Zehn Jahre danach erinnert FIFA.com daran, wie Younis Mahmoud und seine Teamkameraden den leidgeprüften Irakern durch den völlig unerwarteten erstmaligen Gewinn des AFC Asien-Pokals einen Moment der Freude bescherten, während ihr Land durch den Krieg verwüstet wurde.

2007 tobten schwere Kämpfe in Irak. Die 0:2-Niederlage der Nationalmannschaft gegen Singapur im ersten Spiel im Rahmen der Qualifikation für den AFC Asien-Pokal trug nicht dazu bei, die düstere Stimmung im Land zu verbessern. Doch obwohl die Iraker ihre Heimspiele aufgrund der Sicherheitslage auf der anderen Seite des Persischen Golfes in den Vereinigten Arabischen Emiraten austragen mussten, blieben sie in den verbleibenden fünf Qualifikationsspielen ungeschlagen und sicherten sich damit einen Platz bei der kontinentalen Endrunde.

Jorvan Vieira war weniger als zwei Monate zuvor als neuer Trainer der Iraker verpflichtet worden und hatte schnell erkannt, welch gewaltige Aufgabe vor ihm lag. Rückblickend erinnert er sich: "Mehrere Spieler hatten im Krieg Verwandte verloren. Mittelfeldspieler Haitham Kadhim hatte sogar mit ansehen müssen, wie Bewaffnete während eines Spiels seines Klubs das Feld stürmten und einen seiner Mitspieler erschossen. Zu unserer ersten Trainingseinheit kamen nur sechs Spieler. Als ich die Mannschaft dann endlich zusammen hatte, gab es aufgrund politischer und sozialer Spannungen große Unruhe im Team."

Schwerer Start
Es gelang Vieira, in seiner Mannschaft ein Gefühl der Einheit herzustellen, doch damit waren längst nicht alle Probleme gelöst: "Zwei Tage vor unserem Abflug nach Bangkok wurde unser Physiotherapeut in Baghdad bei einem Bombenanschlag getötet, als er gerade auf dem Weg ins Reisebüro war, um sein Ticket abzuholen. Nach der Ankunft wurden zwei unserer Spieler acht Stunden lang von den Einwanderungsbehörden festgehalten. Außerdem musste ich feststellen, dass wir weder Trainingsausrüstung noch Spielkleidung bei uns hatten. Und zudem hatten wir noch Probleme mit der Hotelbuchung und der Verpflegung. Es war ein einziger Alptraum."

Der Alptraum setzte sich auch auf dem Spielfeld fort. Auf dem nach einem tropischen Regenguss völlig durchweichten Platz gerieten die Iraker in ihrem Auftaktspiel schon in der sechsten Spielminute gegen Mit-Gastgeber Thailand in Rückstand. Obgleich die Iraker das Publikum und die äußeren Umstände gegen sich hatten, konnte Kapitän Younis Mahmoud, der kurz zuvor einen nahen Angehörigen im Krieg verloren hatte, per Kopfball ausgleichen und seiner Mannschaft damit einen Punkt retten.

Es folgte die Partie gegen Australien, das bei seiner ersten Teilnahme am AFC Asien-Pokal gleich zu den Titelfavoriten zählte. Doch die Mannschaft, die bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006™ im Achtelfinale gegen den späteren Titelgewinner Italien erst in letzter Sekunde durch einen Elfmeter verlor und in deren Reihen Premier-League-Stars wie Mark Schwarzer, Lucas Neill, Brett Emerton, Harry Kewell und Mark Viduka standen, wurden von den Westasiaten mit 1:3 abgefertigt.

"Ein unglaublicher Erfolg"

Ein torloses Unentschieden im letzen Gruppenspiel gegen Oman reichte den Irakern zum Einzug ins Viertelfinale gegen Vietnam. Hier war es erneut Kapitän Mahmoud, der mit zwei Toren den 2:0-Sieg seines Teams sicherstellte. Im Halbfinale wartete dann die Republik Korea, das einzige asiatische Team, das sich seit 1986 für jede Auflage der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ qualifiziert hatte. In diesem Kampf David gegen Goliath verteidigten die Iraker das 0:0 bis nach der Verlängerung und gewannen dann das Elfmeterschießen dank einer herausragenden Parade von Torhüter Noor Sabri. Damit standen die Westasiaten erstmals im Finale des Wettbewerbs.

Für den Gegner Saudiarabien hingegen war die erneute Finalteilnahme lediglich die Fortsetzung einer guten Tradition, nämlich das sechste Finale bei den letzten sieben Turnierauflagen. Entsprechend hoch waren die Saudis favorisiert, umso mehr, da sich Yasser Al-Qahtani in bestechender Form befand und man im Halbfinale den dreimaligen Titelträger Japan mit 3:2 aus dem Rennen geworfen hatte. Vor heute genau fünf Jahren entwickelte sich dann jedoch im Gelora-Bung-Karno-Stadion in Jakarta keineswegs das von vielen erwartete einseitige Spiel, sondern eine ausgeglichene, unterhaltsame Partie mit vielen Chancen auf beiden Seiten. Iraks Torhüter Sabri zeigte bei einem Volleyschuss von Taiseer Al Jassam eine atemberaubende akrobatische Rettungstat und Verteidiger Bassim Abbas hatte Al‑Qahtani über weite Strecken der Partie gut im Griff. Trotz der zahlreichen Chancen auf beiden Seiten landete der Ball während der gesamten 90 Minuten nur ein Mal im Netz, nämlich nachdem Hawar Mohammed in der 72. Minute einen hohen Eckball an den langen Pfosten hereinschlug. Eigentlich hätte der Ball die Beute von Saudiarabiens Torhüter Yasser Al‑Mosailem werden müssen, doch Mahmoud sprang am höchsten und drückte die Kugel per Kopf an zwei Verteidigern auf der Linie vorbei in die Maschen.

"Nach allem, was wir durchgemacht hatten, war das einfach ein absolut unglaublicher Erfolg", meinte Mahmoud, der als wertvollster Spieler des Turniers auch einer der erfolgreichsten Torjäger war. "Kaum jemand hatte erwartet, dass wir auch nur die Gruppenphase überstehen würden, doch wir wurden erstmals Asienmeister! Noch schöner für uns war allerdings, dass wir damit den Menschen in der Heimat wenigstens einen kleinen Grund zur Freude bereiten konnten. Die Iraker sind sehr leidenschaftliche, begeisterte Fussballfans. Mit Worten lässt sich gar nicht beschreiben, wie sehr sie diesen Moment der Freude inmitten der damaligen Zeit der Verwüstung brauchten."