Als ein gewisser Charles Miller 1894 zum wiederholten Male von England nach Brasilien reiste, da hatte er zwei Fussbälle und ein Regelbuch im Gepäck und war fest entschossen, sein neues Lieblingsspiel auch am Amazonas bekannt zu machen. Er hätte sich wohl kaum träumen lassen, welche Leidenschaft er damit im ganzen Land entfachen würde. Während die Popularität des futebol in ganz Brasilien explosionsartig stieg, wurden auch die Derbys bereits zu ganz besonderen Anlässen. Die Zuschauer liebten diese Spiele ganz besonders und kamen in Scharen, um die einzigartigen Emotionen zu erleben, die nur durch sportliche Rivalität entstehen können.
Charles Miller selbst spielte für den São Paulo Athletic Club und nahm mit seiner Mannschaft an einigen der frühesten Klassiker des Landes teil. Doch das älteste brasilianische Derby findet nicht in São Paulo, sondern in Rio de Janeiro statt. Am Sonntag war es wieder so weit. Fast 101 Jahre nach ihrem ersten Aufeinandertreffen bereiteten sich Botafogo und Fluminense darauf vor, wieder die flammende Leidenschaft zu entfachen, die den Clássico Vovô (den Großvater aller Derbys) so besonders machen.
Streit um den Titel
Tatsächlich traten die Teams von Botafogo und Fluminense zum ersten Mal im Oktober 1905 gegeneinander an. Fluminense gewann die Partie mit 6:0. Das erste offizielle Spiel fand hingegen erst am 13. Mai 1906 statt. Fluminense setzte gegenüber dem Freundschaftsspiel sogar noch zwei Tore drauf und gewann dieses Mal mit 8:0. Doch bis zum Beginn der Carioca-Meisterschaft im folgenden Jahr hatte sich die Fogão zu einer ernst zu nehmenden Mannschaft gemausert.
Am Ende der Saison waren die beiden Klubs exakt punktgleich, doch ein vorgeschlagenes Entscheidungsspiel kam nicht zustande. Fluminense erklärte sich daraufhin wegen der knapp besseren Tordifferenz und der leicht besseren Bilanz der direkten Vergleiche selbst zum Meister. Bei Botafogo war man hingegen überzeugt, selbst den Titel verdient zu haben. Tatsächlich gab es erst knapp 100 Jahre später eine Entscheidung in dieser Frage. Die Regierung des Bundesstaates erklärte beide Teams zu gemeinschaftlichen Siegern.
Die Stars des Derbys
Das erste echte Idol des Clássico Vovô war ein Lehrer aus Liverpool namens Henry Welfare, der 1913 aus England ausgewandert war, um in Rio de Janeiro Geographie und Mathematik zu unterrichten. Doch der Mann, den sie "English Tank" nannten, brachte den Gegnern von Fluminense auch einige Lektionen im Fussball bei.
Im Jahr 1918 erzielte er im Derby gegen Botafogo per Kopf den 2:1-Siegtreffer für die Tricolor und stellte damit den Spielverlauf auf den Kopf. Letztlich war dieser Sieg entscheidend dafür, dass sein Team den Titel im Bundesstaat erfolgreich verteidigen konnte. Welfare beendete seine Karriere 1924, nachdem er im Laufe der Saison erneut einen spielentscheidenden Treffer gegen die Fogão markiert hatte.
1957 benötigte Fluminense aus dem letzten Spiel der Carioca-Meisterschaft lediglich ein Unentschieden, um sich den Titel zu sichern. Der Gegner war wieder einmal Botafogo, gegen das man zuvor elf Spiele in Folge nicht verloren hatte. Doch in den Reihen der Schwarz-Weiß-Gestreiften standen diesmal Garrincha und Paulinho Valentim, die beide in überragender Form waren. Der legendäre brasilianische Flügelstürmer zeigte eine seiner besten Leistungen überhaupt, und sein Teamkamerad erzielte nicht weniger als fünf Tore. Dank des 6:2-Erfolges gewann Botafogo den Titel.
Doch Paulinho Valentim war nicht der erfolgreichste Torschütze in der Geschichte der Derbys. Dies war Heleno, der in den 40er Jahren insgesamt 16 Treffer für Botafogo erzielte. Und auch in den Reihen von Fluminense stand mit Waldo ein Akteur, der es (von 1954 bis 1961) auf 16 Tore gegen den Erzrivalen brachte.
Alles offen
Nachdem Flamengo die Taca Guanabara, die erste Phase der Staatsmeisterschaft von Rio de Janeiro, gewonnen hat, müssen nun sowohl Botafogo als auch Fluminense die Taca Rio, die zweite Phase, gewinnen, um sich einen Platz im Finale der Carioca-Meisterschaft zu sichern. Nach vielversprechenden Ergebnissen am vergangenen Wochenende gingen beide Mannschaften mit viel Optimismus in die Partie am Sonntag. Botafogo fegte Friburguense mit 7:0 vom Feld und übernahm damit die Führung in Gruppe A, während Fluminense gegen Cabofriense zu einem 3:1-Sieg kam und damit ebenfalls alle Chancen wahrte.
Alex Dias erzielte beim Sieg Fluminenses zwei Tore und steigerte seine Erfolgsquote in dieser Saison damit auf sechs Treffer in acht Spielen. In der zweiten Runde steht voraussichtlich Carlos Alberto, der 2004 mit dem FC Porto die UEFA Champions League gewann, wieder zur Verfügung, um ihn mit Vorlagen zu versorgen. Bei Botafogo konnte der erfahrene Stürmer Dodo nach einer Verletzung wieder spielen.
Fluminense hat insgesamt die bessere Bilanz der beiden Teams in den bisherigen Derbys aufzweisen, doch im Maracana-Stadion, wo die Partie am Sonntag stattfand, hat Botafogo mehr Spiele gewonnen. Vier der fünf Derbys im Jahr 2006 endeten übrigens unentschieden. Lediglich beim letzten Aufeinandertreffen der beiden Erzrivalen konnte Zé Roberto mit einem Doppelschlag einen 2:1-Sieg für sein Team sichern.
Am Sonntag ging es im ältesten aller brasilianischen Derbys nicht nur um die Ehre, sondern auch um wichtige Punkte im Kampf um den Einzug ins Finale des Campeonato Carioca gegen Flamengo. Als strahlender Sieger ging Botafogo vom Platz. Dank eines Treffers von Mittelfeldspieler Diguinho gewann das Team die Partie mit 1:0.
