Unberechenbar, magisch, schwer fassbar, explosiv - das sind nur einige der Ausdrücke, mit denen man versucht hat, Brasiliens Liebling Garrincha zu beschreiben, einen der besten Rechtsaußen, der je das berühmte gelbe Trikot getragen hat. Mit seinen legendären Dribblings und seinem Torriecher war er unverzichtbarer Bestandteil der brasilianischen Nationalelf, die 1958 und 1962 den FIFA-Weltpokal™ gewann.

Wenn Pelé von seinen brasilianischen Landsleuten als der technisch begabteste Spieler aller Zeiten gerühmt wird, so dürfte Garrincha wegen seiner Frechheit und seines Erfindungsreichtums für immer unvergessen bleiben. Mit seinem wagemutigen, temperamentvollen und unterhaltenden Spiel begeisterte der kleine Stürmer die Zuschauer in aller Welt.

"Der Chaplin des Fussballs"
Dabei hatte es das Leben mit Manuel Francisco Dos Santos - so lautete Garrinchas eigentlicher Name - nicht immer gut gemeint: Seine Kindheit war ein ständiger Kampf gegen all die Hindernisse, die sich zwischen ihm und seiner Liebe zum Fussball auftürmten. Als Junge, der in einem Armenviertel von Rio aufwuchs mit einem Bein, das volle sechs Zentimeter kürzer war als das andere, standen seine Chancen auf eine Fussballkarriere gleich Null. Und in späteren Jahren ignorierte er als Jugendlicher den Rat der Ärzte, mit dem Fussball aufzuhören, da sein Bein bei einer als Korrektur gedachten Operation noch weiter geschädigt worden war. Seinen berühmten Spitznamen "Garrincha" (Kleiner Vogel) erhielt er, als ihn einer seiner älteren Brüder - die Familie hatte 16 Kinder - nach einem der hässlichsten Vögel benannte, die das Gebiet am Mato Grosso bevölkern. "Ein dürrer, säbelbeiniger Krüppel mit einer verrenkten Wirbelsäure", so beschrieb man ihn als Kind.

Mit nahezu übermenschlicher Beharrlichkeit ließ sich der "Kleine Vogel" durch nichts und niemanden von einer Karriere als Fussballprofi abhalten. Nachdem ihn verschiedene Klubs wegen seines missgebildeten Äußeren abgelehnt hatte, bekam er 1953 schließlich doch eine Chance bei Botafogo Rio de Janeiro - und zwar auf Anraten des Botafogo-Spielers Gentil Cardoso, den der o-beinige Jugendliche in einem Testspiel schwindlig gespielt hatte.

Mit seinem ersten Profivertrag in der Tasche konnte Garrincha endlich sein ganzes Repertoire an Tricks auf den Flügeln zeigen - und schon bald narrte er seine Gegenspieler aus purer Freude am Spiel mit Zickzack-Läufen und unnachahmlichen Tempowechseln. Die technikbegeisterten brasilianischen Fans liebten seine immer neuen Dribblings, Finten und Körpertäuschungen, mit denen er selbst die besten Verteidiger in den Wahnsinn trieb. Aus dieser Zeit stammen auch seine Spitznamen "Der Chaplin des Fussballs" und "Der Stolz des Volkes".

Von welchem Planeten kommt Garrincha?
Kurze Zeit später erhielt Garrincha seine erste Berufung in die Nationalmannschaft: Er gab sein Debüt am 18. September 1955 gegen Chile (1:1). Insgesamt spielte er 50 Mal für Brasilien und erzielte dabei zwölf Tore; außerdem schoss er in einem Dutzend Einsätzen bei FIFA-Weltpokalen fünf Tore. Nur fünf Jahre nach seinem Debüt in der ersten brasilianischen Liga wurde er beim FIFA-Weltpokal Schweden 1958™ Fussballweltmeister - und holte damit den ersten von bisher fünf Weltmeistertiteln für Brasilien. Neben ihm spielten in dieser großartigen Mannschaft Männer wie Didi, Vavá, Maria Zagallo und ein frühreifer 17-jähriger namens Pelé, der sich erst kurz zuvor in die Schlagzeilen gespielt hatte. Vincente Feolas Auriverde vollbrachten auf ihrem Weg zum Weltmeistertitel noch weitere, nie dagewesene Leistungen: Sie waren das erste Team, das auf einem fremden Kontinent den Cup holte, und das erste Team, das im gesamten Turnier ungeschlagen blieb.

Garrinchas größte Stunde sollte vier Jahre später schlagen, beim FIFA-Weltpokal Chile 1962™: Nachdem Trainer Aymore Moreira aufgrund einer Verletzung Peles auf ihn zurückgreifen musste, spielte der ungelenk wirkende Stürmer so gut, dass man ihn zum besten Spieler des Turniers wählte. Garrincha bedankte sich für Moreiras Vertrauen mit einer Reihe außergewöhnlicher Leistungen und vier entscheidenden Toren (die ihn nebenbei zum geteilten Torschützenkönig des Turniers machten).

"Von welchem Planeten kommt Garrincha?", fragte die chilenische Zeitung Mercurio, nachdem Brasilien die Gastgeber im Halbfinale ausgeschaltet hatte. Nachdem er zwei Mal in Folge den FIFA-Weltpokal gewonnen hatte, war der Name Garrincha Fussballfans in aller Welt ein Begriff. Viele Menschen halten ihn bis heute für den zweitbesten Spieler, den Brasilien je hervorgebracht hat - nach dem viermaligen FIFA-Weltpokal-Gewinner Pelé.

Der Abstieg des Meisters
Garrinchas letzter Auftritt bei einer Weltmeisterschaft fand beim FIFA-Weltpokal England 1966™ statt, wo er auch diesmal wieder dem staunenden Publikum einige seiner Geniestreiche präsentierte. Leider war Vicente Feolas brasilianische Elf bei diesem Turnier nur ein Schatten des Teams, das vier Jahre zuvor in Chile den Weltmeistertitel geholt hatte - und Niederlagen gegen Ungarn und Portugal sorgten dafür, dass die Mannschaft schon nach den Gruppenspielen nach Hause fahren konnte. Garrincha spielte in allen drei Begegnungen und erzielte ein Tor bei Brasiliens einzigem Sieg gegen Bulgarien.

Das Phänomen Garrincha beeinflusste nicht nur die Welt des Fussballs nachhaltig - der Spieler tauchte, ohne es zu ahnen, in den Werken vieler lateinamerikanischer Schriftsteller auf. So beschrieb ihn Eduardo Galeano, einer der renommiertesten Schriftsteller Südamerikas und bekennender Fussballfan, in seinem Buch Der Ball ist rund mit folgenden Worten: ""Wenn er spielte, wurde der Fussballplatz zur Zirkusmanege und der Ball zum gezähmten Tier, das Spiel eine Einladung zum Feiern. Garrincha ließ sich den Ball nicht abnehmen, wie ein Kind, das sein Spielzeug verteidigt. Das Leder und er trieben Schabernack, dass sich die Zuschauer bogen vor Lachen: Er sprang über es hinweg, es hüpfte über ihn, es versteckte sich, er lief ihm weg, es trieb ihn vor sich her. Unterwegs stießen die Gegenspieler zusammen, verhakten sich mit den Beinen, bekamen Schwindelanfälle oder fielen auf den Hosenboden."

Als Vereinsspieler erlebte Garrincha seine besten Zeiten bei Botafogo, wo er in zwölf Jahren zwei Sao Paulo-Meisterschaften und drei Mal die Torneo Carioca gewann und fast 250 Tore erzielte. 1966 wechselte er zu Corinthians Sao Paulo und spielte danach auch noch in Kolumbien und Frankreich, doch zu dieser Zeit war er schon über den Höhepunkt seines Könnens hinaus.

"Engel mit krummen Beinen"
Sein ganzes Leben lang war der unbezähmbare "Engel mit krummen Beinen" (wie ihn ein brasilianischer Dichter getauft hatte) nicht gerade vom Glück verfolgt, denn auch wenn er seine körperlichen Schwächen überwinden konnte, so schien er nicht in der Lage, seine Süchte und Laster zu kontrollieren. Die Fähigkeit, auf dem Platz allen Attacken zu entkommen, verließ ihn scheinbar nach Anbruch der Dunkelheit - und gegen Ende seiner Karriere musste er seiner erklärten Trunksucht und den vielen rauschenden Festen Tribut zollen. Obdachlos und von schwerer Leberzirrhose gezeichnet, starb der Fussballkünstler im Alter von nur 49 Jahren. Seine sterblichen Überreste wurden im Maracanã-Stadion aufgebahrt, wo Tausende Fans ihrem Idol die letzte Ehre erwiesen. Eingehüllt in eine Botafogo-Fahne brachte man seinen Sarg danach zu seiner letzten Ruhestätte.

Auf dem Friedhof, auf dem Garrincha beerdigt ist, steht ein kleines Denkmal, dass die große Zuneigung der Brasilianer für ihren zweifachen Weltmeister zum Ausdruck bringt. Die Inschrift darauf lautet: "Er war ein liebes Kind / Er sprach mit den Vögeln".