Niemand beschrieb die Ursprünge des Fussball-Klassikers zwischen Flamengo und Fluminense besser als der Sportchronist und Dramaturg Nelson Rodrigues, der einst den Ausdruck prägte: "Fla gegen Flu entstand 40 Minuten vor dem Nichts." Dieser pathetische Satz von Rodrigues enthält selbstverständlich alles außer historischer Korrektheit, eignet sich aber bestens, um die Bedeutung zu illustrieren, die der Clássico das Multidões ("Klassiker der Massen") für den brasilianischen und vor allem für den Fussball in Rio de Janeiro hat.
Am Sonntag stehen sich Fla und Flu am achten Spieltag der brasilianischen Meisterschaft erneut gegenüber, doch ganz gleich, welches der Kontext der Begegnung ist: Jedesmal, wenn diese zwei Klubs im Maracanã-Stadion aufeinander treffen, ist auch die Tradition mit dabei. Eine Tradition, die FIFA.com nachfolgend vorstellt.
Der Beginn
Die Entstehung des Klassikers - auch wenn dies erstaunlich klingt - geht sogar auf die Zeit vor dem ersten Aufeinandertreffen zurück, das am 7. Juli 1912 stattfand. Wie ist das möglich? Bis Ende 1911 war der Clube de Regatas do Flamengo in erster Linie ein Wassersportklub mit dem Schwerpunkt Rudern, der noch gar keine Fussballabteilung hatte. Dies änderte sich nach einem Streit in einer anderen Sportinstitution, dem Fluminense Football Club!
Tatsächlich verließen 1911 von einem Tag auf den nächsten neun Stammspieler des damaligen Meisters des Staates Rio de Janeiro ihren Verein, um augerechnet bei Flamengo eine Fussballabteilung zu gründen. Auf diese Weise entstand unter ehemaligen Gefährten die historische Rivalität zwischen Fla und Flu.
Obwohl Fluminense den Kern seines Kaders verloren hatte, konnte es sich bei jenem ersten Aufeinandertreffen mit 3:2 durchsetzen, den Siegtreffer erzielte Barthô in der 77. Minute. 800 Zuschauer zählte dieses erste Derby. Damals eine beachtliche Menge, doch im Vergleich zu den Zehntausenden von begeisternden Anhängern, die schon wenige Jahrzehnte später das monumentale Maracanã-Stadion bis zum Bersten füllen würden, eine verschwindend geringe Anzahl.
Im Jahr des ersten Duells konnten weder der neu gegründete Klub Flamengo noch Fluminense, Meister der ersten vier Staatsmeisterschaften von Rio de Janeiro (1906 bis 1909), den Titel erringen. Doch schon wenige Jahre später in der Saison 1915 entschied dieses Duell über die Meisterschaft, die ein zweites Mal an Flamengo gehen sollte. Seitdem ist der Carioca-Fussball immer eng mit dem Derby Fla-Flu verbunden.
Zahlen und Fakten
Mit dem Gewinn der Staatsmeisterschaft 2009 überholte Flamengo den historischen Rivalen und ist mit nunmehr 31 gewonnenen Titeln - einer mehr als die Tricolores - der Rekordmeister des Bundesstaates Rio de Janeiro. Vor allem dank der goldenen Ära des Rekordtorschützen Zico liegt Flamengo auch in allen anderen Vergleichen vor Fluminense: vier brasilianische Meisterschaften im Vergleich zu einer, zwei brasilianische Pokalsiege im Vergleich zu einem sowie eine Copa Libertadores, die Fluminense noch nie gewinnen konnte.
Im direkten Vergleich lautet die Bilanz nach 368 Duellen in 97 Jahren: 132 Siege für Flamengo (543 Tore) und 118 für Fluminense (499). Erfolgreichster Torschütze des Derbys ist ein gewisser Arthur Antunes de Coimbra, besser bekannt als Zico, mit 19 Treffern. Fluminenses Rekordtorschütze in der Geschichte des Derbys ist Hércules, ein Idol der 30er und 40er Jahre, der 15 Mal erfolgreich war. Die jeweils höchsten Siege in dieser an spannenden und aufregenden Spielen nicht armen Serie waren ein 5:1 durch Fluminense beziehungsweise ein 7:0 von Flamengo im Jahre 1945.
Anekdoten und Sprüche
Die Abkürzung Fla-Flu entstand kurioserweise nicht aufgrund der Rivalität, sondern als Folge einer Gemeinsamkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt. Als der Kader der Carioca-Auswahl bekannt gegeben wurde, der Rio de Janeiro beim brasilianischen Turnier der Bundesstaaten 1925 vertreten sollte, bestand er ausschließlich aus Spielern von Flamengo und Fluminense. Damals prägte der Sportjournalist Mario Filho - dessen Bedeutung sich daran ablesen lässt, dass das Maracanã-Stadion nach ihm benannt wurde - den Begriff der "Fla-Flu-Auswahl". Was eine abwertende Bezeichnung sein sollte, wurde bald äußerst populär, denn diese Auswahl krönte sich zum brasilianischen Meister.
In den ersten 13 Jahren der Existenz des Maracanã-Stadions kam es nicht ein einziges Mal zu einem Meisterschaftsfinale zwischen Flamengo und Fluminense. Das erste im Palco de las Multitudes fand schließlich 1963 statt, damals reichte den Rot-Schwarzen ein torloses Unentschieden zum Gewinn des Carioca-Titels. Nicht weniger als 177.656 zahlende Zuschauer fanden damals den Weg in das Stadion, die größte Zuschauerzahl in der Geschichte des Klassikers und eine der größten aller Zeiten. Doch diverse Schätzungen gehen davon aus, dass insgesamt sogar mehr als 194.000 Personen anwesend waren.
Viele Spieler haben in diesem Derby Geschichte geschrieben, angefangen mit Leonidas da Silva und Júnior auf Seiten Flamengos bis hin zu Tele Santana und Rivelino für Fluminense. Es gab auch zahlreiche Spieler, die für beide Mannschaften brillierten, wenn auch wenige so prominent waren wie Renato Gaucho. Das Idol der Flamengo-Anhänger in den 1980er Jahren sorgte 1995 - allerdings auf Seiten Fluminenses - für einen der denkwürdigsten Momente des Derbys. Nachdem Fla mit 0:2 in Rückstand geraten war, gelang nach spektakulärer Aufholjagd zunächst noch der Ausgleich. Die Anhänger feierten bereits den Titel, als eine Flanke von Ailton den einschussbereiten Renato fand, der den Ball mit dem Bauch ins Tor beförderte! Das 3:2 beendete jäh die rot-schwarzen Feierlichkeiten.
Die Gegenwart
Auch wenn Fluminense 2007/08 eine der erfolgreicheren Perioden der jüngeren Geschichte hatte - Gewinn des ersten brasilianischen Pokals 2007 und Finale der Copa de Libertadores 2008, das erst nach Elfmeterschießen verloren wurde - ist Flamengo momentan das konstantere Team: es gewann die Staatsmeisterschaft von Rio de Janeiro und setzte sich außerdem auch im ersten Klassiker des Jahres durch (1:0 durch einen Treffer von Juan).
Beide Mannschaften habe in ihren Reihen einen Top-Stürmer, der bei der FIFA WM 2006 dabei war: Adriano für Flamengo und Fred für Fluminense. Für beide Teams steht einiges auf dem Spiel: während sich die Tricolores unter der Leitung des prominenten Trainers Carlos Alberto Parreira im Niemandsland der Tabelle auf dem elften Rang befinden und unbedingt verbessern müssen, könnte Flamengo mit einem Sieg bis auf die internationalen Plätze vorstoßen. Doch abgesehen von der Bedeutung der Punkte geht es natürlich vor allem um eines: um die Herrschaft über jene 40 Minuten vor dem Nichts.
