Die Stadt São Paulo erwachte am Donnerstagmorgen im schwarz-weißen Gewand. Der Grund war nicht etwa eine Welle der Nostalgie. Nach vielen Jahren der Träume und erfolglosen Versuche ist es Corinthians nämlich endlich gelungen, zum ersten Mal in der Geschichte die Copa Libertadores zu gewinnen und die dominante Fussballmacht Südamerikas zu werden.

Die Fangemeinde Corinthians gehört mit geschätzten 25 Millionen Anhängern allein in Brasilien zu den größten der Welt. Entsprechend viel war in den Straßen der Metropole São Paulo nach dem historischen Erfolg los. Die Fans feierten in den Vereinsfarben mit Fahnen und Feuerwerk, und die Party dürfte sicher noch das ganze Wochenende lang andauern. Schließlich hat man lange auf die heiß begehrte Trophäe gewartet, die jetzt auf spektakuläre Weise im Finale gegen die mächtigen Boca Juniors errungen wurde.

Im letzten Jahr war der Klub mit Stars wie Ronaldo und Roberto Carlos im Aufgebot noch in der Vorrunde gegen Tolima ausgeschieden. Und in den letzten Jahrzehnten hatte es in diesem Wettbewerb noch einige weitere frustrierende Auftritte gegeben, während die größten Rivalen des Klubs den Copa-Libertadores-Titel bereits in ihre Erfolgsbilanz aufnehmen konnten. Aber das alles ist jetzt vergessen.

Der Champion
Mit gerade einmal vier Gegentoren und ohne eine einzige Niederlage holte Corinthians sich den Titel und blieb auf dem Weg dorthin in einigen der gefürchtetsten Stadien ganz Südamerikas ungeschlagen: im São Januário von Vasco da Gama (torloses Remis), im Vila Belmiro des FC Santos (1:0-Sieg) und zu guter Letzt in La Bombonera, wo man gegen die Boca Juniors ein 1:1-Unentschieden erreichte.

Diese Begegnungen fanden im Viertelfinale, Halbfinale und Finale statt, und all diese Gegner sind ehemalige Turniersieger, die gegen diesen sehr kompakten Gegner keine Mittel fanden. Mit mannschaftlicher Geschlossenheit und der Unterstützung der Fans erreichte das Team im heimischen Pacaembu-Stadion eine überragende Bilanz von nur einem einzigen Gegentreffer, und den erzielte kein Geringerer als Neymar.

Trainer Tite ist es gelungen, eine herausragende Mannschaft zusammenzustellen, deren Gesamtwert höher war als die Summe ihrer Elemente. Das Team überzeugte vor allem in der Deckung und störte schon früh, um dem Gegner den Ball abzunehmen. Einmal in Ballbesitz kam Corinthians vor allem durch schnelle, effiziente Vorstöße und lange Bälle zum Ziel.

Im Achtelfinale dieses hochklassigen und schwer einzuschätzenden Turniers, an dem auch Titelkandidaten wie Universidad de Chile, Vélez Sarsfield und Libertad Asunción teilnahmen, hatte sich der Klub gegen CS Emelec (Ecuador) durchgesetzt.

Die Überraschungen
Zum ersten Mal seit 2004 war Ecuador mit zwei Klubs in den K.o.-Runden vertreten. Sowohl Deportivo Quito als auch Emelec qualifizierten sich. Dafür gelang dieses Mal keinem uruguayischen Repräsentanten der Einzug in die K.o.-Phase.

Auf individueller Ebene war die Geschichte des Stürmers Romarinho von Corinthians besonders bemerkenswert. Bei seiner ersten Ballberührung im gesamten Turnier erzielte er in der ausverkaufen Bombonera vor den Fans der Boca Juniors gleich einen Treffer - er war erst wenige Augenblicke zuvor eingewechselt worden. Das hatten wohl selbst die Corinthians-Fans nicht erwartet, denn der Stürmer bestritt erst sein drittes Spiel für den Klub.

Die Spieler im Fokus
Bei Corinthians stand eher das Kollektiv im Vordergrund, aber in den letzten Runden wusste vor allem auch der Angreifer Emerson zu überzeugen. Der Torschütze des ungemein wichtigen Tors beim Auswärtssieg gegen den FC Santos im Halbfinale zeichnete auch für die Vorlage zu Romarinhos Ausgleichstreffer in Buenos Aires verantwortlich. Seinen besten Auftritt hatte er jedoch im entscheidenden Finalrückspiel, als er zwei Treffer erzielte und damit den Turniersieg perfekt machte.

Auf Seiten der Boca Juniors musste der Routinier Juan Román Riquelme die erste Niederlage im Finale einer Copa Libertadores in seiner Karriere hinnehmen. In den Jahren 2000, 2001 und 2007 hatte er jeweils den Titel gewonnen. Dennoch spielte er eine Führungsrolle bei den Xeneizes und stellte einmal mehr unter Beweis, dass er mit seinem Talent Spiele entscheiden kann.

Ein weiterer erfahrener Mittelfeldspieler, der noch immer aufhorchen lässt, ist Deco, der in der ersten Runde eine Führungsrolle bei Fluminense übernahm und dessen Abwesenheit sich beim Ausscheiden seines Klubs gegen Riquelme und Co. im Viertelfinale schmerzlich bemerkbar machte.

Aber auch jüngere Talente wussten in diesem Wettbewerb zu überzeugen. Da wäre zum Beispiel Neymar, der insgesamt acht Treffer für den Vorjahresmeister FC Santos erzielte und gemeinsam mit Matias Alustiza die Torjägerkrone des Turniers holte. Auch Dorlan Pablón, Schütze von sieben Toren für Atlético Nacional, verdient es, hier erwähnt zu werden.

Hätten Sie's gewusst?
Corinthians war seit 1978 der erste Klub, der das Turnier ohne Niederlage gewinnen konnte. Der letzte Verein, dem diese Bestmarke gelang, waren ausgerechnet die Boca Juniors. Im Laufe der Geschichte konnten weitere drei Mannschaften das Turnier unbesiegt gewinnen: der FC Santos (1963), Independiente (1964) und Estudiantes (1969 und 1970).

Die Statistik
3 - Bereits drei Spielzeiten in Folge gewinnen nun brasilianische Klubs die Copa Libertadores. Zum letzten Mal gab es eine solche Serie von 1997 bis 1999, als Cruzeiro Belo Horizonte, Vasco da Gama und Palmeiras die Titel holten. Das einzige Land, das außerdem eine solche Serie hinlegen konnte, war Argentinien mit vier Titeln von 1967 bis 1970. Dabei ging die Trophäe ein Mal an Racing und drei Mal an Estudiantes. Von 1972 bis 1975 konnte Argentinien eine weitere Serie von vier Titeln in Folge für sich verbuchen - alle Titel gingen an Independiente.

Das Zitat
"Wir sind unbesiegt Meister geworden, aber die anderen Mannschaften, denen dies gelang, haben nur sieben oder acht Spiele bestritten. Wir sind mit 14 Spielen unbesiegt Meister geworden. Das ist eine Dimension, die für mich noch gar nicht greifbar ist, aber sicher wird es lange dauern, bis uns das jemand nachmacht. Dieses Gerede vom 'Glück' des Meisters ist nur eine Form der Geringschätzung der Arbeit, die jemand geleistet hat."
Tite (Trainer, Corinthians)