
David Silva ist glücklich. Der Flügelspieler der spanischen Nationalmannschaft hat gerade etwas erreicht, von dem die meisten Fussballer nur träumen können: Er hat einen der wichtigsten Titel des Weltfussballs gewonnen und im Finale ein Tor erzielt.
Aber das ist noch nicht alles. Vor der UEFA EURO 2012 hat er mit der Roja bereits die FIFA WM 2010 in Südafrika gewonnen und auf Vereinsebene in diesem Jahr mit Manchester City den Meistertitel in der englischen Premier League geholt.
Dem von der Insel Gran Canaria stammenden Mittelfeldspieler liegt die Welt derzeit zu Füßen. Direkt nach dem historischen 4:0-Sieg der Spanier gegen Italien nahm sich der sympathische Flügelflitzer im Stadion von Kiew gut gelaunt Zeit für ein Exklusiv-Interview mit FIFA.com.
David, Sie erleben hier gerade etwas ganz Einzigartiges. Sie haben die Europameisterschaft gewonnen und im Finale ein Tor erzielt. Besser geht kaum noch, oder?
Ja, viel mehr geht wirklich nicht! Ich hatte das Glück, das erste Tor zu erzielen. Das hat uns den Weg geebnet und zu mehr Chancen verholfen. Wir wussten, dass es entscheidend sein würde, das erste Tor zu schießen. Darüber hatten wir vor dem Spiel schon gesprochen. Deshalb sind wir von Beginn an so offensiv wie möglich in die Partie gegangen, und glücklicherweise ist es uns gelungen.
Sie sind vielleicht der kleinste Spieler der spanischen Mannschaft und haben ein Kopfballtor erzielt...
Nein, nein, nein, ich bin nicht der Kleinste! Das nun doch nicht [lacht]. Aber es stimmt schon, ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich habe gesehen, wie sich der Spielzug entwickelt und mir gedacht, dass ich auf die Hereingabe von Cesc [Fàbregas] warten sollte. Und so kam es dann auch. Es ging alles sehr schnell, aber es ist so gekommen, wie ich mir das vorgestellt hatte.
Außerdem war es ein sehr deutlicher Sieg für Spanien...
Ja, absolut. Normalerweise sind Endspiele sehr hart umkämpft und werden durch ein Tor oder winzige Details entschieden. Es ist uns bewusst, dass es ganz und gar nicht einfach ist, ein solches Spiel mit einem so hohen Ergebnis zu gewinnen. Ich glaube, das ist einer der Gründe dafür, dass wir so zufrieden sind. Unsere Anstrengungen wurden wirklich belohnt, und das erlebt man im Fussball nicht so häufig.
Ist es für Sie einfacher, gegen eine offensivere Mannschaft wie Italien zu spielen als gegen einen ultradefensiv eingestellten Gegner?
Ja, das hat es uns auf jeden Fall leichter gemacht. Wenn wir gegen defensivere Mannschaften antreten, dann ist das arbeitsintensiver, weil man Geduld haben und wissen muss, dass man nur mit viel Mühe zum Ziel kommt. In diesem Fall wussten wir, dass Italien in die Offensive gehen würde. Nicht nur, weil das der Spielweise der Italiener entspricht, sondern auch, weil man sich in einem Finale nicht wirklich zurückhalten kann. Man muss auf Sieg spielen. Das war uns bewusst.
Hat es eine wichtige Rolle gespielt, dass Sie in diesem Turnier vorher schon gegen Italien angetreten waren? Was hat sich gegenüber dem ersten Spiel geändert?
Das war das erste Gruppenspiel, und in diesem Stadium sind die Mannschaften in der Regel noch etwas zurückhaltender. Ich glaube, die Italiener sind damals etwas kompakter aufgetreten. Außerdem ist für uns der Platz ein ganz wichtiger Faktor. Heute war das Geläuf viel schneller und das Gras kürzer gemäht. Für unsere Spielweise ist das fundamental, und so ist es sehr gut gelaufen.
Spanien hatte weniger Ballbesitz zu verzeichnen als in den anderen Partien. In der ersten Halbzeit lag Italien in diesem Punkt sogar vorn! War das geplant?
Nein, überhaupt nicht. Das hat sich im Spiel einfach so entwickelt. Das hatte auch etwas damit zu tun, dass wir in Führung gegangen sind und sie auf den Ausgleich drängen mussten. Ich glaube, dass wir das begriffen und uns schnell bewusst gemacht haben, dass wir über Konter zum Ziel kommen können. Am Ende ist für uns ein perfektes Spiel herausgekommen, aber das hat sich eher so entwickelt, und war nicht wirklich von uns geplant.
Dieses Team hat drei große Titel in Folge geholt und damit Geschichte geschrieben. Wie schafft man es, die Motivation aufrechtzuerhalten?
Der Hunger nach Titeln vergeht nie. Das Gefühl eines solchen Triumphs ist einfach unvergleichlich. Deshalb geht man mit der Absicht in die Turniere, diese Gefühle noch einmal zu erleben. Und außerdem kämpft man auf persönlicher Ebene natürlich um seine Position. In Spanien scheint jede Spielergeneration besser zu sein als die vorherige. Wenn man nicht aufpasst, steht schon ein anderer in den Startlöchern, um einen zu ersetzen. Man muss immer Topleistungen bringen, und das führt dazu, dass man die besten Ergebnisse erreicht.
Wie geht es für die Mannschaft jetzt weiter?
Jetzt werden wir erstmal feiern. Zuerst mit den Fans, die immer hinter uns gestanden haben. Natürlich in Spanien, aber auch hier in der Ukraine und Polen, wo wir in jeder Partie unglaublich angefeuert wurden. Das war schon beeindruckend. Und danach werden wir uns erst einmal ausruhen und Zeit mit unseren Familien verbringen, die schon auf uns warten.
Klar, was für eine Saison! Und dann den Chip wechseln und mit Manchester City den Premier-League-Titel verteidigen...
Ja, natürlich, das motiviert einen doppelt. Es wird eine harte, lange Saison werden, in der wir es mit Teams wie Manchester United, Chelsea oder Arsenal aufnehmen müssen, die daran gewöhnt sind zu kämpfen und denen es nicht besonders geschmeckt haben dürfte, dass wir die Meisterschaft gewonnen haben. Und dann steht ja auch noch die Champions League auf dem Programm, noch eine Zusatzmotivation. Wir hoffen, zumindest einen oder zwei Titel gewinnen zu können, genau wie in den letzten Jahren.
Zum Schluss noch eine Frage, die sich auf Ihre Erfahrungen in England bezieht. Was halten Sie von der englischen Nationalmannschaft? Warum schafft sie es nicht, sich in großen Turnieren durchzusetzen?
England hat eine hervorragende Mannschaft, aber sie hatte nicht gerade viel Glück. Sie verfügt über sehr hochklassige Spieler, die sicher auch einmal eine Trophäe gewinnen werden. Das ist eine Frage der Zeit, aber ich bin sicher, dass die Engländer unter den Besten bleiben und um Titel kämpfen werden.
