In der vergangenen Woche absolvierte Brasiliens Fussballlegende Cafu in Sankt Petersburg innerhalb von 48 Stunden ein vollgepacktes Programm. Im Rahmen der Feierlichkeiten zum Beginn des 100-Tage-Countdowns im neuen Stadion von Sankt Petersburg trug er die Trophäe des Turniers der Champions auf den Rasen. Da Cafu nicht nur zweimaliger Weltmeister ist, sondern 1997 auch den FIFA Konföderationen-Pokal gewann, hat er seitdem das Recht, diese Trophäe in den Händen zu halten.

Während des Besuchs nahm sich der Brasilianer auch etwas Zeit für ein Gespräch mit FIFA.com über das bevorstehende Turnier der Champions in Russland, die größten Momente seiner Karriere und die Erfahrungen Brasiliens bei der Organisation internationaler FIFA-Turniere.

FIFA.com: Welche Erinnerungen haben Sie an die Vorbereitungen auf den FIFA Konföderationen-Pokal 2013 und die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014™ in Brasilien? War die Begeisterung sehr groß?
Cafu:
Wir haben die Vorbereitungen auf den Konföderationen-Pokal sehr ernst genommen. Wir konnten dadurch unsere Fähigkeiten einschätzen, solche Großveranstaltungen zu organisieren. Das war sehr wichtig. Im ganzen Land herrschten enorme Vorfreude und Begeisterung. Beim FIFA Konföderationen-Pokal werden weniger Stadien genutzt als bei der Weltmeisterschaft. Doch die Spielorte haben bei dieser Gelegenheit bewiesen, dass sie voll und ganz für die WM bereit waren. Das hat unsere Aufgabe sehr erleichtert. Das Turnier war auch für die Nationalmannschaft sehr wichtig: Im Vorfeld des FIFA Konföderationen-Pokals standen manche Fans nicht voll hinter dem Team. Dass wir die Trophäe gewonnen haben, trug dazu bei, dass sich alle hinter die Seleção stellten.

Sie waren schon häufiger in Moskau und in Sankt Petersburg. Erinnern Sie sich noch an ihr erstes Spiel in Russland?
Es war kalt! Aber ich friere in Russland immer, das war also nichts Ungewöhnliches. Ich war auch vorher schon in Russland gewesen und wusste daher, was mich erwartete. Mein erstes Spiel hier war ein Freundschaftsspiel gegen Russland, 1996 in Moskau. Es war ein gutes Spiel. Ich kann mich nach so langer Zeit natürlich nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern, aber ich weiß noch, dass wir uns mit einem 2:2-Unentschieden trennten. Für mich ist Russland zuallererst ein Land mit einer sehr reichen und interessanten Geschichte. Und das zweite, was mir in den Sinn kommt, ist Schnee!

Brasilien ist Rekordsieger beim FIFA Konföderationen-Pokal, aber in diesem Sommer ist die Seleção in Russland nicht dabei. Welches Team sehen Sie als Favoriten?
Ich denke, dass Russland und Deutschland es ins Finale schaffen. Für mich gehört Russland zu den Favoriten, weil das Gastgeberteam bei diesen Turnieren vor den eigenen Fans und getragen von einer Welle des Optimismus von allen Seiten immer sehr gute Leistungen zeigt. Dabei spielt es gar keine so große Rolle, dass einige russische Fans derzeit noch nicht so recht an den Erfolg ihres Nationalteams glauben. Der FIFA Konföderationen-Pokal ist die perfekte Gelegenheit, diesen Mangel an Vertrauen zu überwinden und zu beweisen, dass die Sbornaja beim FIFA Konföderationen-Pokal und bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ würdige Leistungen zeigen wird.

Sie haben selbst beim FIFA Konföderationen-Pokal 1997 in Saudiarabien gespielt. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit diesem Turnier? Brasilien hatte damals eine phänomenale Aufstellung, vielleicht sogar besser als bei so manchem WM-Turnier.
Und deswegen haben wir auch gewonnen, richtig? Wie hätten wir mit solchen Stars im Team nicht gewinnen können? Ich erinnere mich noch sehr genau, dass wir uns nach dem Turnier alle die Köpfe rasiert haben. Das hatten wir vorher für den Fall unseres Sieges vereinbart. Also liefen wir danach alle glatzköpfig herum!

Im Team standen damals Spieler wie Romario, Ronaldo und Rivaldo. War dies die stärkste Angriffsreihe, die Brasilien je hatte? Was denken Sie?
Wir hatten sehr, sehr viele überragende Stürmer und  es ist sehr schwer, sie zu vergleichen. Jedes Team, dass die WM oder den FIFA Konföderationen-Pokal gewonnen hat, hatte herausragende Spieler im Angriff. In den 1990er Jahren waren diese drei jedenfalls die absolut Besten.

Sie halten – mit großem Abstand – den Länderspielrekord für Brasilien. Wie haben Sie das in einem Team geschafft, in dem wohl die weltweit schärfste Konkurrenz um die Plätze herrscht?
Ich denke, das liegt in erster Linie daran, dass niemand sonst so lange Zeit für Brasilien gespielt hat wie ich – volle 16 Jahre! Und das wiederum liegt an der Willensstärke, an meiner Leidenschaft für den Fussball und an all der vielen harten Arbeit, die ich während der gesamten Zeit in den Fussball gesteckt habe.

Die zwei größten Triumphe Ihrer Karriere waren die Weltmeistertitel 1994 und 2002. Welche Erinnerungen haben Sie an diese beiden Endspiele?
Beide waren sehr emotional, aber ganz verschieden wenn man betrachtet, welche Verantwortung ich zu tragen hatte. 1994 in den USA spielte ich mein erstes WM-Finale. Ich war noch sehr jung und es war meine erste Chance, die wichtigste Trophäe des Weltfussballs in Händen zu halten. Ich war bereit dafür, ich hatte sehr hart trainiert, aber ich saß zu Beginn auf der Bank. 2002 hingegen hatte ich die enorme Verantwortung zu tragen, das Team als Kapitän ins Finale zu führen. Nervös war ich bei beiden Turnieren, doch auf völlig verschiedene Weise.

Haben Sie Ihr Team als Kapitän mit einer kurzen Rede auf das Finale 2002 gegen Deutschland eingestimmt?
Ich habe nichts anderes gesagt als üblich. Wir hatten auf dem Weg ins Finale sechs Spiele bestritten und sechs Siege geholt. Ich habe den Spielern gesagt, dass sie alles genau so wie immer machen sollten. Warum etwas verändern wenn es perfekt läuft? Warum in einem Finale anders spielen, wenn man alle vorherigen Spiele gewonnen hat? Man könnte vielleicht denken, das hier ist das Finale und ich muss irgendetwas Besonderes sagen, um alle zu motivieren. Aber wie hätten sie es ins Finale schaffen sollen, wenn sie nicht genügend motiviert wären?

Es ist unwahrscheinlich, dass Ihr Länderspielrekord bald gebrochen wird. Aber Pelés Torrekord könnte in Gefahr geraten. Kann Neymar ihn als Rekordtorschützen Brasiliens entthronen?
Rekorde existieren letztlich nur, um gebrochen zu werden. Neymar hat es auf jeden Fall drauf. Er ist jung und die Zeit arbeitet für ihn. Wenn er weiterhin so spielt wie jetzt, dann hat er beste Chancen, den Rekord zu brechen.

Welchen Rat haben Sie für die Organisatoren des FIFA Konföderationen-Pokals und der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ in Russland und auch für die russischen Fans, damit diese Turniere noch besser werden als die in Brasilien?
Das Wichtigste ist der Glaube an den Erfolg. Man muss an sich selbst glauben, an die Nationalmannschaft und deren Siegchancen. Man muss daran glauben, dass Russland Turniere auf höchstem Niveau ausrichten kann. Das wichtigste ist, an den Erfolg zu glauben. Alles andere ergibt sich dann von selbst.