
Es ist keine vier Wochen her: Deutschland verliert ein Vorbereitungsspiel zur UEFA EURO in der Schweiz mit 3:5. Mats Hummels enttäuscht wieder einmal in der Nationalmannschaft und gehört zu den Verlieren. Ein Stammplatz bei der EM? Meilenweit entfernt. Doch längst haben sich die Vorzeichen für den 23-Jährigen gedreht - der Innenverteidiger von Borussia Dortmund hat sich bei der EM in der Gruppenphase zum großen Stabilisator der DFB-Auswahl entwickelt.
Eine Leistung, die dem BVB-Star wohl keiner so recht zugetraut hat. Auch bei ihm selbst schwang einige Skepsis mit, als er nach seinem ersten EM-Auftritt noch vorsichtig anmerkte, "dass die Geschichte für einen noch nicht geschrieben ist". Die bisherigen Kapitel sind aber bereits äußerst lesenswert, selbst Ikone Zinédine Zidane hat an der Lektüre inzwischen großen Gefallen gefunden.
"Es gibt bei der EM einige gute Spieler, aber einer, der mich überrascht hat, ist der deutsche Verteidiger Hummels. Der ist sehr gut", sagte der ehemalige FIFA Weltfussballer aus Frankreich vor dem deutschen Viertelfinale am Freitagabend in Danzig gegen Griechenland.
Auch bei Bundestrainer Joachim Löw sind die Zweifel an den Qualitäten von Hummels verflogen. Lange Zeit hielt sich die Ansicht, dass der Borusse mit seiner Spielweise nicht ins Spiel der DFB-Auswahl passe. Hummels bevorzugt im Verein eher die hohen, diagonalen Bälle. Löw will aber flache, vertikale Pässe von seinen Defensivspielern sehen. Eine Umstellung, mit der Hummels lange Zeit Probleme hatte. Agierte er beim BVB stets souverän, so wackelte er in der Nationalelf bei seinen Einsätzen doch einige Male bedenklich.
Dennoch schenkte ihm Löw bei der EM das Vertrauen - zunächst wohl eher aus der Not heraus, weil Routinier und Konkurrent Per Mertesacker nach langer Verletzungspause noch nicht über die nötige Praxis verfügte. Eine Entscheidung, die sich für den Bundestrainer bis zum Viertelfinale aber voll ausgezahlt hat. "Er hat bisher überragend gut gespielt. Er macht das, was ein Innenverteidiger machen muss. Er gewinnt Bälle, er ist im Zweikampf extrem stark. Und er hat sich in den letzten Wochen im Spiel nach vorne auf unsere Spielweise eingestellt", sagte Löw und stellte den hochgewachsenen Verteidiger (1,92 m) vor dem Griechenland-Spiel besonders heraus.
Hummels nutze jetzt den Raum auch nach vorne, sagte der DFB-Coach: "Er spielt flache Bälle." Das "Lange-Bälle-Thema" sei eines seiner "liebsten, aber längst gegessen", fügte Hummels mit einem Schmunzeln an: "Die kommen kaum noch, ich achte besonders darauf. Ich weiß, wie ich spielen muss und soll." Er spielt nun im Verbund mit Holger Badstuber so, dass Löw nichts mehr zu mäkeln hat: "Das war bislang eine sehr, sehr starke Leistung von ihm. Er gibt unserer Abwehr viel, viel Halt."
Der sympathische und eloquente Hummels, Sohn einer Journalistin, der unlängst seinen Vertrag beim Double-Gewinner bis 2017 verlängerte, will die Entwicklung aber nicht überbewerten. Es sei schön, dass er seinen Teil dazu beitragen könne, "aber wie es weitergeht, wird man sehen". Derartige Leistungen müsse man "öfter bestätigen". Es sei allerdings auch schön zu sehen, "dass einem der Bundestrainer das Vertrauen schenkt und man gebraucht wird, auch wenn alle an Bord sind".
Bleibt die Frage, wer der Chef der deutschen Abwehr ist: Der Dortmunder Hummels oder der Münchener Holger Badstuber, beide in der Jugend beim FC Bayern groß geworden? Für beide existiert dieses Thema jedoch "nur in der Öffentlichkeit, nicht in der Mannschaft. Wir reden beide viel und dirigieren unsere Vorderleute", betonte Badstuber. Immerhin war in der Gruppenphase nicht zu übersehen, dass Hummels wie in Dortmund nun auch im DFB-Trikot dominant und ohne Selbstzweifel auftritt.
Selbstzweifel will er aber auch vorher nicht gekannt haben. Selbst nach dem Schweiz-Spiel nicht. Das habe ihn "nicht tief erschüttert. Jeder Fussballer auf der Welt hat mal gute und mal schlechte Spiele."












