel wichtiger war für seine Teams stets der Glaube daran, tatsächlich etwas erreichen zu können. "Das war der Zweck dieser Wochen in Doha. Wir wollten zu einer echten Einheit zusammenwachsen. Es war eine sehr schöne Zeit. Wir haben hart gearbeitet, doch es war alles auch sehr menschlich."

Erfolg trotz Niederlage
Die Fans in Südafrika schlossen die Iraker sofort ins Herz, obgleich sie im Auftaktspiel in Johannesburg der geliebten Bafana Bafana ein torloses Unentschieden abtrotzten. Es folgte eine denkbar knappe 0:1-Niederlage gegen Spanien, bei der Milutinovic nach dem Schlusspfiff fast die Tränen gekommen wären,  allerdings nicht aus Trauer oder Enttäuschung, sondern aus Stolz und Freude.

"Diese Niederlage gegen Spanien war einer der stolzesten Momente meiner Trainerkarriere", sagt der Mann, der vier Jahrzehnte auf fünf Kontinenten als Coach hinter sich hat. "Nach dem Spiel habe ich von einem Ohr zum anderen gegrinst", so Milutinovic. "Mehrere Reporter fragten mich: 'Bora, wie können Sie sich nach einer Niederlage so freuen?' Aber für mich war das eine ganz besondere Sache, denn Spanien war damals die beste Mannschaft der Welt. Ich habe es so gesehen: Spanien hat ein Tor geschossen und wir nicht. Spanien hat zwar gewonnen, aber wir haben trotzdem nicht verloren."

In ihrem letzten Gruppenspiel hätten die Iraker einen Sieg gebraucht, um das Halbfinale zu erreichen. Doch sie kamen nicht über ein torloses Unentschieden hinaus und schieden damit aus. In den Geschichtsbüchern des Turniers war dies ein ganz normales Ausscheiden. Doch für die Zuschauer vor Ort und die Fans in Baghdad und im ganzen Land war es weit mehr: ein stolzer Moment für eine Nation, in der es mehr als nur Krieg gibt. Seine drei Spiele am Ruder der irakischen Nationalmannschaft sind für den Fussballromantiker Milutinovic bis heute "eine der ehrenvollsten Abschnitte meiner Karriere.