In der brasilianischen Nationalmannschaft, die an der Endrunde der FIFA WM 1982 in Spanien teilnahm, sorgten dank ihrer individuellen Klasse vor allem Sócrates und Zico für Furore. Doch neben der Magie, die diese beiden Stars im Angriff bzw. im Mittelfeld der Brasilianer ausstrahlten, hatte jene Seleção auch einen überragenden Außenverteidiger in ihren Reihen, der als Rechtsfuß auf der Position des linken Verteidigers spielte und häufig in die Rolle eines offensiven Mittelfeldspielers schlüpfte. Für Leovegildo Lins da Gama Junior, kurz als Junior bekannt, der als damals 28-Jähriger erstmals bei einer FIFA Fussball-Weltmeisterschaft mit von der Partie war, endete das Turnier zwar mit einer Enttäuschung. Was er seinerzeit indes nicht ahnen konnte, ist die Tatsache, dass er zu jenem Zeitpunkt noch nicht einmal die Hälfte seiner Karriere hinter hatte.
"Manchmal kann ich es kaum glauben, dass ich 20 Jahre als Fussballprofi aktiv war und dabei die ganze Zeit bei großen Vereinen gespielt habe. Das ist ein ganzes Leben", so Junior im Gespräch mit FIFA.com. Es sind die Worte eines Mannes, der nahezu seine gesamte Karriere für ein und denselben brasilianischen Klub gespielt hat, was bis heute nur ganz wenige Spieler aus dem Land des fünffachen Weltmeisters von sich behaupten können. Noch dazu nicht für irgendeinen Verein, sondern für Flamengo Rio de Janeiro, dem Klub mit der größten Fangemeinde in ganz Brasilien. "Ich habe nie mit dem Gedanken gespielt, in einer anderen brasilianischen Klubmannschaft zu spielen. So etwas wäre mir einfach nicht in den Sinn gekommen. Ich habe nicht nur meine ganze Jugend bei Flamengo verbracht, sondern danach auch praktisch meine gesamte Profkarriere. Ich bin meinem Heimatklub ewig dafür dankbar, dass ich mit ihm die glorreichsten Zeiten in der Vereinsgeschichte erleben konnte", so Junior im Rückblick, der zwischen 1977 und 1993 für Flamengo spielte und zwischendurch nur einen Abstecher nach Italien - zum AC Turin (1984-1987) und Pescara Calcio (1987-1989) - gemacht hatte.
Unvergessene Momente
Ein kurzer Blick auf die Erfolge von Flamengo Rio de Janeiro und damit auch von Junior selbst genügt, um dessen Leidenschaft für "seinen" Klub voll und ganz zu verstehen. An allen bedeutenden Titelgewinnen von Flamengo hatte Junior einen entscheidenden Anteil, so auch an den vier brasilianischen Meistertiteln sowie am Triumph in der Copa Libertadores und dem Sieg im Interkontinental-Pokal im Jahr 1981. Als einer der Topspieler der in jenem Jahrzehnt besten Klubmannschaft Brasiliens galt Junior als linker Außenverteidiger in der Seleção in aller Regel als gesetzt. Bereits unmittelbar nach der FIFA WM in Spanien 1982 erhielt er Dutzende Angebote von europäischen Klubs, doch erst im Jahr 1984 fasste er den Entschluss, einem Vertragsangebot des AC Turin zu folgen. "Eine meiner Bedingungen dabei war, dass ich dort wieder im Mittelfeld spielen konnte, also auf meiner ursprünglichen Position, denn dort hatte ich meine fussballerische Laufbahn ja begonnen. Ich bin kein geborener Außenverteidiger, sondern vielmehr ein Mittelfeldspieler, und als solcher habe ich meine Karriere auch beendet. Mir war damals bewusst, dass ich noch viele Jahre im Mittelfeld vor mir haben würde. Das wollte ich entsprechend nutzen, und zwar bereits mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass ich meine aktive Laufbahn auf jeden Fall bei Flamengo Rio de Janeiro ausklingen lassen wollte."
Danach kam alles genau so, wie er es geplant hatte. Während seines fünfjährigen Gastspiels in Italien - dort wurde er als "Leo Junior" bekannt - eroberte der Brasilianer nicht nur die Herzen der Fans des AC Turin und von Pescara Calcio, sondern darüber hinaus auch die Sympathie der italienischen Fachpresse, die ihn in der Saison 1984/85 zum besten Spieler der Serie A wählte. Nachdem er bei der FIFA WM Mexiko 1986 erneut zum brasilianischen Aufgebot gehört hatte, kehrte Junior im Jahr 1989 als nunmehr 35-Jähriger nach Rio de Janeiro zurück, um seinem Heimatklub Flamengo zu weiteren Erfolgen zu verhelfen. "Ich war der Einzige, der noch von der Spielergeneration aus den 80er Jahren übrig geblieben war. Deshalb war es für mich etwas ganz Besonderes, noch einmal den brasilianischen Pokal (1990) zu gewinnen und sogar ein weiteres Mal den brasilianischen Meistertitel (1992) zu holen. Jene Meisterkrone ist vielleicht meine wertvollste Trophäe überhaupt, denn es war gewissermaßen mein schönstes Abschiedsgeschenk", gesteht uns Junior.
Doch Junior machte als Spieler nicht nur durch seine fussballerischen Qualitäten auf sich aufmerksam. Dank seiner charakterlichen Eigenschaften galt er auch als Führungspersönlichkeit, dessen sympathisches Auftreten die anderen beflügelte und innerhalb seiner Mannschaft für den nötigen Zusammenhalt sorgte. Auf welche Art und Weise dies geschah? Nun, zum Beispiel durch das Erzählen von Geschichten, was ihm besonders gut lag. "Ich glaube, dass mir da nur noch ein Gegentor in Erinnerung geblieben ist. Das war allerdings derart kurios und peinlich, dass es viele andere Geschichten in den Hintergrund drängte. Es passierte im Jahr 1991 in einem Meisterschaftsspiel gegen Sport Recife um den Brasileirão. Recife war akut vom Abstieg in die zweite Liga bedroht und benötigte daher unbedingt einen Sieg. Ich befand mich nahe der Mittellinie und spielte den Ball zurück zu Gilmar, unserem Torwart, jedoch ohne mich dabei umzusehen. Da Gilmar aber gerade weit vor seinem Kasten an der Strafraumgrenze stand, kullerte die Kugel langsam ins Netz, während wir uns gegenseitig entsetzt ansahen. Am Ende verloren wir das Spiel mit 1:2. Was für eine Blamage!"
Und heute?
Noch bevor er seine Fussballschuhe an den Nagel hing, stand für Junior fest, dass er auch danach nicht ohne Fussball leben können würde. "Dennoch wusste ich schon bald, dass ich nicht als Trainer tätig sein würde. Das habe ich zwei Mal versucht, zunächst in der Saison 1993/94, dann ein weiteres Mal im Jahr 1997. Ich habe es nur meinem Verein Flamengo zuliebe getan, denn man hatte mich darum gebeten und ich konnte, wie ich nun mal bin, nicht 'Nein' sagen", so Junior über die Zeit nach seiner Karriere als Spieler. Im Jahr 2004 gehörte Junior zeitweilig dem Vorstand seines Heimatklubs an, bevor er sich endgültig seiner heutigen Arbeit als TV-Kommentator widmete. Und auch in seiner jetzigen Tätigkeit wird Junior in Brasilien immer noch hoch geschätzt.
"Als ich in Italien lebte, habe ich bei einigen TV-Programmen mitgewirkt. In Brasilien habe ich mich dann nach der FIFA WM 1998 endgültig für den Medienberuf entschieden. Für mich war es ein geradezu perfekter Übergang von der Karriere als Spieler in die Zeit danach, denn ein Fussballspiel zu analysieren hat mir schon immer großen Spaß gemacht", so Junior, der heute als Kommentator für den brasilianischen Sender "SportTV" tätig ist. "Und in den 20 Jahren, die ich als Spieler aktiv war, glaube ich einiges gelernt zu haben", ergänzt Junior lachend. Wer ihn kennt weiß, dass dieses "glaube ich" in seinen Worten weitaus mehr widerspiegelt als eine bloße Bescheidenheitsfloskel.
Position: Außenverteidiger, Mittelfeld
Klubs: Flamengo Rio de Janeiro (1974-1984 und 1989-1993), AC Turin (1984-1987), Pescara Calcio (1987-1989)
Nationalmannschaft: 79 Länderspiele für Brasilien (1979-1992)
Erfolge: Vier Mal brasilianischer Meister (1980, 1982, 1983, 1992), ein Titelgewinn in der Copa Libertadores (1981), ein Titelgewinn im Interkontinental-Pokal (1981), ein Titelgewinn im brasilianischen Pokal (1990), zwei Endrundenteilnahmen bei der FIFA WM (1982, 1986)
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