Wenn die Reporter Mitte der 60er Jahre der Familie Coimbra im Außenbezirk Quintino Bocaiúva im Norden Rio de Janeiros einen Besuch abstatteten, war es an der Tagesordnung, dass sie die Brüder Edu (linker Flügelspieler bei América) und Antunes (Stürmer bei Fluminense) fragten, wer nun der Bessere von beiden sei. Die Antwort war immer dieselbe.

Edu verwies den Reporter an seinen jüngsten Bruder Arthur und schickte ihn einmal um den Block auf die Suche, wenn dieser nicht gerade direkt vor dem Haus Fussball spielte. Irgendwo dort war das Juwel immer zu finden, auf der Straße, wo er es mit den älteren Jungs aus der Nachbarschaft aufnahm.

Edu schrieb bei América Geschichte, einem der Traditionsvereine von Rio de Janeiro, und war auch eine Zeit lang in der Nationalelf aktiv. Sein Bruder Antunes machte damals bei Fluminense Furore. Zwei solche Fussballtalente wären für jede brasilianische Familie wohl schon etwas ganz Besonderes.

In diesem Fall sollte die Zukunft aber noch viel mehr Ruhm und Ehre bringen, wie der Flügelspieler selbst gern betonte: "Der Beste kommt erst noch." Es war nur eine Frage der Zeit, bis aus dem jüngeren Bruder Arthur der berühmte "Zico" wurde, der die Fangemeinde von Flamengo und die gesamte Fussballwelt jahrzehntelang begeisterte.

"Es hilft natürlich, wenn man in seiner Familie zwei Fussballer hat, die schon alles durchgemacht haben, was einem selbst noch bevorsteht. Ich konnte ihre Karrieren aus nächster Nähe verfolgen und habe mir all ihre Trainingseinheiten und Spiele angeschaut. Wenn ich nicht weiter kam, habe ich mich immer an meine Brüder gewandt", berichtet Zico im Interview mit FIFA.com. "Aber einmal abgesehen davon, habe ich den Fussball einfach immer geliebt."

Flamengo in der Wiege
Zico spielte schon immer gern Fussball und war auch schon seit jeher Fan von Flamengo. Beides wurde ihm wohl in die Wiege gelegt. Er war das jüngste von sechs Geschwistern, fünf davon Jungs. Der Vater war der portugiesische Immigrant Tondela José Antunes Coimbra, einer der Gründer des Klubs Gávea, der selbst mit einer Karriere als Profitorwart liebäugelte.

"Jedes Kind bekam ein Trikot der brasilianischen Nationalelf und eins von Flamengo. Da ich der letzte in der Reihe war, war nur noch das Trikot mit der Nummer acht übrig", berichtet Zico, der später bei Flamengo mit der Nummer zehn zur Legende wurde. "Wir hatten eine Fahne im Haus, unser Hund hieß Mengo [Kurzform von Flamengo], unser Vogel war ein Kardinal, wegen der rot-schwarzen Färbung... solche Dinge eben."

Die Brüder bemerkten Zicos Talent sofort und begannen die Werbetrommel für ihn zu schlagen. Im Alter von 14 Jahren bestritt er ein Spiel für América, erhielt aber, bevor er sich endgültig an den Klub band, doch noch das heiß ersehnte Angebot von Flamengo. "Ich war zu einem Test eingeladen und dann ergab sich die Möglichkeit, zu Flamengo zu gehen. Da brauchte ich natürlich nicht lange zu überlegen. Mein Bruder Edu hatte sich zwar bei América schon sehr für mich eingesetzt, aber er hat meine Entscheidung verstanden, genauso wie die Vereinsführung. Das war einfach eine Herzensangelegenheit."

Bei Flamengo musste Zico zwei Jahre warten, bis er 1969 die erste Meisterschaft mit der Nachwuchsabteilung bestreiten durfte. Damals war er 16 Jahre alt. "Damals war es schwieriger für die Jungs. Man kam erst einmal in die Fussballschule und hatte dort Mitspieler, die bis zu drei Jahren älter waren als man selbst. Die Unterschiede waren sehr groß", erinnert er sich. Als er sich dann entwickelte und höher hinaus wollte, war er zunächst mit weiteren Problemen konfrontiert. "Ich hatte zunächst gute Aussichten, aber dann begegnete man mir mit Misstrauen, weil ich so dünn war."

Nicht stark genug?
Aber dieser Spieler war so talentiert, dass der Verein in ein für damalige Zeiten innovatives Programm zur Stärkung der Muskulatur investierte. "Ich hatte noch von keinem anderen Fall gehört, in dem dies gemacht wurde", bestätigt Zico, der das Programm unter Anleitung der Ärzte José de Paula Chaves und José de Paula Chaves Filho sowie des Krafttrainers José Roberto Francalacci absolvierte. "So hat man praktisch einen Biotyp vorweggenommen, zu dem ich mich wahrscheinlich ohnehin entwickelt hätte, aber vielleicht erst etwas später."

So war Zico schließlich körperlich fit und fühlte sich im Verein gut aufgehoben. Seinen Einstand in der A-Mannschaft feierte er 1971 mit einer Vorlage beim Sieg gegen Vasco da Gama im Campeonato Carioca. Jetzt konnte es richtig losgehen. Und so kam es auch: "Ich glaube, ich hab' die Bälle genommen, wie sie gerade kamen. Schließlich ist die Physis nicht alles. Es hilft auch nichts, wenn man kräftig ist und sonst nichts kann. Aber man kann wohl sagen, dass ich selbstsicherer geworden bin."

Zico bestach vor allem mit perfekten Freistößen, sicheren und schnellen Abschlüssen, hervorragender Technik und Spielübersicht. Unter seiner Führung gewann Flamengo sechs Mal die Meisterschaft des Bundesstaates Rio de Janeiro, drei Mal die brasilianische Meisterschaft, die Copa União (1987) sowie die Copa Libertadores und den Interkontinental-Pokal (beides 1981).

"Das Gute war, dass wir es geschafft haben, eine tolle Mannschaft mit vielen Talenten zusammenzustellen, in der zwei oder drei verschiedene Generationen vereint waren", erklärt er. "Alle kannten sich und den Verein, die meisten kamen aus dem eigenen Nachwuchs und, was vielleicht am wichtigsten ist, alle hatten viel Potenzial. Wir hatten das Privileg, in kurzer Zeit mehr Titel zu holen, als Flamengo in der gesamten bisherigen Vereinsgeschichte geholt hatte. Als Fan war es einfach toll, in dieser Phase dabei zu sein. Bis dahin hatte ich nur wenige Titel gefeiert. Am liebsten wäre ich zu meiner Zeit als Spieler einfach nur Fan gewesen", meint er scherzhaft.

Rio de Janeiro, Udine, Sarrià
Der Klub holte einen Titel nach dem anderen, nur in den Spielzeiten 1983/84 und 1984/85 war eine kleine Pause zu verzeichnen. Zu dieser Zeit stand der Spielmacher in Italien bei Udinese Calcio unter Vertrag und leistete einen erheblichen Beitrag dazu, dass aus dem eher bescheidenen Verein innerhalb kürzester Zeit eine Fussballmacht wurde. In seinem ersten Jahr in Italien griff er mit seinem Team bereits in den Kampf um die Meisterschaft und die Plätze im europäischen Wettbewerb ein, aber dann wurde er kurz vor Schluss von einer Verletzung gestoppt.

Zico war fünf Spieltage lang zum Zuschauen verdammt, und in dieser Zeit fiel Udinese in der Tabelle zurück und beendete die Saison schließlich auf Platz neun. "Dort spielten viele Stars aus der ganzen Welt. Zu dieser Zeit waren die Augen der gesamten Fussballwelt auf Italien gerichtet. Das war ein sehr gutes Jahr, das mir noch einmal viel Bestätigung gegeben hat, weil ich die Erwartungen in einem anderen Land erfüllen konnte."

Mit der Seleção hat Zico drei FIFA Fussball-Weltmeisterschaften bestritten: 1978 in Argentinien, 1982 in Spanien und 1986 in Mexiko. Sein bestes Ergebnis war der dritte Platz bei der ersten Teilnahme. Das ist allerdings nicht die Auflage, die den brasilianischen Fans am lebhaftesten in Erinnerung geblieben ist. Vier Jahre später ließ eine fantastische Mannschaft das ganze Land auf den großen Erfolg hoffen. Die Gegner wurden ein ums andere Mal mit einem einzigartigen, schön anzusehenden Fussball in die Schranken verwiesen. Aber dann traf man im Estádio Sarrià auf die hoch motivierten Italiener mit ihrem damaligen Star Paolo Rossi und musste sich mit 2:3 geschlagen geben.

"Es ist immer wichtig, der Nachwelt etwas zu hinterlassen", erklärt der Spielmacher der Auswahl von Telê Santana, die sich in der zweiten Runde geschlagen geben musste. "Aber für einen Profi ist natürlich der Titelgewinn das Allerwichtigste. Ich bin froh, dass ich in einer solchen Mannschaft spielen durfte. Man erinnert sich überall an uns. Aber wirklich glücklich wäre ich natürlich über den Titelgewinn gewesen."

Eine Legende
1986 erlebte Zico mit der Seleção eine weitere Enttäuschung. Im Viertelfinale musste man sich nämlich im Elfmeterschießen gegen Frankreich geschlagen geben. Zico selbst war bei diesem Wettbewerb physisch weit von seiner Top-Form entfernt, da er sich gerade von einer schweren Knieverletzung erholt hatte. So verschoss er im Spielverlauf einen entscheidenden Elfmeter. Insgesamt war das ein merkwürdiger Fussballabend für die großen Stars, denn während des Elfmeterschießens vergaben auch Michel Platini und Sócrates ihre Elfer.

Der Routinier setzte seine Karriere bis 1990 bei Flamengo fort. Danach ging er nach Japan, wo er seiner Lieblingssportart zu größerem Ansehen verhalf und den Übergang zum Profi-Fussball mitgestaltete (1991 bis 1994). In Japan übernahm er auf dem Spielfeld und abseits davon absolute Vorbildfunktion. Er half beim Aufbau der soliden Struktur, mit der die Kashima Antlers sich zur nationalen Fussballmacht entwickelt haben. Zico genießt im gesamten Land größte Hochachtung.

Der Star hat im Leben viel erreicht. Aber bei allen Pokalen, Ehrungen und großen Erinnerungen ist er tief im Innern wohl noch immer der Junge geblieben, der in den Straßen von Quintino spielte. Das wird im Gespräch mit FIFA.com deutlich, als er sagt, er wolle einfach nur als "ein Typ in Erinnerung bleiben, der mit Liebe bei der Sache war und viel trainiert hat - der den Sport immer sehr ernst genommen und versucht hat, sich zu verbessern. Ein Typ, der immer sauber gespielt und sich mit Leib und Seele dem Fussball verschrieben hat."