Mit ihrem Triumph bei der UEFA EURO 2008 beendeten die Spanier eine 44 Jahre andauernde Durststrecke. Das Turnier zeigte mit 77 Toren in 31 Partien - das sind im Schnitt 2,5 Treffer pro Spiel - eine erfreuliche Tendenz und nach Jahren der Stagnation gab es endlich wieder viel attraktiven und offensiven Fussball zu sehen.
Eine solche Bilanz löst bei den Anhängern des runden Leders natürlich pure Begeisterung aus. So auch bei UEFA-Präsident Michel Platini, der feststellte, dass "die UEFA EURO 2008 für alle teilnehmenden Teams eine große Chance darstellte und das Herausragende am Turnier die Erkenntnis ist, dass jene Mannschaften, die eine offensive Spielkultur pflegen, im Gegensatz zu anderen, die mit einer defensiven Taktik auftraten, dafür belohnt wurden."

Die positiven Überraschungen
Spaniens Titelgewinn ist auch Ausdruck der beispielhaften Nachwuchsarbeit, die von den spanischen Vereinen seit vielen Jahren geleistet wird. Die spanische Nationalmannschaft, die sich überwiegend aus jungen Spielern zusammensetzt, hat es im Verlauf dieses Turniers auf grandiose Weise verstanden, eine Hürde nach der anderen zu überwinden. Dabei wurde ein neues Selbstbewusstsein deutlich, das die Spanier schon jetzt von der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010 träumen lässt. Wer wollte ihnen das auch verdenken? Marcos Senna, Cesc Fabregas und Co. stehen für ein Mittelfeld mit überragenden Balltechnikern, die sich trotz einiger athletischer Nachteile als quicklebendig erwiesen und mit ihrem teils atemberaubenden Direktspiel wesentlich dazu beigetragen haben, dass ihre Mannschaft im gesamten Turnier keine Niederlage hinnehmen musste. Damit blieb Spanien im nunmehr bereits 22. Länderspiel ohne Niederlage und qualifizierte sich gleichzeitig für den FIFA Konföderationen-Pokal Südafrika 2009.

Russland und die Türkei, die überraschend bis ins Halbfinale vorstießen, sowie Kroatien und die Niederlande, für die das Turnier bereits nach dem Viertelfinale beendet war, haben mit ihrem erfrischenden Angriffsfussball wesentlich zur Belebung dieser UEFA EURO 2008 beigetragen und damit nicht nur auf den Rängen für Begeisterung, sondern auch für manch neidischen Blick seitens ihrer Gegner gesorgt. Ebenfalls positiv zu vermerken ist die Tatsache, dass eine beachtliche Zahl der eingesetzten Nationalspieler in den heimischen Ligen aktiv ist. So standen bei den vier Halbfinalteilnehmern Russland, Deutschland, Spanien und Türkei nicht weniger als 22, 19, 18 bzw. 17 Akteure aus heimischen Klubs im Team. Dagegen waren bei den Franzosen, die bereits nach der Vorrunde die Heimreise antreten mussten, lediglich zehn Spieler aus der französischen Ligue 1 im Aufgebot.

Die russische Nationalmannschaft, deren Leistungskurve nach der Rückkehr von Andrei Arshavin ins Team deutlich nach oben zeigte, bot im Viertelfinale gegen die Niederlande eine in allen Belangen überzeugende Vorstellung. Wenige Wochen nach dem Triumph von Zenit St. Petersburg im UEFA-Pokal war dieser souveräne Sieg der Schützlinge von Guus Hiddink ein weiteres Indiz dafür, dass in Russland derzeit eine goldene Spielergeneration heranwächst.

Die Türkei erwies sich ihrerseits als eine Mannschaft mit herausragenden moralischen Qualitäten. Angepeitscht von Trainer Fatih Terim gaben die Türken nie auf und schafften es trotz einer langen Liste an verletzten und gesperrten Spielern gleich mehrmals, ein schon verloren geglaubtes Spiel noch zu drehen. Mit insgesamt 16 Gelben und einer Roten Karte ist die Türkei allerdings in punkto Sanktionen Spitzenreiter in einem Turnier, bei dem ansonsten die Fairness überwog. Die Kroaten stellten dank dreier Siege, darunter auch der 2:1-Erfolg gegen die DFB-Elf, nachhaltig unter Beweis, dass ihre Qualifikation für dieses Turnier, in der England auf der Strecke blieb, kein Zufall war.

Auch wenn Deutschland im Finale gegen Spanien unterlag, die DFB-Auswahl war der einzige Halbfinalteilnehmer der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006 , der auch bei dieser EM die Vorschlussrunde erreichte - ein weiterer Beleg dafür, dass Deutschland sowohl im europäischen Fussball als auch im Weltmaßstab nach wie vor eine feste Größe ist.

Die Enttäuschungen
Jenen Teams, die bei diesem Turnier an eher defensiv orientierten Konzepten festhielten, bescherte die UEFA EURO 2008 herbe Rückschläge. So auch den Griechen, die vor vier Jahren überraschend die kontinentale Krone geholt hatten und dieses Mal nach einem rundum enttäuschenden Auftritt - nur ein einziges Tor und drei Niederlagen - bereits in der Vorrunde ausschieden. Nicht viel besser erging es Vize-Weltmeister Frankreich, der sich mit einem Remis und zwei Niederlagen, bei denen lediglich ein Treffer gelang und man im Gegenzug sechs Tore kassierte, trotz zahlreicher Topstürmer im Team gleichfalls nach der Vorrunde verabschieden musste. Der Schatten von Zinédine Zidane schwebte förmlich über der Mannschaft, und die jungen Spieler zeigten sich nicht in der Lage, ihrerseits die Initiative zu übernehmen und ihrem Team damit entscheidende Impulse zu verleihen. Bitter auch das Abschneiden des amtierenden Weltmeisters Italien, der sich diesmal ausgerechnet im Elfmeterschießen beugen musste und etwas unglücklich aus dem Turnier ausschied. Nach dem bereits vor der EM erfolgten Rücktritt der beiden Urgesteine Paolo Maldini und Alessandro Nesta erwartet man in der Squadra Azzurra jetzt einen Generationswechsel im Abwehrbereich.

Ebenfalls enttäuschend verlief das Turnier für das Nationalteam der Tschechischen Republik, dem gleichfalls ein Prozess des Umbruchs bevorsteht. Und auch die Rumänen hätten in ihrer schweren Vorrundengruppe mit etwas mehr Mut zum Risiko vielleicht doch noch das Viertelfinale erreichen können.

Was schließlich die Gastgeberländer Österreich und die Schweiz anbetrifft, so konnten beide ihren Heimvorteil nicht in Zählbares ummünzen.

Die fünf schönsten Tore
Diese Wertung berücksichtigt sowohl das Spektakuläre als auch die Bedeutung der erzielten Treffer in einem bestimmten Spiel. Selbstverständlich gibt sie lediglich die Einschätzung von FIFA.com wieder.

1 - Griechenland - Schweden 0:2 (10. Juni in Salzburg)
67. Minute: Nach einem Doppelpass mit Henrik Larsson schießt Zlatan Ibrahimovic mit einem platziert getretenen Gewaltschuss, der unhaltbar für Antonis Nikopolidis im griechischen Tor einschlägt, seine Mannschaft in Führung. Die Griechen fanden danach nie wieder ins Spiel zurück.

2 - Niederlande - Italien 3:0, (9. Juni in Bern)
32. Minute: Nachdem Rafael van der Vaart den Ball in der eigenen Hälfte erobert und den Pass auf die linke Seite zu Giovanni van Bronckhorst gespielt hatte, flankte dieser auf den langen Pfosten. Dort erreichte der Ball Dirk Kuyt, dessen Kopfball an den anderen Pfosten knallte. Der Abpraller landete direkt vor dem rechten Fuß von Wesley Sneijder, der nur noch einzuschieben brauchte. Damit war nicht nur Gianluigi Buffon, sondern auch der amtierende Weltmeister geschlagen.

3 - Russland - Spanien 0:3, Halbfinale (26. Juni in Wien)
73. Minute: Cesc Fabregas lupft den Ball geschickt auf Daniel Güiza. Der erfolgreichste Torschütze der Primera División fackelt nicht lange und lässt dem russischen Schlussmann Igor Akinfeev mit seinem sehenswerten Heber keine Chance.

4 - Tschechische Republik - Portugal 1:3, (11. Juni in Genf)
63. Minute: Der im Vorfeld des Turniers mit vielen Vorschusslorbeeren bedachte Cristiano Ronaldo kommt nach einem wunderbaren Spielzug, der über João Moutinho und Deco lief, in Höhe des gegnerischen Strafraums an den Ball und zieht sofort ab. Petr Cech im tschechischen Tor ist machtlos.

5 - Kroatien - Türkei 1:1, 1:3 n. E., Viertelfinale (20. Juni in Wien)
120. +1. Minute: Es läuft bereits die Nachspielzeit der Verlängerung. Semih Senturk nimmt einen langen Abschlag seines Torwarts Rüstü auf und versenkt die Kugel mit einem satten Schuss im Kasten von Stipe Pletikosa.

Die Entdeckungen des Turniers
Der Russe Andrei Arshavin sorgte mit seiner brillanten Technik und seinen exzellenten Sololäufen in zwei Partien des Turniers für Furore, bevor er sich im Halbfinale den deutlich überlegenen Spaniern beugen musste. Außer ihm taten sich im Turnierverlauf auch der türkische Angreifer Semih Senturk, die Niederländer Robin van Persie und Wesley Sneijder, der Kroate Luka Modric sowie die Spanier Daniel Güiza, Marcos Senna und Cesc Fabregas besonders hervor.

Auf der deutschen Seite taten sich vor allem drei Akteure des FC Bayern München hervor. Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski sorgten mit ihren Toren und starken Leistungen dafür, dass Deutschland bis ins Finale vorstieß.

Spaniens Mittelfeld-Motor Xavi wurde aufgrund seiner herausragenden Leistungen zum Castrol Spieler des Turniers gewählt.

Für Portugals Cristiano Ronaldo, die Italiener Gennaro Gattuso und Luca Toni sowie für die Franzosen Thierry Henry und Lilian Thuram erfüllten sich die Erwartungen an diese EM jedoch nicht.

Die besten Torschützen
1 - David Villa (ESP), vier Treffer
2 - Lukas Podolski (GER), Roman Pavlyuchenko (RUS), Semih Senturk (TUR), Hakan Yakin (SUI), je drei Treffer

Akteure, die ihre aktive Laufbahn beenden
Für mehrere Nationalspieler war diese EM ihr letztes internationales Turnier. So gaben unter anderem Antonis Nikopolidis und Paraskevas Antzas (Griechenland), Lilian Thuram und Claude Makelele (Frankreich), Fredrik Ljungberg (Schweden), Rüstü Recber (Türkei), Jan Koller und Tomas Galasek (Tschechische Republik), Pascal Zuberbühler (Schweiz) und Edwin van der Sar (Niederlande) das Ende ihrer Nationalmannschaftskarriere bekannt.

Das beste Zitat
"Ich habe eine Auswahl übernommen und hinterlasse jetzt eine echte Mannschaft."
Luis Aragonés, Trainer, Spanien

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