Paul Okon war zwar nicht so profiliert wie die heutigen australischen Stars, doch er gehört zu den talentiertesten Spielern, die jemals das gold-grüne Trikot trugen. Der langjährige Kapitän der australischen Nationalmannschaft hat in seiner Vereinskarriere in Belgien, England und Italien viele Erfolge gefeiert. Er war Anfang der 90er Jahre der erste Australier überhaupt in der italienischen Serie A und ebnete damit den Weg für viele seiner Landsleute.
Allerdings war es ihm nicht vergönnt, an einer FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ teilzunehmen. Doch beim FIFA Konföderationen-Pokal 2001 feierte Okon mit den Australiern Überraschungssiege gegen zwei ehemalige Weltmeisterteams und landete sensationell auf dem dritten Platz.
Unvergessene Momente
Dass Okon das Potenzial für eine außergewöhnliche Laufbahn hatte, wurde gleich zu Beginn seiner Karriere deutlich: Noch als Teenager gewann er in seinen ersten zwei Spielzeiten in der Australian National Soccer League zwei Mal in Folge die Auszeichnung des besten Nachwuchsspielers der Saison. Er führte die australische Auswahl bis ins Halbfinale der FIFA U-20-Weltmeisterschaft 1991 und hatte maßgeblichen Anteil daran, dass die Socceroos ein Jahr später bei den Olympischen Spielen von Barcelona erneut bis ins Halbfinale vorstießen. Okon war ein kultivierter Spieler mit äußerst präzisem Passspiel und einer herausragenden Spielübersicht - der geborene Libero also. Genau auf dieser Position und im defensiven Mittelfeld brachte er seine besten Leistungen.
Nach fünf erfolgreichen Spielzeiten beim Club Brugge wurde Okon 1996 als bester Spieler in Belgien mit dem Goldenen Schuh ausgezeichnet. Er war der erste Nicht-Europäer, der diese Auszeichnung erhielt. Sie vereinfachte sicher seinen Wechsel zum mit Stars gespickten Team von Lazio Rom.
Der Transfer nach Rom war für Okon die Erfüllung seiner Träume. "Ich hatte als Kind immer den italienischen Fussball verfolgt und die Spieler der Serie A waren meine großen Vorbilder. Es war unvergesslich, dass ich die Gelegenheit bekam, dort zu spielen", erinnert er sich.
In seinen vier Spielzeiten in der Serie A, darunter ein Jahr beim AC Florenz, wurde Okon immer wieder durch Verletzungen zurückgeworfen. Dennoch spielte er mit zahlreichen großen Stars seiner Generation zusammen, darunter Gabriel Batistuta, Roberto Mancini, Rui Costa, Marcelo Salas und Christian Vieri, der wie er seine fussballerische Karriere beim Klub Marconi im Südwesten Sydneys begonnen hatte. Auch nach seinem Wechsel in die englische Premier League blieb Okon vom Verletzungspech verfolgt. Zunächst spielte er auf der Insel für den FC Middlesbrough, später dann für Leeds United.
In seiner insgesamt zwölf Jahre währenden internationalen Karriere feierte Okon eine Reihe großer Erfolge, die durchaus als Grundstein für die heutige Stärke der australischen Auswahl gelten können. Okon brachte es nur auf 28 Länderspiele, von denen er allerdings 24 als Kapitän bestritt. Nur fünf australische Spielführer bringen es auf mehr Länderspiele.
Auf die Frage nach den herausragenden Ereignissen seiner Karriere in der Nationalmannschaft antwortet Okon ohne zu zögern. Das eine ist sein Debüt in der Nationalmannschaft, 1991 gegen die Tschechoslowakei. "Das ist etwas ganz besonderes. Man träumt davon wie vom ersten Auto, der ersten Freundin - man vergisst es nie", so Okon über sein Debüt. Das zweite ist die lange Zeit als Kapitän des Teams. "Wenn man als Spielführer seines Landes auf dem Platz steht, dann führt man nicht nur die Mannschaft, sondern die vielleicht 20 Millionen Menschen im ganzen Land. Es ist ein großartiges Gefühl und eine große Verantwortung, die ich gern übernommen habe."
Zwar hatte Australien bereits zuvor einmal gegen einen amtierenden Weltmeister gewonnen (1988 gegen Argentinien), doch bei einem großen Turnier hatte es solch einen Erfolg noch nie gegeben. Das änderte sich beim FIFA Konföderationen-Pokal 2001 in Korea/Japan, als die Australier mit ihrem Kapitän Paul Okon den Franzosen eine überraschende Niederlage zufügten. "Frankreich hatte eine sehr starke Mannschaft. Es fehlten zwar ein paar Spieler, aber trotzdem galten die Franzosen als Favorit auf den Titel", erinnert sich Okon an die Partie, die Australien mit 1:0 gewann.
"Vor dem Spiel haben wir eigentlich selbst nicht daran geglaubt, dass wir die Franzosen schlagen könnten. Wir hofften einfach auf ein gutes Spiel und vielleicht ein Unentschieden. Aber ich denke, dass wir uns den Sieg voll und ganz verdient haben. Unvergesslich ist für mich bis heute der Gesichtsausdruck der Franzosen, als wir unser Tor erzielten, und dann am Ende des Spiels. Sie waren fassungslos und konnten nicht glauben, dass sie tatsächlich gerade gegen uns verloren hatten. Australien war damals im internationalen Fussball nicht so respektiert wie heute. Das ist erst seit der Qualifikation für die WM 2006 so." Das Erfolgsmärchen der Socceroos war indes mit dem Sieg gegen Frankreich nicht beendet. Im Spiel um Platz drei schlugen die Australier keinen Geringeren als Brasilien und beendeten das Turnier in Korea/Japan 2001 so als Dritter.
Sechs Monate später musste Australien im interkontinentalen Playoff in der WM-Qualifikation gegen Uruguay antreten. Nach einem 1:0-Heimsieg im Hinspiel trennte die Australier nur noch ein winziger Schritt von ihrer zweiten WM-Teilnahme. Doch die Uruguayer gewannen das Rückspiel in Uruguay problemlos mit 3:0 und so mussten die Australier die WM im Fernsehen verfolgen. Trotzdem sieht der damalige Kapitän selbst in dieser großen Enttäuschung etwas Positives. "Die Erfahrung half der Mannschaft vier Jahre später, als sie sich - erneut gegen Uruguay - für die folgende WM qualifizierte. Man konnte sich besser vorbereiten und besser an die Erfordernisse anpassen. Letztlich geht es um den Fussball und die ganze Nation, nicht so sehr um den Einzelspieler - diese Einstellung ist wichtig."
Und heute?
Es kann kaum überraschen, dass ein derart kultivierter und aufmerksamer Spieler wie Paul Okon eine Karriere als Trainer in Betracht zieht. Der heute 37-Jährige hat bereits erste vielversprechende Gehversuche gemacht. Beim A-League-Klub Gold Coast United gehört Okon als Assistenztrainer zu einer neuen Generation australischer Trainer, die sich ihre Grundkenntnisse in der heimischen Liga erarbeiten. Daneben hilft Okon als Trainer der australischen U-18-Auswahl auch der nächsten Generation von Nationalspieler auf die Sprünge. Und zusätzlich ist er auch noch als Experte für das Fernsehen tätig. "Spielen und Trainieren sind zwei völlig verschiedene Dinge", so Okons Einschätzung. "Man muss alle möglichen Fähigkeiten mitbringen. Dass ich über Fussball Bescheid weiß, steht fest. Aber hier geht es darum, den Spielern die eigenen Vorstellungen erfolgreich zu vermitteln, damit sie so agieren, wie der Trainer es sich vorstellt."
Position: Verteidiger / Mittelfeldspieler
Klubs: Marconi (Australien), Club Brugge (Belgien), Lazio Rom (Italien), AC Florenz (Italien), FC Middlesbrough (England), FC Watford (England), Leeds United (England), KV Oostende (Belgien), Apoel Nicosia (Zypern), Newcastle Jets (Australien).
Länderspiele: 28 (24 als Kapitän)
Persönl. Auszeichnungen: Australiens U-21-Spieler des Jahres (1990, 1991), Belgiens Spieler des Jahres (1995/96), Ozeaniens Fussballer des Jahres (1996)



