Was bedeutet es für Sie persönlich und auch sportlich, bei
drei Weltmeisterschaften gespielt zu haben?
Meiner Ansicht nach ist die Teilnahme an einer
Weltmeisterschaft das Größte, was ein Spieler erreichen kann. Es
war für mich eine tolle Sache, mein Land dort zu vertreten, zu
wissen, dass ich die 170 Millionen Brasilianer an den Bildschirmen
nicht enttäuscht hatte. Trotzdem ist die Verantwortung immer
riesig. Ich habe auf viele Dinge im Leben verzichtet, um bei diesen
Weltmeisterschaften dabei zu sein und zu gewinnen.
[Anm. d. Red.: Bebeto stand in der Mannschaft, die den
FIFA-Weltpokal 1994 holte]. Vor allem das hat für die
Menschen gezählt.
Ihre erste Weltmeisterschaft haben Sie in Italien 1990
gespielt. Welche Erinnerungen haben Sie daran?
Das waren sehr traurige Augenblicke. Es war eine
der größten Enttäuschungen meiner Karriere, denn ich habe mich in
einem Trainingsspiel mit einem guten Freund von mir, Torhüter Zé
Carlos, verletzt. Damit war für mich die Weltmeisterschaft zu Ende,
denn im Spiel gegen Schottland schwoll mein Knie sehr stark an. Wir
haben dann die nächste Partie gegen Argentinien verloren und sind
aus dem Turnier ausgeschieden. Wir wollten dieses Turnier unbedingt
gewinnen, aber so ist das Leben nun einmal. Ich lasse Gott so etwas
entscheiden. Dann kam die Weltmeisterschaft 1994, die wir gewonnen
haben.
Durch die WM 1994 wurde Ihr Name bekannt. Was wissen Sie
noch vom ersten Spiel Brasiliens bei diesem Turnier, gegen
Russland?
Ich kann mich ganz genau an jedes einzelne WM-Spiel
erinnern, bei dem ich dabei war. Bei jener Weltmeisterschaft war es
eine sehr schwere Partie gegen die Russen. Wir waren jedoch äußerst
gut vorbereitet. Es herrschte ein tolles Zusammengehörigkeitsgefühl
in der Mannschaft, das schließlich mit dazu beigetragen hat, dass
wir gewonnen haben. Die Mannschaft hat sich alle Mühe gegeben,
nicht die Fehler von 1990 zu wiederholen.
Was war Ihrer Ansicht nach, Ihre beste Leistung in diesem
Turnier?
Ich glaube, dass ich in jedem Spiel für die Seleçao
beständige Leistungen gezeigt habe. Dennoch möchte ich eine Partie
besonders hervorheben, die die wichtigste und auch schwierigste für
uns war, nämlich gegen die Vereinigten Staaten am 4. Juli. Bei
diesem Spiel gelangte ich zu der Überzeugung, dass wir unsere
vierte Weltmeisterschaft holen würden. Ich werde dieses Datum nie
vergessen, denn es war auch der Tag, an dem die Amerikaner ihre
Unabhängigkeit feiern.
Leonardo, einer der herausragenden Spieler bei dieser
Weltmeisterschaft, war vom Platz gestellt worden. Obwohl das ein
schwerer Schlag für uns war, wurden wir im Lauf der Partie immer
stärker. Dann spielte Romario den Ball auf mich, ich stand allein
vor Torhüter Tony Meola, ein sehr großer Keeper. Dennoch entdeckte
ich eine Lücke, in die ich den Ball schieben konnte, und schon
stand es 1:0 - Torschütze Bebeto.
Von da an war ich überzeugt, dass wir zum vierten Mal den
Titel holen würden. Als ich zur Halbzeitpause in die Umkleidekabine
ging, sah ich Leo, einen Spieler, den ich immer sehr gemocht habe,
da wir zusammen bei Flamengo angefangen hatten. Er saß dort in
einer Ecke und weinte bitterlich. Ich habe ihm gesagt, er solle
sich keine Sorgen mache, ich würde den Siegtreffer für uns
erzielen. Und mit Gottes Hilfe ist mir das auch gelungen. Als wir
am Ende wieder in die Kabine kamen, hat er mich herzlich umarmt und
mir von Herzen gedankt. Ich habe mich in diesem Spiel wirklich sehr
stark gefühlt. Gott hat mir Kraft gegeben.
Viele meinen, dass Sie in Ihrem nächsten Spiel noch stärker
waren, im Viertelfinale gegen die Niederlande. Was können Sie uns
über dieses Spiel sagen?
Zunächst einmal möchte ich mich wirklich bei Gott
bedanken, denn am Abend vor dem Spiel, als ich zu Bett ging, bat
ich ihn, mir die Gelegenheit zu geben, ein Tor für meinen Sohn zu
schießen, der am Tag zuvor geboren worden war. Mit diesem Gedanken
bin ich also eingeschlafen, und während des Spiels bot sich mir
dann die Chance in einer wirklich göttlichen Weise. Der Ball
gelangte von Romario, der sich nur mit Mühe seines Gegenspielers
erwehren konnte, zu mir. Ich schnappte mir die Kugel, umspielte
einen Verteidiger, dann auch noch den Torhüter und spazierte mit
dem Ball ins Tor.
Nachdem ich dieses Tor erzielt hatte, war das erste, was mir
einfiel, mein Sohn, denn er war das einzige meiner Kinder, dessen
Geburt ich verpasst hatte, weil ich ja bei der Weltmeisterschaft
war. Die Geburt meiner beiden anderen Kinder habe ich miterlebt.
Als ich das Tor erzielte, fiel mir ein, dass ich so tun könnte, als
würde ich ihn wiegen... Selbst jetzt, wo ich darüber spreche,
bekomme ich eine Gänsehaut und bin sehr bewegt. Während ich also
das imaginäre Baby in meinen Armen wiegte, sah ich, dass Mazinho
und Romario dasselbe taten. Plötzlich machten sie es alle nach...
und so kam es dazu.
Ich glaube, dass ich mich an diese besondere Art, das Tor zu
feiern, noch gut erinnere, weil es so spontan war. Es kam direkt
von Herzen und war ganz natürlich. Ich hatte zuvor nicht darüber
nachgedacht, aber dank der Gnade Gottes konnte ich meinen Sohn
ehren. So unglaublich es scheinen mag, er ist der einzige meiner
Söhne, der gerne Fussball spielt und der großes Talent dafür hat.
Gegenwärtig spielt er im Nachwuchs von Flamengo und hat das Zeug,
ein großer Spieler zu werden.
Glauben Sie, dass die fröhliche Art, in der die Brasilianer
ihre Tore feiern, einer der Gründe für die Verspieltheit des
brasilianischen Fussballs ist?
Ja, das kann schon sein. Ich habe meine Treffer immer mit
viel Begeisterung gefeiert. Fussball war immer meine Leidenschaft.
Im Alter von sechs oder sieben Jahren hatte ich damit begonnen. In
Brasilien werden Kinder eigentlich mit einem Ball am Fuß geboren
und möchten immer damit spielen. Ich habe mein ganzes Leben lang
Fussball gespielt und das immer mit großer Freude getan. Ich
glaube, dass man die Dinge im Leben genießen muss, wenn man
erfolgreich sein möchte. Das gilt nicht nur für Fussball, sondern
auch für Basketball, Leichtathletik usw. Wir sollten alles mit viel
Leidenschaft tun.
Das Trikot von Brasilien zu tragen, hat mich immer sehr stolz
gemacht. Ich war immer sehr glücklich, damit auflaufen zu können.
Ich tue meine Bestes, um für den Zusammenhalt des Teams zu sorgen,
etwas, das uns damals ermöglicht hat, zum vierten Mal Weltmeister
zu werden. Wir hatten eine sehr geschlossene Mannschaft und wollten
Geschichte schreiben. Und am Ende haben wir es auch deswegen
geschafft.
Obwohl Sie mit allen Ihren Mannschaftskameraden ein enges
Verhältnis hatten, war die Beziehung zu Romario doch etwas
Besonderes, nicht wahr?
Die Partnerschaft mit Romario hat für die Seleçao
wirklich tolle Ergebnisse gebracht. Wir haben alles zusammen
gewonnen. Wir haben uns wirklich toll verstanden. Im Fussball kann
es immer wieder zu Missverständnissen zwischen Spielern kommen, für
uns galt das nicht. Im Gegenteil, wir haben uns blind verstanden,
alles war ganz natürlich. Ich schien immer zu wissen, wo er gerade
auf dem Platz stand, und das galt auch für ihn. Es wäre jedoch
unfair, nur Romario zu erwähnen.
Wir waren nun einmal die Stürmer und erzielten die meisten
Treffer, aber man sollte nicht Spieler wie Taffarel, Jorginho,
Aldair, Marcio Santos, Leonardo, Zinho, Dunga, Mazinho und Maurio
Silva vergessen. Sie waren alle wichtig, um den Titel zu holen.
Romario und ich hätten nichts erreicht, wenn wir nicht die
Unterstützung der übrigen Mannschaft gehabt hätten. Das gilt
eigentlich für unsere gesamte Delegation - vom Zeugwart bis zum
Masseur. Alle diese Leute hatten ihren Anteil daran, dass Brasilien
nach 24-jähriger Abstinenz wieder auf den Thron des Weltfussballs
zurückkehrte.
Brasilien geht in jede Weltmeisterschaft mit der
Verpflichtung, den Titel zu holen. So ist es immer gewesen, und
daran wird sich auch nichts ändern. Natürlich zieht das eine große
Verantwortung nach sich, die man von dem Augenblick an, in dem man
nominiert wird, zu spüren bekommt. Nachdem wir die Endrunde
erreicht hatten, verspürten wir große Anspannung, da Brasilien
schon länger keinen Titel geholt hatte. 1994 war die Erleichterung
dann besonders groß. Nach all diesen Enttäuschungen war es später
ja auch gar nicht mehr so schwer, den fünften Titel zu holen. Aber
1994 kämpften wir gegen eine 24-jährige erfolglose Geschichte an.
Es war also schwieriger als sonst.
Sie sagten, dass das Team von 1994 besonders stark war. Wie
hat es sich von den Mannschaften von 1990 und 1998 unterschieden?
Nun beim Team von 1990 hatte der Trainer, meiner
Ansicht nach, etwas die Kontrolle verloren. Damals hat er sich
immer wieder mit der Mannschaft zusammengesetzt, und wir konnten
Vorschläge dazu machen, wie wir am besten spielen sollten.
Natürlich hat da jeder nur an sich gedacht, was nicht richtig war.
Ich glaube nicht, dass man so etwas bei einer Fussballmannschaft
machen sollte. Der Trainer alleine muss die Spieler auswählen. Es
ist seine Entscheidung und die Spieler müssen sie akzeptieren.
In meinem Fall ging ich in das Turnier 1990, nachdem ich 1989
zum 'Besten Spieler Amerikas' gewählt worden war. Ich war
Torschützenkönig bei der Copa America und galt als bester Spieler
in der Südamerika-Qualifikation für die Weltmeisterschaft. Als
jedoch die Endrunde begann, stand ich nicht mehr in der
Anfangsformation. Stattdessen entschieden sich der Trainer für
Muller und Careca, die sich, obwohl sie zwei großartige Spieler
waren, nicht so gut wie Romario und ich verstanden. Obwohl ich
damals auf dem Höhepunkt meiner Laufbahn war, hatte der Trainer das
Turnier zunächst ohne mich und vier weitere Spieler aus der
Mannschaft begonnen, die in der Copa America und der Qualifikation
so erfolgreich gewesen waren. Er hatte also zu Beginn kein gutes
Händchen bewiesen, davon bin ich überzeugt.
In unserem ersten Spiel bei der Endrunde, ich glaube es war
gegen Costa Rica
[Anm. d. Red.: Costa Rica war der zweite Gegner, im ersten
Spiel gegen Schweden war Bebeto nicht dabei] wechselte der
Trainer mich erst ein paar Minuten vor dem Ende ein. Die Mannschaft
hatte nicht gut gespielt, was auch für die beiden Stürmer galt. In
unseren Trainingsspielen zwischen den Partien hatte ich gezeigt,
dass ich in Form kam und bekam schließlich meine Chance gegen
Schottland. Leider hatte ich mich da schon verletzt und so lag es
in Gottes Hand. Romario war kurz zuvor operiert worden und fühlte
sich auch nicht gut. Er bot dann auch keine gute Leistung gegen
Schottland. Dann in der Partie gegen Argentinien saß er nicht
einmal mehr auf der Bank. Ich habe an diesem Tag auch nicht
gespielt und wir verloren und schieden aus.
1998 hatten wir eine sehr starke Mannschaft. Ohne etwas gegen
die Franzosen sagen zu wollen, die damals auch sehr stark waren,
glaube ich, dass alles ganz anders gekommen wäre, wenn wir nicht
das Problem mit Ronaldo gehabt hätten. Die ganze Sache ereignete
sich gerade vier Stunden vor dem Anpfiff und brachte die ganze
Mannschaft durcheinander. Meine größte Sorge galt Ronaldos
Gesundheit. Jeder, der sah, wie krank er war, glaubte, dass er
sterben würde. Es war einfach furchtbar. Alle rannten herum, und
Edmundo rief, dass Ronaldo im Sterben lag. Es war wie im Tollhaus,
ich denke da gar nicht gerne dran. Ursprünglich hatte man
beschlossen, dass Ronaldo nicht spielen sollte und unterzog ihn
einigen Untersuchungen. Ich kann mich noch daran erinnern wie ich
unserem Verbandspräsidenten sagte, das es schließlich alle vier
Jahre eine WM gebe und dass Ronalds Gesundheit viel wichtiger als
dies sei. Unsere größte Sorge war wirklich Ronaldos
Gesundheitszustand.
Ich sah Ronaldo dann wieder nachmittags, nachdem er krank
gewesen war, und er konnte sich an nichts erinnern. Er frage mich,
was mit ihm geschehen sei, und ich sagte ihm, dass alles in Ordnung
sei. Dann hat er sich den Tests unterzogen und nicht an der
Mannschaftsbesprechung vor dem Spiel teilgenommen. Zweifellos hat
uns diese ganze Geschichte durcheinander gebracht und sich auf
unser Spiel ausgewirkt. Wir haben zwei Treffer nach
Standardsituationen kassiert, was bei einer WM einfach nicht
passieren darf, und so verloren wir die Partie.
Sie meinen also, dass die Mannschaft vom Kopf her das Spiel
nicht gewinnen konnte?
Genau. Dunga und ich haben versucht, die Spieler zu
motivieren, aber man sah es ihren Gesichtern an. Wir waren sehr
traurig, die Mannschaft war vollkommen verzagt.
Sie haben gesagt, dass das Tragen des Nationaltrikots für
Sie ein großes Glück bedeutet hat. Waren das ihre enttäuschendsten
Augenblicke bei der Nationalmannschaft?
Der traurigste Tag in meiner Laufbahn war 1990, als ich mich
am Knie verletzte. Ich war furchtbar niedergeschlagen, denn bis
dahin hatte ich gut gespielt. Der Tag, an dem mein Knie
"kaputt ging", war wirklich der traurigste in meiner
Laufbahn. Es war jedoch auch eine wichtige Lektion für mich, denn
ich glaube, dass man aus Niederlagen auch viel lernen kann. Wir
bekommen nicht viel Geld dafür, dass wir Brasilien vertreten, wir
tun es eher aus Spaß am Spiel. Wir verdienen wesentlich mehr bei
unseren Transfers nach Europa. Die Mannschaft von 1990 war nicht
sehr geschlossen, denn einige Spieler verlangten mehr Geld als
andere.
Als sich 1994 unser Präsident mit uns zusammensetzen wollte,
um mit uns über die Prämien zu reden, sagten wir ihm, dass wir
nicht interessiert seien. Wir erklärten, dass wir vor allem
gewinnen wollten, das sei unser wichtigstes Ziel. Wir hatten alle
viel geopfert, um dorthin zu kommen und keiner von uns dachte an
Geld oder sonst irgendetwas, wir wollten nur gewinnen. Unser
einziger Gedanke war es, unser Land glücklich zu machen. Und wir
haben unsere Namen wirklich in der Geschichte Brasiliens und des
Weltfussballs verewigt!
Was für ein Gefühl war es, 1994 den FIFA WM-Pokal in die
Höhe zu heben?
Ich war der erste, der den Pokal in die Hand nahm, als der
Vertreter der FIFA ihn in unsere Umkleidekabine brachte. Als man
mich fotografierte, trug ich gerade das Trikot des Italieners
Baresi. Er hatte mich gebeten, Trikots zu tauschen, da sein Sohn
ein großer Fan von mir war. Baresi ist einer der größten Spieler,
den ich je gesehen habe. Das Spiel gegen Italien war sehr schwer.
Meiner Ansicht nach hätte es ein noch viel größeres Spektakel
werden können, wenn die Italiener nur versucht hätten, Fussball zu
spielen. Ich hatte jedoch das Gefühl, dass sie sich das ganze Spiel
über nur darauf beschränkten, zu verteidigen. Ihr Ziel war es, bis
in die Verlängerung und dann bis zum Elfmeterschießen zu kommen.
Das haben sie dann auch geschafft. Am Ende hat dann jedoch
Brasilien die Weltmeisterschaft zum vierten Mal gewonnen.
Brasilien ging mit dem festen Willen ins Spiel, die Partie zu
gewinnen. Romario und ich waren entschlossen, die Tore zu unserem
Sieg zu schießen. Wir haben immer wieder versucht, Torchancen für
uns herauszuholen. Ich kann mich noch erinnern, wie Romario an mir
vorbeilief, ich den Ball auf Cafu spielte, der ihn dann wieder im
Rücken der italienischen Abwehr zu Romario weiterleitete. Der
konnte die Chance dann nicht verwerten. Er war dann an einem
weiteren Spielzug beteiligt, als er den Ball zu Mauro Silva
spielte, der aufs Tor schoss. Der italienische Keeper Pagliuca ließ
den Ball durch die Hände rutschen, doch er sprang vom Pfosten zu
ihm zurück.
Viola bot sich eine weitere Chance, als er sich
durchdribbelte und fast ein Tor erzielt hätte. Die Italiener hatten
zwar ein oder zwei Chancen, aber wir hatten mehr. Brasilien wollte
das Spiel wirklich gewinnen und zum vierten Mal Weltmeister werden.
Wie es das Schicksal wollte, war ich für den letzten Elfmeter
vorgesehen, aber das war dann nicht mehr nötig, weil Roberto Baggio
für Italien verschoss und wir das Spiel gewannen. Es war ein
Augenblick der unendlichen Freude für uns. Für mich war es einfach
unglaublich, den Pokal in Händen zu haben.
Was für ein Gefühl war es, in der siebten Partie des
Turniers den Weltmeistertitel im Elfmeterschießen zu holen?
Nach dem Spiel gegen die Vereinigten Staaten lag
alles in Gottes Hand. Ich war überzeugt davon, dass wir zum vierten
Mal Weltmeister werden würden. Als es zum Elfmeterschießen kam,
waren wir alle sehr müde. Es war furchtbar heiß und unsere Beine
taten weh. Ich hatte jedoch viel geübt, etwa 70 Elfmeter am Tag und
deswegen war ich voller Selbstvertrauen. Ich fragte sogar unseren
Trainer [Carlos Alberto] Parreira, ob ich den ersten schießen
könne. Er erklärte jedoch, dass ich den letzten, entscheidenden
Strafstoß schießen sollte, da meine Trefferquote zusammen mit der
von Marcio Santos so hoch war. Er verschoss - und ich war erst als
Letzter vorgesehen.
Trifft es zu, dass, wenn ein brasilianischer Spieler ein
WM-Finale gewinnt, er ein Gott ist, wenn er es verliert, aber ein
Niemand?
Es ist schon beeindruckend. Wenn wir in Brasilien auf den
Platz laufen, müssen wir gewinnen. Ein zweiter Platz bedeutet
nichts. Für uns, die Spieler, oder zumindest für mich, ist ein
zweiter Platz aber auch viel wert. Bei den beiden
Weltmeisterschaften, an denen ich teilnahm (1990 zähle ich nicht
mit, da ich mich da verletzte), haben wir das Finale erreicht.
Leider mussten wir aufgrund des Problems mit Ronaldo weitere vier
Jahre warten, um den fünften Titel zu holen.
Ich habe fünf Jahre in Europa gespielt, dort sind die Dinge
anders. In Ländern wie Italien, Frankreich oder Spanien ist der
zweite Platz auch viel wert, für die Brasilianer bedeutet er
nichts. So ist es nun einmal hier. Wir sind daran gewöhnt, denn die
Leute leben hier den Fussball mit so viel Leidenschaft.
Als Sie die Trophäe in der Hand hielten, hatten Sie da so
ein wenig das Gefühl, etwas erreicht zu haben, was Sie sich im
Leben vorgenommen hatten?
Für einen Spieler ist das der größte Augenblick.
Ich war bei zwei Weltmeisterschaften dabei, auch bei Olympischen
Spielen in Atlanta und Seoul. Ich war Welt- und Südamerikameister
mit den Junioren und spielte bereits mit 17 Jahren für Brasilien.
Ich habe alles gewonnen, was ein Spieler mit der Nationalmannschaft
gewinnen kann. Ich danke Gott immer dafür, dass er mit die
Gelegenheit gegeben hat, diese Freude mit dem brasilianischen Volk
zu teilen, das so viel gelitten hat. Ich glaube, dass unser Land
durch den Titelgewinn 1994 gewachsen ist.
Ich habe auf sehr viel in meinem Leben verzichtet, um an die
Spitze zu kommen. So habe ich die Geburt eines Kindes verpasst und
konnte nicht bei meiner Familie sein. Ich habe mehr als einen Monat
in einem Trainingslager verbracht, ohne meine Angehörigen zu sehen,
aber ich würde das alles noch einmal tun, damit Brasilien diesen
Titel wieder holt. All dies hat schließlich mir und meinem Land ein
großes Glücksgefühl beschert. Das lässt sich mit Geld nicht
bezahlen.
Wenn Sie eine Trophäe behalten könnten, welche wäre es?
Jede Trophäe, die ich in meiner Karriere gewonnen
habe, war sehr wichtig. Ich würde mich dennoch für die erste
entscheiden: die Junioren-Weltmeisterschaft 1983 in Mexiko. Damals
hat alles begonnen. Als Brasilien 1994 die Weltmeisterschaft zum
vierten Mal holte, hatten Dunga, Jorginho und ich schon seit dieser
Weltmeisterschaft zusammengespielt. Nach so einer langen Zeit waren
wir wie Brüder und heute gehören diese Burschen zu meiner Familie.
Deswegen würde ich mich für Mexiko 1983 entscheiden. Der erste
Titel ist immer der schwierigste, zumindest galt das für mich. Ich
kam aus Salvador, spielte für das Vitoria-Team in Bahia. Es ist
schwierig, für einen Spieler aus dem Nordosten Brasiliens in die
Nationalelf berufen zu werden.
Wie fühlt es sich jetzt an, den FIFA WM-Pokal in den Händen
zu halten?
Ich finde es einfach toll, denn all diese Erinnerungen kommen
zurück, wie in einem Film. Wie gesagt, ich war der erste, der die
Trophäe berührte, als der FIFA-Vertreter sie in die Umkleidekabine
brachte. So viele Dinge sind bei jener Weltmeisterschaft geschehen,
vor allem unser Titelgewinn. Die Brasilianer waren damals so
glücklich. Viel Training und Engagement machten diesen Triumph
möglich, und das Trikot Brasiliens fühlte sich wie eine zweite Haut
an.
Erinnern Sie sich noch an die Reaktion der Menschen am
Flughafen, als Sie in Brasilien landeten?
Natürlich. Wir landeten zuerst in Recife und wurden dort
direkt zum Boa-Viagem-Strand gefahren. Mein Gott, es war wirklich
verrückt! Unser Flugzeug war gelb und grün lackiert, in den Farben
der brasilianischen Nationalflagge, so dass die Menschen wussten,
dass wir unterwegs waren. Die Emotionen der Leute, die uns
willkommen hießen, waren mit Händen greifbar. Nach unserer Landung
fuhren wir auf einem Feuerwehrauto durch die Straßen. Alle
möglichen Leute machten nach, wie ich meinen Sohn Mateus
schaukelte. Das ist etwas, was ich mein ganzes Leben lang nicht
mehr vergessen werde. Dieses Gefühl kann man nicht mit Geld
bezahlen.
Für einen Spieler gibt es nichts Größeres, als eine
Weltmeisterschaft zu gewinnen. Das ganze Land wächst mit einem
Titelgewinn, die Leute sind glücklich, und alles ist einfach
großartig. Wo immer ich hinging, wollten mich alle umarmen. Bis
heute behandeln mich alle mit großer Zuneigung und machen diese
wiegende Bewegung, wenn sie mich auf der Straße sehen. Dreizehn
Jahre sind seit diesem Sieg vergangen, aber es ist noch so als ob
es gestern wäre. Überall auf der Welt, wohin ich auch reise, kennen
die Leute deswegen meinen Sohn Mateus.
