Auch wenn das Lokalderby zwischen Peñarol und Nacional Montevideo vielleicht nicht zu den ganz großen Klassikern zählt, so verleiht ihm allein die Tatsache, dass es außerhalb der britischen Inseln als das älteste im Weltfussball gilt, einen eher exklusiven Charakter. FIFA.com wirft einen Blick auf die Geschichte dieses außergewöhnlichen Derbys, das am kommenden Sonntag, 24. Mai, im Rahmen des 16. Spieltages der uruguayischen Apertura-Meisterschaft die nächste Auflage erlebt.

Der Beginn
Die Entstehung dieser Rivalität beruhte im Wesentlichen auf einer sozialen Komponente. Am 28. September 1891 gründeten Angestellte und Arbeiter der Uruguayischen Eisenbahngesellschaft, bei denen es sich mehrheitlich um Engländer handelte, den Central Uruguay Railway Cricket Club (CURCC). Später wurde der neu gegründete Verein nach dem Stadtteil, in dem das Eisenbahnunternehmen angesiedelt war, einfach nur Peñarol genannt. Die Vereinsfarben Gelb und Schwarz entsprachen den damals von der Eisenbahn verwendeten Signalfarben.

Die Gründung des Club Nacional de Football hingegen stand im engen Zusammenhang mit dem Nationalisierungsprozess, der seinerzeit das Land am Rio de la Plata erfasst hatte. Nacional entstand am 14. Mai 1889 durch den Zusammenschluss zweier bis dahin selbstständiger Vereine, deren Mitglieder aus der ersten Generation uruguayischer Studenten kamen. Deshalb konstituierte sich der neue Verein auch als "kreolische Alternative" zu den bereits bestehenden Klubs, die sich in der Regel aus Ausländern rekrutierten. In Anlehnung an den uruguayischen Nationalhelden José Gervasio Artigas, der einst unter einer blau-weiß-roten Fahne für die nationale Unabhängigkeit des Landes gekämpft hatte, wählte man für den neuen Verein die gleichen Farben.

Im ersten Duell zwischen den rivalisierenden Klubs, das am 15. Juli 1900 stattfand, behielt CURCC mit 2:0 die Oberhand. Als der Klub am 13. Dezember 1913 auch offiziell die Bezeichnung Peñarol annahm, waren beide Mannschaften bereits über 50 Mal aufeinander getroffen. Wohl vor allem deshalb sah sich ein uruguayischer Journalist schon im Jahr 1908 zu der Feststellung veranlasst, dass beide Mannschaften für "alle Ewigkeit erbitterte Rivalen bleiben werden..."

Zahlen und Fakten
Die Anzahl aller bisherigen Begegnungen seit dem Jahr 1890 ist beachtlich: 494 Partien, von denen die Gelb-Schwarzen 179 für sich entschieden (637 Tore), während die Tricolores 159 Mal erfolgreich waren (591 Treffer). In 156 Fällen endete das Derby jeweils mit einem Remis. Demnach haben die Anhänger von Peñarol allen Grund, stolz auf ihren Klub zu sein, denn mit Ausnahme der Zeit, als es in Uruguay noch keine Profi-Liga gab, hat ihr Verein in der Statistik die Nase vorn.

Im Gegenzug können die Fans von Nacional auf ein paar andere Superlative verweisen: Im Jahr 1941 fuhr ihre Mannschaft mit 6:0 den bislang höchsten Sieg über den Erzrivalen ein, und Atilio García hält mit 34 Derby-Treffern auch den bisherigen Torrekord. Außerdem weist Nacional bei den gewonnenen Finalspielen in der uruguayischen Meisterschaft (17 zu 10) ebenso die bessere Bilanz auf wie bei der höchsten Siegesserie in Ligaspielen (zwischen 1939 und 1943 triumphierte Nacional zehn Mal in Folge).

Über die eigentlichen Derbys hinaus spiegelt sich die Rivalität zwischen beiden Vereinen auch in der Anzahl ihrer Erfolge wider: Seit Einführung der Profi-Liga gewannen beide insgesamt 66 Meistertitel (Peñarol 36 und Nacional 30), acht Mal die Copa Libertadores (5 bzw. 3) und jeweils drei Mal den Interkontinental-Pokal.

Anekdoten und Sprüche
Einen besonderen Platz in dieser Kategorie nimmt bis heute die als "Koffer-Derby" in die Geschichte eingegangene Begegnung vom 25. Mai 1934 ein. Damals standen sich Peñarol und Nacional im Finale des uruguayischen Pokalwettbewerbs gegenüber. Beim Spielstand von 0:0 überschritt der Ball infolge einer missglückten Flanke die seitliche Außenlinie und sprang dort vom Koffer des Masseurs von Nacional wieder auf das Spielfeld zurück. Daraufhin schnappte sich ein Spieler von Peñarol das Leder und beförderte es kurzerhand ins gegnerische Netz. Weil der Treffer jedoch vom Schiedsrichter nicht anerkannt wurde, kam es zu tumultartigen Szenen, in deren Folge zwei Spieler von Nacional des Feldes verwiesen wurden. Später wurde das Pokalfinale wegen der hereinbrechenden Dunkelheit abgebrochen. Am 27. August wurde die Partie dann beim gleichen Spielstand nachgeholt. Nacional verteidigte mit acht Feldspielern das torlose Remis und erzwang somit ein Entscheidungsspiel, in dem man sich dank eines 3:2-Erfolgs den Pokalsieg sicherte.

Ein weiteres denkwürdiges Datum für Nacional ist der 14. Dezember 1941, als man den bereits erwähnten 6:0-Kantersieg über den Erzrivalen bejubeln konnte. Da die Reservemannschaft am gleichen Tag ebenfalls mit 4:0 gewann, ging dieses Datum als "Tag des 10:0" in die Vereinsgeschichte ein. Allerdings landete auch Peñarol im Jahr 1911, als der Klub noch als CURCC bekannt war, einen 7:3-Sieg, und das auch noch auswärts.

Im Oktober 1949 führte Peñarol gegen Ende der ersten Halbzeit mit 2:0 und hatte zudem zwei Spieler mehr auf dem Platz. Als Nacional jedoch nicht mehr zur zweiten Halbzeit antrat, gaben die Gelb-Schwarzen diesem Spiel fortan den Namen "Klassiker der Flucht". "Die ganze Zeit hatte es geregnet, doch sobald der Schiedsrichter uns zum Sieger erklärt hatte, kam die Sonne heraus!", sagte einmal der unvergessene Alcides Ghiggia über jene Partie.

Zwischen 1971 und 1973 blieb Nacional in 16 Duellen gegen Peñarol ohne Niederlage, sieben dieser Partien konnte das Team gewinnen. Unter anderem war man auch in der Gruppenphase der Copa Libertadores 1971 erfolgreich, bei der man damals zum ersten Mal überhaupt vertreten war. Im 100. Derby seit Einführung der Profi-Liga, das im Jahr 1975 über die Bühne ging, behielt indes wieder Peñarol die Oberhand.

Aus den 80er Jahren haben die Fans von Peñarol vor allem die Copa de Oro de los Grandes in Erinnerung behalten. Dabei handelte es sich um eine Serie von acht Spielen gegen Nacional, die für beendet erklärt wurde, als Peñarol von den ersten sechs Partien fünf für sich entschieden hatte.

Ähnliches gilt für die Zeit seit den 90er Jahren bis heute. Peñarol gewann seither drei von vier Meisterschaftsfinals, in denen sich die beiden Rivalen direkt gegenüberstanden. Dafür kann Nacional für sich in Anspruch nehmen, das erste Derby für sich entschieden zu haben, das in Europa stattfand: Im Rahmen der in Spanien ausgetragenen Copa Teresa Herrera 2005 setzte man sich mit 3:1 gegen den ewigen Rivalen aus der Heimat durch.

Die Gegenwart
Zurzeit wandeln beide Klubs auf höchst unterschiedlichen Pfaden. Während Nacional die Clausura-Meisterschaft 2008 gewann und inzwischen das Viertelfinale der Copa Libertadores erreicht hat, wartet Peñarol schon seit fünf Jahren vergeblich auf einen weiteren Titel. Und im prestigeträchtigsten Vereinswettbewerb Südamerikas schied man bereits in der ersten Runde aus. Doch Gerardo Pelusso, aktuell Trainer des Erzrivalen, relativiert das Ganze: "Bei einem Derby zählen weder Statistik noch irgendwelche Prognosen. Das sind stets Begegnungen der besonderen Art, zumal dabei der Stolz und die Ehre jeder Mannschaft auf dem Spiel stehen. Deshalb gibt es auch keinen Favoriten. Dies gilt auch für das bevorstehende Duell."