Er überlebte den fürchterlichen Flugzeugabsturz von München, er
gewann den FIFA-Weltpokal™, er trägt den Titel "Knight of the
British Empire" und er war vor allem ein wirklich überragender
und überragend ehrlicher Spieler. Bobby Charlton ist tatsächlich
einer der "größten Botschafter des englischen Fussballs".
"Sir Bobby", wie er offiziell und auch liebevoll
genannt wird, ist einer der ersten drei englischen
Nationalspielern, die über 100 Länderspiele bestritten, und dabei
stets den Ruf genossen, alles richtig zu machen. Billy Wright, der
in 90 Länderspielen die englische Kapitänsbinde trug, war der erste
Engländer, der die magische Zahl von 100 Einsätzen erreichte (in
den fünfziger Jahren). Charlton und Bobby Moore, die den
FIFA-Weltpokal™ 1966 auf eigenem Boden gewannen, sollten folgen.
Wright und Moore waren Defensivspieler, während Charlton ein
offensiverer Spieler war, der zunächst auf den Flügeln und später
dann als Mittelstürmer glänzte. Alle drei genossen in der
Fussballwelt hohes Ansehen als ernsthafte und harte, aber immer
faire Gegner.
Die größten Stärken von Bobby Charlton waren seine
Schnelligkeit und Beweglichkeit. Er verlagerte sein Spiel immer
mehr in die Mitte und entwickelte sich zum Dreh- und Angelpunkt der
englischen Offensive. Seine technischen Stärken und seine
Fähigkeit, genaue Pässe über das ganze Feld zu spielen, wurden
durch seine Spielübersicht ideal ergänzt, so dass er seine
Mitspieler aus dem zentralen Mittelfeld heraus immer wieder perfekt
bedienen konnte. Trotz seiner relativ kleinen Statur (1,73 m)
verfügte er über einen strammen Schuss, und so erzielte er auch
nahezu in jedem zweiten Länderspiel ein Tor für England - für einen
offensiven Mittelfeldspieler ein unglaublich hoher Schnitt, den er
in seinen 105 Länderspielen erreichte. Mit 49 Länderspieltoren hält
er bis heute den englischen Rekord, ein Tor vor Gary Lineker, der
allerdings reinrassiger Stürmer war. Nur Torhüter Peter Shilton
brachte es bislang auf mehr Länderspiele für England.
Triumphe und Tragödien
Zunächst spielte Charlton in der Schulauswahl von
East Northumberland. Dort fiel er Joe Armstrong auf, dem
Talentspäher von Manchester United. Auch andere Vereine hatten den
talentierten jungen Mann auf ihrer Wunschliste, doch am Ende gelang
es Matt Busby, dem Trainer von Manchester United, Charltons
Unterschrift zu bekommen. So verließ Charlton seine Heimat im
Nordosten des Landes und ging im Juli 1953 nach Manchester. Nachdem
er zunächst noch einige Zeit in einer Maschinenfabrik in der Nähe
von Old Trafford gearbeitet hatte, unterschrieb er mit 17 seinen
ersten Profivertrag. Im Oktober 1956, als er 19 wurde, bestritt
Charlton sein erstes Spiel mit der A-Mannschaft gegen Charlton
Athletic - und erzielte gleich zwei Tore.
Manchester United gewann in dieser Saison die Meisterschaft.
Daran hatte Charlton auf der linken Außenbahn mit 10 Treffern in 14
Spielen erheblichen Anteil. Die außerordentlich junge Mannschaft,
"Busby Babes" genannt, stieß außerdem bis ins Finale des
FA Cup vor und erreichte das Halbfinale im Europapokal. Doch dann
schlug das Schicksal zu. Am 6. Februar 1958 verloren bei einem
Flugzeugabsturz in München acht Spieler des Teams ihr Leben. Der
gerade 20-jährige Charlton wurde mit seinem Sitz aus dem Flugzeug
geschleudert und überlebte ohne größere körperliche Verletzungen -
doch die seelischen Schäden, die der tragische Verlust so vieler
Teamkameraden verursachte, waren kaum zu ermessen.
Busby baute seine Mannschaft so gut wie möglich um den
Eckpfeiler Charlton herum neu auf. Im Jahre 1963 kehrte der Erfolg
nach Old Trafford zurück: Manchester United gewann den FA Cup und
in den Jahren 1965 und 1967 jeweils die englische Meisterschaft. Im
folgenden Jahr erlebte Bobby Charlton seinen größten Erfolg mit dem
Verein: 10 Jahre nach der Tragödie von München schlug Manchester im
Europapokalfinale im Wembley-Stadion Benfica Lissabon mit 4:1 und
wurde damit zum ersten englischen Verein, der diesen Pokal gewann.
Für Charlton (der das erste und das vierte Tor für Manchester
erzielte) sowie für Busby und Billy Foulkes, den einzigen anderen
Überlebenden des Flugzeugabsturzes, der noch in der Mannschaft
stand, war dies ein ungeheuer ergreifender Moment.
Der Beginn
Ursprünglich spielte Bobby Charlton auf dem linken
Flügel. In der Nationalmannschaft hingegen debütierte er am 19.
April 1958 auf der rechten Seite im defensiven Mittelfeld. Wie bei
seinem ersten Spiel für Manchester war er auch hier erfolgreich: im
Hampden Park wurde der Erzrivale Schottland mit 4:0 abgefertigt,
wobei Charlton sein Debüt mit einem Treffer krönte. "Ich kann
mich noch jetzt genau an das Geräusch erinnern, das der Ball
machte, als er ins Netz einschlug", sagt Charlton.
Zum FIFA-Weltpokal™-Turnier nach Schweden 1958 fuhr Charlton
bereits mit, aber die englische Mannschaft schied nach der ersten
Runde gegen die UdSSR aus - ohne dass Charlton eingesetzt wurde.
Der damalige Nationaltrainer Walter Winterbottom empfand es im
nachhinein als Fehler, Charlton überhaupt mit genommen zu haben, da
dieser seiner Meinung nach noch an den Folgen des Münchner Unglücks
litt.
Beim nächsten FIFA-Weltpokal™ 1962 in Chile allerdings hatte
sich Charlton längst fest in der Nationalmannschaft etabliert und
erzielte gegen Argentinien sein erstes FIFA Weltpokal™-Tor. Durch
diesen Treffer zogen die Engländer ins Viertelfinale ein, wo
allerdings gegen den späteren Titelgewinner Brasilien Endstation
war.
Englands größter Sieg
An das Jahr 1966 erinnern sich Fussballfans in
England verständlicherweise besonders gern. Im Jahr des englischen
WM-Titelgewinns war Bobby Charlton mit 28 Jahren auf dem Höhepunkt
seiner Karriere. Neben seinem Bruder Jackie, der in der Abwehr
seinen Stammplatz sicher hatte, war Bobby der Mittelpunkt des
englischen Teams, das am 30. Juli 1966 zum ersten und einzigen Mal
Weltmeister wurde . Charlton nahm den Jules Rimet-Pokal aus den
Händen von Queen Elizabeth II. persönlich entgegen.
Dabei hatte das Turnier für die Engländer mit einem 0:0 gegen
Ungarn eher mäßig begonnen. Das recht ideenlose Spiel der Engländer
brauchte dringend einen zündenden Funken, und es war (natürlich)
Bobby Charlton, der diesen Funken beisteuerte. Im zweiten
Gruppenspiel gegen Mexiko brachte er in der 37. Minute an der
Mittellinie einen Ball unter Kontrolle. Charlton selbst erzählt,
was dann geschah: "Ich hatte den Ball tief im Mittelfeld
bekommen und eigentlich wollte ich gar nicht selbst aufs Tor
schießen. Ich hatte einfach nicht damit gerechnet, dass sie mir
genügend Raum lassen würden." Seinen Alleingang schloss
Charlton mit einem Gewaltschuss ins obere Toreck ab - und von da an
war England auf der Siegerstraße.
Im Halbfinale gegen Portugal zeigte Charlton, der nach dem
Turnier zu Europas Fussballer des Jahres gewählt wurde, seine beste
Leistung. Mit seinen schnellen Alleingängen stellte er die
portugiesische Abwehr vor große Probleme, mit seinen Pässen riss er
immer wieder Löcher in die Verteidigungsreihen, die seinen
Mannschaftskameraden Chancen eröffneten, und wenn er selbst vor dem
Tor auftauchte, gab es kaum ein Halten. Charlton erzielte in der
ersten und in der zweiten Halbzeit je einen Treffer und sorgte so
für den knappen 2:1-Sieg. Der zweite Treffer war dabei ein
typisches Charlton-Tor: er zog direkt ab und das Leder schlug genau
im Winkel ein. Der Treffer war so perfekt, dass selbst ein
Portugiese Charlton per Handschlag beglückwünschte.
Im Finale gegen Deutschland kam es zu einem höchst
interessanten Duell: Der deutsche Nationaltrainer Helmut Schön
hatte den größten Gefahrenherd im Team der Engländer genau erkannt
und setzte den jungen, aber ebenso talentierten Franz Beckenbauer
als Manndecker gegen Charlton ein. Wann immer Bobby angriff, war
Franz zur Stelle, und wenn Franz angriff, blieb ihm Bobby auf den
Fersen. Der Ausgang dieses unvergesslichen Duells zweier Legenden
und des Spiels ist bekannt. Nach der Verlängerung hieß es 4:2 für
England. Charlton und seine Mannschaftskameraden hatten das bessere
Ende für sich.Beckenbauer selbst gab die Begründung: "England
konnte 1966 nur gegen uns gewinnen, weil Bobby Charlton ein kleines
bisschen besser war, als ich."
Dramatisches Ende
Als England vier Jahre später in Mexiko (erfolglos)
die Titelverteidigung in Angriff nahm, war Charlton mit 32 Jahren
immer noch auf höchstem Niveau dabei. Die englische Mannschaft
hatte ihre Formation und ihre Taktik seit dem Beginn von Charltons
internationaler Karriere gründlich gewandelt: vom 2-3-5-System über
4-2-4 zur neuen 4-3-3-Formation hatte Charlton alles mit erlebt und
seine neue Position als rechter Innenverteidiger gefunden. Seine
Rolle war jetzt deutlich defensiver, aber nicht weniger wichtig.
Nach der Gruppenphase, die England ohne größere Probleme überstand,
traf man im Viertelfinale wieder auf Deutschland, den
Endspielgegner von 1966. Der englische Trainer Alf Ramsey
allerdings machte einen verhängnisvollen Fehler: Beim Stand von 2:1
für England 20 Minuten vor Schluss nahm er Charlton aus dem Spiel,
um ihn für das Halbfinale zu schonen. Dies sollte sich bitter
rächen, denn Uwe Seeler erzwang mit seinem Ausgleichstreffer eine
Verlängerung, in der Gerd Müller das Siegtor für Deutschland
erzielte.
"Aus" der Traum von der englischen
Titelverteidigung, und "Aus" auch für Bobby Charltons
internationale Karriere: Nach dem Schlusspfiff in Leon, bei dem er
mit seinem 105. Länderspieleinsatz den Rekord von Billy Wright
übernahm, erklärte Charlton seinen Rücktritt aus der
Nationalmannschaft. Bei seinem Verein Manchester United hängte er
noch zwei Jahre dran und bestritt sein letztes Spiel im April 1973.
Es folgte ein kurzes Engagement als Spielertrainer von Preston
North End, doch die Trainerlaufbahn war nicht das richtige für ihn.
Stattdessen wurde Charlton ein erfolgreicher Geschäftsmann.
Außerdem rief er eine Reihe von Fussballschulen für
Nachwuchsspieler ins Leben.
1984 wurde er einer der Direktoren von Manchester United und
sitzt seitdem auch im Fussball-Komitee der FIFA. Er arbeitet
unermüdlich zum Wohle des Fussballs und zwar nicht nur in
Manchester und in England, sondern auf der ganzen Welt. Charlton
genießt als wahrer Botschafter des Fussballs und als Mensch überall
hohes Ansehen. Das letzte Wort soll sein Freund und Trainer Sir
Matt Busby haben, der über Charlton sagte: "Es gab nie einen
populäreren Fussballer. Er war als Spieler wie auch als Mensch so
perfekt, wie man nur sein kann.



