
Plácido Domingo ist mittlerweile 71 Jahre alt und noch immer genauso fussballbegeistert wie in seiner frühen Kindheit. Der Opernsänger und fanatische Anhänger von Real Madrid, für das er zum 100-jährigen Vereinsjubiläum die Hymne interpretierte, war bei zehn der letzten elf Auflagen der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ dabei und freut sich über die derzeit spektakuläre Form der Roja mit Trainer Vicente del Bosque.
Domingo ist angesichts des jüngsten Titelgewinns der Spanier bei der UEFA EURO 2012 in Kiew noch immer sichtlich bewegt. Er stattete dem Home of FIFA einen Besuch ab und traf sich dort mit FIFA-Präsident Joseph S. Blatter.
Später sprach er mit FIFA.com unter anderem über Parallelen zwischen dem Fussball und der Oper, die Stärken des spanischen Sensationsteams sowie über einen Zukunftstraum: bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014™ einen weiteren Titel feiern zu können.
Plácido, wieder einmal treffen wir Sie inmitten einer großen spanischen Siegesfeier an. Welche Gefühle kommen bei Ihnen angesichts eines weiteren Titelgewinns der Roja auf?
Ich bin natürlich sehr glücklich und stolz. Das ist einfach eine großartige Mannschaft, das hat sie in den letzten Jahren bei vielen Gelegenheiten immer wieder unter Beweis gestellt.
Welches Ereignis - einmal abgesehen vom Ergebnis - fanden Sie im Finale besonders bewegend?
Die Nationalhymnen waren sehr bewegend. Als der ukrainische Chor die italienische Hymne anstimmte, haben die Menschen auf den Tribünen alle mitgesungen, das war wunderbar. Es ist schade, dass die spanische Nationalhymne keinen Text hat, deshalb können die Leute nur mitsummen. Der einzige, der einen Text sang, war ich - einen Text, den ich nur für mich singe, aber den ich hier nicht offenbaren kann [lacht].
Sie würden die Hymne also gern mit einem Text versehen?
Ja, natürlich. Der Sport vereint uns alle, so unterschiedlich wir auch sein mögen. Das wird allein schon durch die 20 Millionen Menschen deutlich, die die Partien im Fernsehen verfolgt haben. Das ist das halbe Land. Es gibt bei uns genügend Intellektuelle, die hervorragend dazu geeignet wären, an einem Text zu arbeiten. Und dabei denke ich natürlich nicht an mich selbst. Vielleicht können wir der Sache bis zur Weltmeisterschaft in Brasilien Form geben. Bis dahin bleiben uns ja noch zwei Jahre.
Die Zuschauer haben diesen Titelgewinn sehr leidenschaftlich gefeiert. Unterscheidet sich das Publikum beim Fussball sehr von Ihrem normalen Opernpublikum?
Es stimmt, die Leute waren mit einer unglaublichen Leidenschaft bei der Sache. Ich würde sagen, der einzige Unterschied besteht darin, dass in der Oper im Falle einer Tragödie das gesamte Publikum gleichermaßen davon betroffen ist. Im Fussball kommt es nur für die Hälfte des Stadions zur Tragödie. Die andere Hälfte ist zufrieden! [lacht]
Wenn Sie die aktuelle spanische Mannschaft zu einem Operntitel in Bezug setzen müssten, welchen würden Sie wählen?
[Denkt nach] Ich würde den Titel "Das Wunder ist geschehen" wählen. Ich will ehrlich sein: Mit Ausnahme der Auflage von 1978 in Argentinien war ich seit Mexiko 1970 bei allen Auflagen der Weltmeisterschaft dabei. Ich war immer dabei und habe immer gedacht, dass ich es wohl nicht mehr erleben würde, dass Spanien Weltmeister wird. Als ich dann diese Mannschaft sah, hat mich plötzlich eine unglaubliche Hoffnung erfasst.
Ab wann hatten Sie eine Vorahnung davon, dass diese "Goldene Ära" bevorstand?
Diese Mannschaft hätte es schon einige Zeit vorher verdient gehabt, zu gewinnen. Aber aufgrund gewisser Unbeständigkeiten ist es ihr nicht gelungen. Aber als dann die Europameisterschaft in Österreich vor der Tür stand, sah ich das Wunder kommen. Das ist eine Mannschaft, die über viele junge Spieler verfügt. Deshalb können die Erfolge noch andauern. Ich erinnere mich noch daran, dass ich mit großer Unruhe auf den Beginn der WM in Südafrika hinfieberte und dass ich mir sehr sicher war. Ich sagte mir, dass wir Chancen hatten, und so war es dann ja auch. Jetzt haben wir noch eine weitere Europameisterschaft gewonnen und damit einen Rekord aufgestellt.
Hatten Sie in letzter Zeit Kontakt zu den Spielern?
Ja, hatte ich. Neulich sprach ich mit Iker Casillas und er sagte mir, schade sei nur, dass "der Tag kommen werde, an dem man verliert". Ich antwortete, das sei logisch, man könne ja nicht immer gewinnen, aber dass sie schon die Möglichkeit hätten, den Erfolg noch einige Zeit festzuhalten. Spanien verfügt nicht nur über eine sehr starke Mannschaft, sondern es drängen auch mit Macht weitere Jungspieler nach: Jordi Alba und Juan Mata werden beispielsweise beim Olympischen Fussballturnier dabei sein. Es gibt viele Spieler unter 20, die über ein großes Potenzial verfügen. Man kann gewinnen oder verlieren, das weiß man vorher nie, aber Niederlagen sind auch nicht unbedingt aussagekräftig: In Südafrika sind wir gegen die Schweiz mit einer kalten Dusche in die Weltmeisterschaft gestartet. Und das Ende der Geschichte kennen wir ja.
Noch eine letzte Frage: Welche Bedeutung hat es für einen großen Fussballfan wie Sie, dass so viele Titel gegen ausgesprochen hochklassige Gegner errungen werden konnten?
Eine sehr große! Bei der Europameisterschaft in Österreich haben wir gegen Deutschland gewonnen, in Johannesburg gegen die Niederlande und in Kiew gegen Italien. Das Einzige was jetzt noch fehlt, ist ein Sieg gegen Brasilien in Brasilien. Das wäre die Erfüllung des großen Traums aller Spanier!



