Das Wort "bedauern" assoziiert man für gewöhnlich nicht mit Yang Chen, der vor kurzem seine großartige Karriere als Spieler beendet hat. Doch der ehemalige Stürmer der chinesischen Nationalmannschaft, dessen schelmisches Grinsen selbst seine Kritiker verstummen lässt, trauert seit langem einer vergebenen Chance im Spiel gegen die Türkei bei Chinas erster Teilnahme an einer FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ im Jahr 2002 nach.

"Unser Ausscheiden stand nach den zwei Niederlagen gegen Costa Rica und Brasilien bereits fest, doch im Spiel gegen die Türkei hätten wir der Fussballwelt zeigen können, welch große Fortschritte wir bereits erzielt hatten", erinnerte sich Chen in einem Exklusiv-Interview mit FIFA.com. "Als WM-Neuling setzten wir uns ein realistisches Ziel: Wir wollten zumindest ein Tor erzielen, damit wir nicht mit leeren Händen nach Hause fahren würden."

Das Spiel verlief für die Chinesen jedoch alles andere als wunschgemäß, denn bereits nach neun Minuten lagen die Türken mit 2:0 in Führung. Trotz des enttäuschenden Beginns drängten Yang Chen & Co. auf das erste chinesische WM-Tor. Die beste Möglichkeit bot sich in der 28. Minute: Mittelfeldspieler Zhao Junzhe spielte mit einem präzisen Pass Hao Haidong auf der linken Seite frei, dieser brachte den Ball zur Mitte, wo der heranstürmende Yang Chen zwar zum Schuss kam, jedoch nur den linken Pfosten traf.

"Auch heute würde ich noch immer behaupten, dass ich den Ball perfekt getroffen habe. Dass er nicht rein gegangen ist, war einfach nur Pech", sagte der 34-Jährige. "Schade, dass es nicht geklappt hat, denn das wäre das erste chinesische WM-Tor gewesen!"

Superstar-Status
Diese vergebene Torchance konnte seinem Superstar-Image bei den chinesischen Fans jedoch keinen Abbruch tun.

Chen begann seine Profi-Karriere im Jahr 1994 bei Guoan Peking, wo er sich dank seines unglaublichen Torriechers und seiner großartigen Übersicht schon bald in die Herzen der Fans spielte. Als er 1998 schließlich zu Eintracht Frankfurt in die deutsche Bundesliga wechselte, war er der Wegbereiter für alle chinesischen Spieler, die einen Transfer nach Übersee anstrebten.

Bereits in seiner ersten Saison in Frankfurt erzielte er acht Tore und hatte somit maßgeblichen Anteil am Klassenerhalt seiner Mannschaft. Seine starken Leistungen in der Bundesliga entgingen auch dem Engländer Bob Houghton nicht, der ihn noch im selben Jahr in die chinesische Nationalmannschaft berief.

Als Bora Milutinovic im Jahr 2002 das Ruder übernahm, spielte er im Nationalteam weiterhin eine wichtige Rolle und führte China zur FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2002 in Korea/Japan. Sein zweiter Treffer im entscheidenden Qualifikationsspiel gegen Indonesien am 13. Mai 2001 ist allen noch bestens in Erinnerung - dieses Tor brachte die Wende zugunsten der Chinesen.

"Wir waren nach der ersten Halbzeit unerwartet mit einem Tor in Rückstand, und zudem war ich an der Schulter verletzt. Doch Milutinovic stellte seine großartigen Fähigkeiten als Trainer unter Beweis. Er bewahrte Ruhe und forderte uns auf, in der zweiten Halbzeit zurückzuschlagen. Wir haben seine Anweisungen auch ausgeführt und erzielten in der zweiten Halbzeit gleich fünf Tore!"

Yang Chen wurde ausgewechselt, nachdem er China per Kopf mit 2:1 in Führung gebracht hatte. Die medizinische Untersuchung nach dem Spiel ergab einen Knochenbruch.

Kurz nach seiner Genesung lief Yang Chen in der letzten Runde der Asien-Qualifikation zur Höchstform auf und pendelte wieder zwischen Klub und Nationalmannschaft.

"Die Reisestrapazen zwischen Europa und den unterschiedlichen Teilen Asiens erforderten nicht nur viel Zeit, sondern gingen auch an die Substanz", erinnerte er sich. "Ich erinnere mich noch, als ich einmal drei Spiele innerhalb einer Woche bestritt - ein Bundesligaspiel zwischen zwei WM-Qualifikationsspielen."

Doch als China erstmals die Qualifikation für ein globales Turnier schaffte, wusste Yang Chen, dass sich sein Engagement ausgezahlt hatte. "Für einen Fussballspieler gibt es nichts Größeres, als die Endrunde einer Weltmeisterschaft zu erreichen."

Trainer-Stunden
Yang Chen hatte soeben einen AFC Trainer-Kurs absolviert, als er mit FIFA.com sprach, und er machte auch keinen Hehl daraus, schon in naher Zukunft als Trainer tätig sein zu wollen.

"Ich begann vor einigen Jahren mit der Vorbereitung, als ich für Shenzhen Jianlibao spielte", erklärte er. "Ich habe damals meine C- und B-Kurse abgeschlossen, und wenn ich diesmal den A-Kurs schaffe, werde ich die Trainer-Lizenz erhalten."

Hinsichtlich der verpassten Qualifikation der Chinesen für die Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika verwies er darauf, dass sich der Fussball in diesem Land noch immer in einer Entwicklungsphase befände - vor allem auf Trainer-Ebene.

"Milutinovic führte uns erstmals zu einer Weltmeisterschaft, weil er ein äußerst qualifizierter Trainer war. Seine Stärken lagen vor allem darin, die Mannschaft psychisch zu stärken. Unser Mangel an Erfahrung und unsere mentale Schwäche sind uns schon oft zum Verhängnis geworden. Diese Lektionen muss man lernen, wenn man Fortschritte machen will."

Ob er daran denkt, vielleicht selbst einmal die Nationalmannschaft zu trainieren? "Vielleicht. Im Moment bin ich aber noch ein Schüler, der auf seine erste Aufgabe als Trainer wartet", sagte er mit dem für ihn typischen Grinsen.