Es ist nun fast ein Jahr her, dass Frank Rijkaard den FC Barcelona verließ und damit den Schritt aus dem Scheinwerferlicht vollzog. Seitdem hat der Niederländer reichlich Zeit gehabt, seine Zeit als Trainer des katalanischen Spitzenklubs Revue passieren zu lassen. Über die Umstände und Begleiterscheinungen seiner letzten Tage als Trainer der Katalanen will er sich nicht äußern. Doch zu zahlreichen anderen Themen aus der Welt des Fussballs hält Rijkaard mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg.
Während er sich in einem Restaurant an der Wits-Universität in Johannesburg auf sein Exklusiv-Interview mit FIFA.com vorbereitet, reagiert Rijkaard immer wieder mit einem entspannten Lächeln und einem freundlichen Kopfnicken auf winkende Fans und Bewunderer. Als wir den Niederländer auf Barcelona ansprachen, war ihm die Begeisterung sofort anzusehen. Doch er sprach auch über seine Gedanken zu Südafrika, den bevorstehenden FIFA Konföderationen-Pokal und die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2010™ sowie über seine eigene Zukunft.
Sind Sie zum ersten Mal in Südafrika? Welche Eindrücke haben Sie gesammelt?
Nein, ich war vorher schon zwei Mal in Südafrika. Einmal waren wir mit dem FC Barcelona hier und haben gegen eine hiesige Fussballmannschaft gespielt, die Mamelodi Sundowns. Ich war von der Atmosphäre und den Stadien sehr beeindruckt. Wir haben unseren Aufenthalt hier genossen, obwohl er nur sehr kurz war. Einige Spieler trafen sogar mit Nelson Mandela zusammen. Das war wirklich außergewöhnlich.
Mir fällt an den Südafrikanern auf, dass es größtenteils sehr freundliche Leute sind. Man sieht viele lächelnde Menschen auf den Straßen und das ist gut. Leider habe ich noch keine Zeit gefunden, das Land etwas näher kennen zu lernen. Die meiste Zeit verbringt man eben auf dem Fussballplatz oder im Hotel. Das ist eigentlich schade, denn ich habe sehr viel über alle möglichen Sehenswürdigkeiten gehört.
Im Juni richtet Südafrika den FIFA Konföderationen-Pokal aus. Welche Mannschaft ist ihr Favorit?
Das ist eine schwere Frage. Ich denke an Brasilien, das ist eine großartige Mannschaft mit vielen sehr starken Spielern. Die Brasilianer sind immer erfolgshungrig, denn sie haben sehr anspruchsvolle Fans, die ihnen überallhin folgen und Siege sehen wollen. Das macht sie sehr gefährlich und man muss sie immer auf der Rechnung haben. Ich denke aber auch an Spanien. Die Spanier spielen derzeit wirklich überragend und sind in Bestform. Dann wäre dann noch Ägypten, eine ganz und gar unberechenbare Mannschaft. Über Südafrika weiß ich nicht sehr viel, aber ich denke, dass jede Mannschaft, die ein großes Turnier im eigenen Land spielt, etwas zu beweisen hat. Daher könnte die südafrikanische Mannschaft für eine große Überraschung sorgen. Man sollte auch sie auf keinen Fall unterschätzen.
Was denken Sie, wie werden die afrikanischen Länder bei der FIFA WM 2010 abschneiden?
Afrika hat zahlreiche sehr starke Spieler hervorgebracht. Die afrikanischen Mannschaften sind gereift: Da wäre die Elfenbeinküste, die ein sehr starkes Team hat. Kamerun hat viel zu bieten, und auch Nigeria. Ägypten wiederum ist Afrikameister, da ist also auch einiges möglich. Ich würde keine der Mannschaften von vornherein abschreiben.
Denken Sie manchmal darüber nach, wieder eine Nationalmannschaft zu übernehmen?
[lacht] Ich war eine Zeitlang für die niederländische Nationalmannschaft verantwortlich. Und dann lernte ich den Klubfussball kennen! Derzeit denke ich nicht daran. Die Arbeit bei einem Verein sagt mir mehr zu. Aber im Fussball sagt man niemals nie, man schlägt nie die Tür zu.
Der FC Barcelona steht im Finale der UEFA Champions League in Rom. Wie schätzen Sie die Chancen gegen Manchester United ein?
Das ist ein Traumfinale, es spielen zwei der besten Mannschaften der Welt. Es wird bestimmt ein sehr interessantes Spiel. Schließlich spielen einige der stärksten Spieler der Welt gegeneinander. Manchester United hat in den letzten Wochen einen sehr starken Eindruck hinterlassen. Die Engländer haben Cristiano Ronaldo, einen hochklassigen Spieler, der die Entscheidung bringen kann. Aber der Gegner ist schließlich Barcelona - eine Mannschaft, die sehr schönen Fussball spielt. Das Team ist stark und sehr offensiv ausgerichtet. Ich denke, wir werden Tore sehen, eine ganze Menge Tore. Wenn Barcelona gut verteidigt, dann kann die Mannschaft Manchester United schlagen. Wenn sie Fehler vermeiden und gut stehen, dann sollten sie nicht verlieren. Aber es ist ein Fussballspiel - man kann nie etwas genau vorhersagen.
Die Menschen sind begeistert von Lionel Messi. Wie gut ist er wirklich?
Er ist außergewöhnlich. Ich habe ihn vor ein paar Jahren schon einmal gesehen und war wirklich beeindruckt, was er alles mit dem Ball anstellen konnte. Wie er den Ball kontrolliert und behandelt, ist wirklich außergewöhnlich. Das können nur sehr wenige Spieler. Dabei ist Messi noch sehr jung. Das bedeutet, dass er sich als Fussballer noch deutlich verbessern kann. Der Fussball soll die Menschen erfreuen, und genau das schafft Messi. Er erfreut die Menschen und sorgt dafür, dass sie den Fussball genießen. Ich mag ihn sehr.
Ihre frühen Jahre bei Barça fielen mit der Blütezeit von Ronaldinho zusammen. Denken Sie, dass er wieder zu seiner Bestform zurückfinden kann?
Ronaldinho ist in jedem Fall ein ganz besonderer Spieler und gehört wohl zu den talentiertesten Fussballern, mit denen ich gearbeitet habe. Bei Barcelona war er einfach überragend. Seine unglaubliche Technik und seine Beweglichkeit mit und ohne Ball waren einfach fantastisch. Ich höre oft, dass er diese Form wohl nie wieder erreichen wird, aber ich glaube nicht, dass das stimmt. Er muss sich wieder ganz auf sein Spiel konzentrieren, er muss all seine Gedanken auf den Fussball konzentrieren, dann habe ich keine Zweifel, dass er wieder zu seiner Bestform finden kann. Genau wie Messi sorgt auch er für Begeisterung bei den Fans.
Können Sie den besten Spieler nennen, mit dem Sie je gearbeitet haben?
Das ist eine sehr schwere Frage. Ich hatte riesiges Glück, denn ich habe mit einigen der talentiertesten Spieler der Welt gearbeitet. Bei Barcelona war ich von überragenden Talenten umgeben. Da war Ronaldinho, den man nur bestaunen konnte. Dann gab es Deco, der ebenso talentiert wie technisch hochklassig ist. Dann noch Spieler wie Xavi, ein starker, einsatzfreudiger Mann, der stets alles gibt. Iniesta wäre noch so einer. Und natürlich kann in einer solchen Liste der Name von Lionel Messi nicht fehlen. Es wäre wohl unfair, einen einzelnen Spieler herauszuheben. Es gibt noch viele weitere Spieler, die ich nicht genannt habe, die ich aber trotzdem sehr schätze.
Sie hatten eine großartige Karriere, als Spieler und auch als Trainer. Wer hatte den größten fussballerischen Einfluss auf Ihre Karriere?
Da gibt es sehr viele, aber auf jeden Fall sollte ich Johan Cruyff nennen. Ich erinnere mich noch, wie ich ihn als Kind gesehen habe, als er für Ajax spielte. Ich habe ihn sehr bewundert. Später wurde er dann bei Ajax mein Trainer. Das war für mich eine großartige Erfahrung. Ich habe sehr viel unter ihm gelernt. Er hatte außerordentliche Erfahrung und einen tiefen Respekt für das Fussballspiel.
Es gibt sehr viele Spekulationen um Ihre Zukunft. Sind Sie sich schon über Ihre nächsten Schritte klar?
Meine Zukunft? Ja, da wird es immer die wildesten Spekulationen geben. Die Zeitungen kommen mit immer neuen Prophezeiungen. Dabei kann ich nicht einmal selbst sagen, wohin es mich verschlagen wird. Darüber kann ich jetzt noch gar nichts sagen. Vielleicht ist es in ein paar Wochen so weit. Ich möchte jedenfalls die Spekulationen nicht anheizen. Ich respektiere alle Trainer und kann nicht sagen, dass ich am liebsten zu einem bestimmten Klub gehen würde, denn dieser bestimmte Klub hat derzeit ja einen Trainer und ich habe Respekt vor allen Trainerkollegen. Aber wenn jemand mit einem Angebot an mich herantritt, dann kann man darüber reden. Ich will weiterhin Trainer sein, aber zum richtigen Zeitpunkt. Ich will eigentlich auch Klubtrainer bleiben, aber wenn sich etwas anderes ergeben sollte, dann kann man sich auch damit beschäftigen.


