Der Nigerianer Sunday Oliseh hat sich mit einem einzigen Tor unsterblich gemacht. Oliseh selbst nimmt das gelassen bis belustigt. Aufgeräumt gibt er zu, dieses Tor aus dem Juni 1998 gegen Spanien in Nantes sei seine Visitenkarte geworden, obwohl seine Karriere gewiss noch andere große Augenblicke zu bieten gehabt habe. Oliseh, der heute als treusorgender Familienvater in den belgischen Ardennen lebt und den eher bescheidenen Verein Verviers trainiert, weiß die Annehmlichkeiten seines Lebens zu sehr zu schätzen, als dass er sich darüber ärgern würde, permanent auf diesen einen Schuss angesprochen zu werden.
Immerhin kann Oliseh, das Sonntagskind, von sich behaupten, Olympiasieger von 1996, WM-Teilnehmer von 1998 - mit eben jenem Tor gegen Spanien - und Angehöriger der "Goldenen Generation" von Nigeria zu sein. Als Super Eagle spielte er mit Größen wie Jay-Jay Okocha und Daniel Amokachi zusammen. FIFA.com hat sich mit Oliseh getroffen.
Unvergessene Momente
"Ich hatte das Glück, gleich mehrere große Jahre zu haben. Ich kann mich nicht beklagen, und ich danke Gott dafür", schickt Oliseh gleich voraus, ehe er noch einmal auf die großen Momente seiner Laufbahn zurückkommt. Für Oliseh gilt, was wohl für alle Menschen gilt: Am Ende erinnert man sich nur noch an die schönen Dinge. "Ich habe 16 Jahre auf hohem Niveau gespielt und nur drei waren nicht so berauschend", sagt er zum Beispiel. Meint er damit unter anderem die Saison 1999/2000 bei Juventus Turin, wo er nur wenig zum Einsatz kam? "Ich habe dort viel gelernt", behauptet Oliseh jedoch. "Das waren nicht immer nur rosige Zeiten, aber ich habe tagtäglich mit grandiosen Spielern zusammengespielt. Zu meiner Zeit war ja noch Zidane bei Turin, daher war das eine großartige Sache damals."
Aber doch sicher nicht so großartig wie der Olympiasieg 1996 in Atlanta? "Das ist meine schönste Erinnerung an einen Mannschaftserfolg. Schließlich handelte es sich um einen weltweit anerkannten Titel und den ersten Sieg einer afrikanischen Mannschaft in diesem Wettbewerb", so Oliseh voller Stolz. Aber natürlich gibt es auch das ganz persönliche Highlight. "Mein Tor gegen Spanien 1998! Um so mehr, als es das Siegtor war. Daran erinnern sich noch heute alle."
Mit Begeisterung geht Oliseh, der seine Laufbahn einst unter Eric Gerets beim RFC Lüttich begann, in seiner Karriere zurück. "Beim Afrikanischen Nationen-Pokal 1994 war ich einer der besten Spieler des Turniers. Danach bin ich nach Italien gegangen, um anschließend die beste Saison meiner Karriere in Köln zu spielen, wo ich zum besten defensiven Mittelfeldspieler Deutschlands gewählt wurde." Eine Auszeichnung, die ihm ein Angebot von Ajax Amsterdam einbrachte. Dort blieb er zwei Jahre. Und: "Da ging es für mich erst richtig los. Wir haben 1998 das Double geholt und in der darauffolgenden Saison unseren Titel im Pokal verteidigt. Und wir haben klasse Fussball gespielt. Das war das wichtigste."
Was folgte, war die besagte missratene Saison bei Juventus, aber schon 2002 folgte wieder ein Höhepunkt - die Meisterschaft mit Borussia Dortmund. Oliseh blieb in Deutschland und im Ruhrgebiet, wechselte zum Reviernachbarn Bochum und war dort Fixpunkt in der so wichtigen Schaltstation zwischen Abwehr und Angriff. "Ich war da noch in großer Form", sagt er. Trotzdem hat er seine besten Tage hinter sich. Im Januar 2006, Oliseh ist gerade einmal 31 Jahre alt, hängt er seine Fussballschuhe an den Nagel. Anschließend kehrt er in seine Wahlheimat Belgien zurück, wo er mit seiner Familie lebt.
Und heute?
Heute ist Sunday Oliseh frischgebackener Trainer des RCS Verviers in der dritten Liga. Er fängt damit in den Niederungen des belgischen Fussballs an, aber das hat seinen Grund in einem elterlichen Rat: Lerne erst zu gehen, bevor du zu laufen anfängst. "Ich lasse es langsam angehen, aber das ist auch gut so. Ich hatte nie das Bedürfnis, gleich in der ersten Liga anfangen zu müssen. Ich habe als Aktiver auf ganz hohem Niveau gespielt. Als Trainer reicht es mir im Zweifelsfalle, nur meinen Sohn zu trainieren." Seinen Trainerschein hat Oliseh jetzt seit einem Jahr, und nachdem er zuletzt die U-19 des Vereins betreute, sitzt er inzwischen doch als Cheftrainer auf der Bank.
"Ich bin optimistisch, die Mannschaft ist jung. In zwei bis drei Jahren ist sie soweit", behauptet Oliseh, der aktuell fünf Profis in seiner Mannschaft hat. Und auch die mediale Seite des Fussballs hat der Nigerianer schon zur Genüge kennengelernt. Als Experte kommentiert er die Jupiler League fürs belgische Fernsehen, für die BBC kommentiert er große internationale Turniere wie den Afrikanischen Nationen-Pokal. Überhaupt ist und bleibt Nigeria Sunday Oliseh herzlich verbunden. Immerhin trainiert einer seiner Brüder dort eine Erstligamannschaft.
Zahlen und Fakten
Vereine: RFC Lüttich (1990 - 1994), AC Reggiana (1994 - 1995), 1. FC Köln (1995 - 1997), Ajax Amsterdam (1997 - 1999), Juventus Turin (1999 - 2000), Borussia Dortmund (2000 - 2002), Vfl Bochum (2002 - 2004), Borussia Dortmund (2004 - 2005), Racing Genk (2005 - 2006)
Nationalmannschaft: 63 Länderspiele (1993 - 2002)
Erfolge: Olympiasieger (1996), niederländischer Meister (1998), niederländischer Pokalsieger (1998, 1999), deutscher Meister (2002), zweimaliger WM-Teilnehmer (1994, 1998)




