Tabárez: "Der Fussball hat sich entwickelt"
© Getty Images

Der Uruguayer Oscar Washington Tabárez ist zweifellos einer der Hauptverantwortlichen für die Renaissance des uruguayischen Fussballs. Dies belegen die jüngsten Erfolge, auch wenn sein Team in der südamerikanischen WM-Qualifikation zuletzt stolperte. Und dies zeigen auch die zahlreichen Auszeichnungen im Verlauf seiner Karriere, wie zum Beispiel die des uruguayischen Fussballverbands (AUDEF), die ihm im Dezember verliehen wurde.

Der Stratege, der in seinem reichen Lebenslauf Tätigkeiten bei namhaften Klubs wie Peñarol, Boca Juniors und AC Mailand vorweisen kann, bereitet sich nun auf eine ganz neue Herausforderung vor: den zweiten FIFA Konföderationen-Pokal in der Geschichte der Celeste. Über dieses Turnier sowie über die neuen Trends des modernen Fussballs und die Rivalität mit Brasilien sprach der Maestro im Interview mit FIFA.com. Nachfolgend der erste Teil des Gesprächs.

Besuchen Sie uns am Mittwoch, 27. Dezember, um den zweiten Teil des Interviews zu lesen.

"Maestro", Uruguay nimmt endlich zum ersten Mal an einem FIFA Konföderationen-Pokal teil. Mit welchen Erwartungen gehen Sie an diese neue Erfahrung heran?
Das wichtigste Ziel besteht darin, es zu genießen. Wenn ein internationaler Wettbewerb mit so wichtigen Mannschaften ansteht, wie etwa ein kontinentales oder weltweites Turnier – und der Konföderationen-Pokal ist ein Ereignis dieser Kategorie – dann möchte man immer so weit wie möglich kommen. Doch das ist nicht so wichtig, wenn wir bedenken, was wir durchmachen mussten, als wir diesen Prozess begannen: Was es uns gekostet hat, bis wir ein internationales Spiel mit hochklassigen Mannschaften bestreiten konnten! Es ist schon sehr lange her, 17 Jahre, das wir letztmalig eine Copa América gewonnen hatten. Deshalb müssen wir nun, da wir uns das Recht erworben haben, an diesem Wettbewerb teilzunehmen, als Allererstes sagen: Wir sind zufrieden, daran teilnehmen zu können. Und erst dann bereiten wir uns natürlich mit der erforderlichen Professionalität und mit Verantwortungsbewusstsein vor, um so gut wie möglich abzuschneiden.

Spanien, Uruguay, Tahiti. Wie denken Sie über Ihre Gruppe beim Turnier?
Es ist uns bewusst, dass wir großen Teams gegenüberstehen werden. Spanien ist gerade dabei, eine Ära zu prägen. Sie gewinnen die wichtigsten Turniere, werden vom Rest der Welt um ihr Spiel beneidet und üben einen großen Einfluss auf den heutigen Fussball aus. Der afrikanische Vertreter, wer auch immer kommen mag, wird sehr stark sein. Und die Leistung Tahitis verdient großen Respekt und macht sehr neugierig. Mal sehen, wie sie sich schlagen. Wir werden uns gut vorbereiten müssen, auch wenn wir erst am Ende jedes Spiels wissen werden, was passiert. Und darin haben wir, glaube ich, ein wenig Erfahrung: Wir dürfen uns im Vorfeld weder zu sehr begeistern noch zu negativ an die Sache herangehen. Das weiß ich, und das weiß auch dieser Kader.

Unabhängig vom Fussballerischen – welche anderen Aspekte sind für Sie bei diesem Wettbewerb wichtig?
Wir kommen zu einem traditionsreichen Turnier, das jenseits seines eigenständigen Wertes zudem das Vorzimmer zur Weltmeisterschaft darstellt. Wir werden nicht nur einige Mannschaften sehen können, die 2014 dabei sein könnten, sondern auch die Infrastruktur erleben, die bei der Weltmeisterschaft vorhanden sein wird. Ein weiterer Aspekt ist die Logistik: Wir haben bereits Informationen darüber erhalten, was alles gemacht wird – die Trainingsplätze, die verschiedenen Stadien. Wir haben schon eine gewisse Vorstellung, doch man sollte nichts vorwegnehmen: Wir sind zuversichtlich, dass wir bei der WM dabei sein werden, haben aber noch keine Sicherheit. Die Qualifikation ist sehr schwierig, und nachdem wir einen guten Start gehabt hatten, ist die Situation nach den schlechten Ergebnissen zuletzt etwas komplizierter geworden. Wenn sich zu jenem Datum bereits die Möglichkeit abzeichnet, dass wir uns qualifizieren können, dann werden wir mit Blick auf das nächste Jahr über die Unterkunft und die Trainingseinrichtungen nachdenken.

Da Uruguay in einer anderen Gruppe wie Brasilien ist, müssen Sie gegenüber der Presse zumindest bis jetzt nicht immer auf den "Maracanazo" von 1950 Bezug nehmen. Stört es Sie, dass Sie immer wieder auf diesen historischen Coup angesprochen werden?
Es ist nicht so, dass es mich stört, doch mir ist klar, dass sich der Fussball entwickelt hat. Es gibt Dinge, die zu einem bestimmten Zeitpunkt geschehen sind, weil die Kräfteverhältnisse, vor allem in jener Zeit, ausgeglichener waren. Was das Uruguay von 1950 auszeichnete, waren die Bedingungen, unter denen das Team gewann, aber nicht, weil es Brasilien in fussballerischer Hinsicht unterlegen war. Inzwischen haben sich die Dinge verändert, es ist nicht mehr so.

Können Sie uns mehr darüber erzählen? Warum scheint Uruguay immer dann besonders gute Leistungen zu zeigen, wenn es gegen Brasilien geht?
Brasilien ist hinsichtlich der Zahl seiner Fussballer, der Infrastruktur und der sportlichen Organisation eine Macht. Wir verfügen nicht über diese Masse an Elite-Fussballern, auch wenn wir einige haben. Und dies führt dazu, dass unser Enthusiasmus wächst, wenn wir gegen Brasilien spielen. Nicht einfach nur, weil wir ein gutes Ergebnis erzielen wollen, sondern aufgrund der Motivation, sich mit einem so mächtigen Gegner zu messen. Und das wird auch in Zukunft so bleiben. Doch auch wir haben sowohl bei der Weltmeisterschaft wie auch bei der Copa América bewiesen, dass wir unter den Voraussetzungen, die wir haben, ebenfalls für Jeden ein schwerer Gegner sein können, wenn es uns gelingt, uns gut zu organisieren und vorzubereiten.

Im Vorfeld der Auslosung konnte man Sie freundschaftlich mit Luiz Felipe Scolari plaudern sehen, der kürzlich als Trainer der Seleçao verpflichtet wurde. Was kann seine Ankunft Brasilien bringen?
Grundsätzlich seine Fähigkeiten als Trainer, die er schon zu zahlreichen Gelegenheiten unter Beweis gestellt hat. Und zudem seine allgemeine wie auch seine spezifische Erfahrung mit der Nationalmannschaft, die eine sehr spezielle Umgebung ist. Das Amt an sich ist schon schwer, doch in Brasilien nimmt es die größte Dimension an. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die einheimischen Medienvertreter stellten mir auf der Pressekonferenz Fragen über die "Stagnation des brasilianischen Fussballs." Und innerlich erschrak ich, bei allem Respekt natürlich, doch ich dachte: "Nein, sie haben eine viel zu anspruchsvolle Sicht auf sich selbst." Man kann nicht immer gewinnen – sie haben schließlich die meisten Weltmeisterschaften gewonnen! Es ist klar, dass die Vorherrschaft vielleicht nicht ewig anhalten kann, doch das bedeutet nicht, dass Stagnation herrscht.

Wovon hängen diese Trends im aktuellen Fussball ab?
Der Fussball wird immer globaler, weshalb andere Kräfte im organisatorischen Bereich ins Spiel kommen: Das Wirtschaftliche, die Jugendarbeit, die großen Arbeitsprozesse, die auf historischen Wurzeln basieren, die viele Jahre zurückliegen. Ein eindeutiges Beispiel ist Barcelona. Uns alle begeistert ihr Ausdruck, es ist das Beste, was ich je gesehen habe. Doch das entstand nicht in zwei oder drei Jahren! So zu spielen wie der FC Barcelona, ist nicht so einfach wie vor einem Schaufenster vorbeizulaufen, einen Anzug zu sehen, der mir gefällt, und ihn zu kaufen. Der Fussball ist nicht so. Im Fussball muss man zuerst den Stoff besorgen, die Knöpfe, den passenden Schneider, dann muss man ihn herstellen und sehen, ob er mir genauso gut steht. Das kostet viel Zeit, erfordert viele Kenntnisse und viel Vorbereitung. Ich weiß nicht, was Scolari machen wird, doch ich denke, er wird versuchen, an die historischen Wurzeln anzuknüpfen, die der Fussball in Brasilien hat.

Sie haben Barcelona erwähnt. Glauben Sie, dass es möglich ist, ihr Spiel in einer Nationalmannschaft zu imitieren?
Jeder Trainer hat seinen eigenen Stil und jeder Verband seine eigene Strategie, und dies hängt vor allem von den eigenen Gegebenheiten ab. Ich denke, dass es sogar positiv ist, dass wir nicht alle Barcelona kopieren, denn der Fussball würde langweilig werden, wenn das möglich wäre. Es ist gut, dass es verschiedene Spielweisen gibt, verschiedene Schulen. Und dass man diese großen Turniere dazu nutzen kann, sie auf sportlicher Ebene konkurrieren zu lassen und zu sehen, was passiert. Es geht nicht darum, festzulegen, wer für alle Zeiten der Beste der Welt ist. Das ist eher ein Medienthema als die Realität. Aber sehr wohl darum, immer wieder diese großen Fussballfeste zu feiern, wie es ein Konföderationen-Pokal und natürlich eine Weltmeisterschaft sein können.