Wenn ein Spieler, der zehn Jahre lang einen Stammplatz auf seiner Position inne hatte und nicht weniger als drei WM-Endspiele in Folge bestritt, beschließt, seine Nationalmannschaftskarriere zu beenden, dann dürfte wohl jeder Trainer Schwierigkeiten haben, einen Nachfolger zu finden. Dies schien auch der Fall zu sein, als Cafu nach der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006™ ankündigte, nicht mehr in der Seleção zu spielen. Jeder, der gegenwärtig die Geschicke der Brasilianer verfolgt, wird es kaum glauben, doch als Carlos Dunga seinerzeit die brasilianische Nationalmannschaft übernahm, war eines der großen Fragezeichen die Besetzung der Position des rechten Außenverteidigers. Wer würde Nachfolger des großen Cafu werden? Der FIFA Konföderationen-Pokal 2009 gibt uns auf diese Frage bislang eine klare Antwort: Es gibt nicht einen Nachfolger, sondern zwei. Maicon und Daniel Alves, für viele die beiden besten rechten Außenverteidiger der Welt.
"Man mag es kaum glauben: vor drei Jahren sprachen alle über die Lücke auf der rechten Seite des Teams, und heute heißt es, dass ich und Daniel Alves wohl die beiden besten Spieler der Welt auf dieser Position sein könnten", überlegt Maicon während eines Exklusiv-Interviews mit FIFA.com im Vorfeld des Endspiels gegen die USA. "Es ist eine große Herausforderung, mit einem so großen Spieler wie Dani um einen Stammplatz zu kämpfen, denn du musst immer alles geben. Wir beide nehmen diese Herausforderung ganz natürlich mit einem gesunden Konkurrenzkampf an. Ich freue mich, wenn er zum Einsatz kommt, und wenn ich spiele, ist es umgekehrt", versichert der Spieler von Inter Mailand.
Die beiden Kandidaten sind zufrieden, denn sie wissen, wer auch immer von den beiden als rechter Außenverteidiger spielt, die Position wird in der Seleção auf jeden Fall brillant besetzt sein. Zuletzt hatte es als sicher gegolten, dass Dunga Maicon den Vorzug geben würde. Dann jedoch verletzte sich der Spieler von Inter Mailand und musste seine Position an Daniel Alves abgeben, der dann am 6. Juni beim 4:0-Sieg in Uruguay im Rahmen der Südamerika-Qualifikation für die FIFA WM 2010™ glänzte.
Daniel Alves erzielte ein Tor, war einer der besten Spieler der Mannschaft und stand in der nächsten Partie gegen Paraguay und auch im Auftaktspiel beim FIFA Konföderationen-Pokal gegen Ägypten in der Startformation. Im zweiten Spiel in Südafrika gegen die USA nahm Dunga vier Umstellungen vor, darunter auch die der Hereinnahme von Maicon, der dann schlichtweg brillierte: ein Tor bereitete er vor, ein weiteres erzielte er, und schließlich wurde er zum Budweiser Man of the Match gewählt. Seitdem scheint er wieder bessere Karten zu haben. Doch ganz so einfach ist es nicht...
Die linke Seite als Ausweg?
Die Qualitäten der Brasilianer auf der rechten Seite sind so überwältigend, dass Dunga beschlossen hat, sich dies auf andere Weise zunutze zu machen. Im Halbfinale gegen Südafrika - beim Spielstand von 0:0 waren noch acht Minuten zu spielen - wechselte der Coach Daniel Alves ein, jedoch nicht, um den üblichen Tausch auf der rechten Abwehrseite vorzunehmen, sondern als Ersatz für den linken Außenverteidiger André Santos. Fünf Minuten später erzielte der Spieler vom FC Barcelona mit einem sensationellen Freistoß von der Strafraumgrenze aus das Siegtor.
"In dem Augenblick machte die Einwechslung von Dani wirklich Sinn: Es war eine hart umkämpfte Partie, und fast alle Torgelegenheiten ergaben sich nur noch aus ruhenden Bällen. Wie hätte ich da auf ihn verzichten können? Andererseits hatte Maicon auf der rechten Seite bis dahin eine starke Partie geboten. Der Wechsel war also eine Option für eine ganz bestimmte Spielsituation", erläuterte Dunga gegenüber FIFA.com. "Wir haben eigentlich Spieler auf der linken Seite, auf die wir uns verlassen können. Aber die Einwechslung war eine Möglichkeit, auf eine ganz bestimmte schwierige Situation zu reagieren."
In der Tat ist es nicht das erste Mal, dass Daniel Alves auf einer Position eingesetzt wird, die nicht seine angestammte ist, und dabei dennoch sehr wirkungsvoll spielt. Genau so war es auch im Finale der Copa América 2007, als er nach 33 Minuten für den verletzten Elano aufs Feld kam und auf der rechten Seite im Mittelfeld eingesetzt wurde - links spielte damals übrigens Maicon. "Ich bin immer bereit auszuhelfen, egal auf welcher Position. Ich möchte mich nützlich machen", versichert Alves. "Ich bin nicht gewohnt, auf der linken Seite zu spielen, aber ich bin bereit, alles zu tun, was in Dungas Augen für die Mannschaft am Besten ist."
Dass ein Rechtsfuß wie Daniel Alves auf der linken Seite in der Selecão spielt, hat bei den Brasilianern schon historische Wurzeln. Zwei große Spieler, beide Rechtsfüßer, haben diese Position in der Vergangenheit mit Erfolg bekleidet: Nilton Santos, Weltmeister 1958 und 1962, sowie Junior, Weltmeister 1982 und 1986.
Alles eine Frage der Anpassung? "Das kann schon sein, zumindest brauche ich mein linkes Bein nur, um in den Bus einzusteigen", lacht Maicon. Der eigentliche Stammverteidiger auf der linken Seite, André Santos, macht auch seine Scherze über den neuen Konkurrenten auf seiner Position. "Nein, zum Glück für mich ist Dani rechter Außenverteidiger. Soll er mal dort bleiben", grinst der Spieler von Corinthians. "Ich glaube nicht, dass es leicht ist, mit dem 'falschen Fuß' dort zu spielen, aber ich bin überzeugt davon, dass Dunga das tun wird, was für Brasilien am Besten ist", erklärte der Spieler, der zuletzt in der Anfangsformation der Seleção in der Partie gegen die USA debütierte.
Eigentlich haben sich nach drei Jahren für Carlos Dunga die Dinge nicht geändert. So wie bereits 2006 bereitet ihm die Position des rechten Außenverteidigers Kopfzerbrechen. Allerdings nicht mehr wegen eines Mangels an Kandidaten, sondern wegen der Qual der Wahl.

