"Der Gedanke amüsiert mich, dass meine Tore durch das Zusammenspiel zweier Seelen entstanden, die in ein und denselben Latschen steckten."
Bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Schweden 1958™ erzielte der französische Stürmer Just Fontaine sage und schreibe 13 Tore. 50 Jahre später ist Fontaine endgültig eine Legende und hält nach wie vor den ältesten Rekord der Fussballgeschichte und sogar des Sports insgesamt. Am 18. August wird Just Fontaine 75 Jahre alt, und der ehemalige Stürmer von Stade de Reims hat seitdem keine einzige FIFA Fussball-Weltmeisterschaft verpasst. Und er gibt zu, dass ihm dieser Rekord manchmal wie "ein grandioser Scherz" vorkomme.
Der Sohn eines Vaters aus der Normandie und einer spanischen Mutter wurde im marokkanischen Marrakesch geboren und begann seine Profi-Karriere beim Klub US Marocaine Casablanca. Dort spielte er von 1950 bis 1953, bevor er zum französischen Team OGC Nizza wechselte, für das er in drei Spielzeiten 44 Treffer erzielte. 1956 unterschreibt er bei Stade de Reims, dem damals stärksten Klub des französischen Fussballs, um den Weggang von Raymond Kopa zu Real Madrid zu kompensieren. In den folgenden sechs Spielzeiten erzielte er 121 Tore, obwohl er eine Saison wegen einer schweren Beinverletzung praktisch komplett versäumte.
Insgesamt erzielte der Vollblutstürmer in 200 Spielen der französischen Première Division 165 Treffer (was einen Durchschnitt von 0,825 Toren pro Spiel ergibt) und war 1958 und 1960 jeweils Torschützenkönig der Liga (und 1957 und 1959 jeweils Zweiter). Fontaine war in der Lage, aus jeder Position zu treffen, er konnte beidfüssig schießen und auch per Kopf vollstrecken. "Ich springe so hoch, um den Ball anzunehmen, dass ich Schnee auf meinen Haaren habe, wenn ich wieder lande", sagt er lachend.
In die Geschichte geht dieser außergewöhnliche Torjäger aber mit der französischen Nationalmannschaft ein. Seit 1958 taucht der Name Just Fontaine regelmäßig bei jeder FIFA Fussball-Weltmeisterschaft wieder auf. Dabei begann alles ohne große Erwartungen. Zumindest laut den französischen Medien, die vermeldeten, dass Frankreichs Nationalauswahl als erste in Schweden eintraf, da sie auch als erste wieder abreisen würde.
Vielleicht noch in Feierlaune nach dem Gewinn des Doubles aus Pokal und Meisterschaft mit Stade Reims hatte Fontaine damals gar nicht bemerkt, dass einer seiner Fussballschuhe gerade den Geist aufgegeben hatte. "Wir hatten damals gerade einmal zwei Paar Schuhe und es gab keinen Ausrüster. Ich hatte nichts mehr. Zum Glück hatte mein Mannschaftskamerad Stéphane Bruey, der als Ersatzspieler dabei war, die gleiche Schuhgröße und lieh mir seine Fussballstiefel. Sechs Spiele und 13 Tore später gab ich ihm sein Eigentum wieder. Der Gedanke amüsiert mich, dass meine Tore durch das Zusammenspiel zweier Seelen entstanden, die in ein und denselben Latschen steckten."
"Just war der Angreifer, der mit meinem Spiel perfekt harmonierte. Er fühlte genau, was ich tat, und ich wusste immer, dass ich ihn am Ende meiner Dribblings finden würde", erklärt Raymond Kopa, der in Schweden 1958 als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet wurde - in einem Turnier, in dem ein anderes Genie auf der Weltbühne des Fussballs erstmalig von sich reden machte, ein gewisser Pelé, der ebenfalls eine strahlende Zukunft vor sich hatte.
Und im Laufe der Spiele begann Fontaine Tore zu schießen: drei gegen Paraguay (7:3), zwei gegen das damalige Jugoslawien (2:3), eines gegen Schottland (2:1), zwei gegen Nordirland (4:0), eines gegen Brasilien (2:5) und vier gegen die Bundesrepublik Deutschland (6:3) im "kleinen Finale".
Aber Justo denkt nicht oft an seinen Rekord. Es überwiegt die Enttäuschung über das verlorene Halbfinale gegen Brasilien. "Wir verloren die Partie mit 2:5, aber wir mussten die ganze zweite Halbzeit mit zehn Mann spielen. Gerade als ich zum 1:1 ausgleichen konnte, verletzte sich Robert Jonquet, und damals durfte man einen verletzten Spieler nicht ersetzen... Dieses Spiel bleibt eine große Enttäuschung."
Nicht einmal seine 13 Tore (sieben mit rechts, fünf mit links und eines mit dem Kopf) können diesen Schicksalsschlag lindern. "Wissen Sie, der Titel des besten Torschützen war den Menschen damals herzlich egal. Ich schoss die Tore, weil meine Zusammenarbeit mit Kopa plötzlich so gut war, weil wir uns freuten, damals alle zusammen sein zu können, und weil die Mannschaft einen offensiven Fussball spielte. In sechs Begegnungen haben wir immerhin 23 Mal getroffen".
Just Fontaine erzielte so mindestens ein Tor pro Partie, eine Leistung, die außer ihm nur Jairzinho gelang. Außerdem hätte sein Rekord noch höher ausfallen können, wenn er im letzten Spiel gegen Deutschland einen Elfmeter geschossen hätte. "Kopa war im Falle eines Elfmeters als Schütze vorgesehen, das war schon vor dem Spiel vereinbart. Es wäre mir niemals in den Sinn gekommen, ihn zu fragen, ob ich schießen kann", erinnert er sich.
Bescheiden schreibt Fontaine seinen Erfolg der Tatsache zu, dass die Spieler aus den verschiedenen Kontinenten sich untereinander nicht so gut kannten, heute hingegen "ist alles erfasst und ausgewertet und man weiß alles über seine Gegner."
Als Auszeichnung für seinen Erfolg verlieh ihm eine schwedische Zeitung ein Gewehr als Symbol für den besten Torschützen. Ein Goldener Schuh thront inmitten seines Wohnzimmers in Toulouse, es handelt sich um ein Geschenk des Engländers Gary Lineker, dem besten Torschützen der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 1986.
Zwei Jahre später erzielte Just Fontaine gegen Chile in Paris seine Treffer 29 und 30 für Frankreich, die seine letzten blieben. Zwischen seinem ersten Einsatz am 17. Dezember 1953 (Hattrick gegen Luxemburg) und dem letzten am 11. Dezember 1960 gegen Bulgarien erzielte er in nur 21 Partien 30 Treffer, was einen unglaublichen Durchschnitt von 1,43 Toren pro Spiel ergibt.
Dabei hatte er sich nach bei einem rüden Zweikampf im Meisterschaftsspiel gegen Sochaux einen komplizierten doppelten Beinbruch zugezogen. Mit viel Courage und harter Arbeit schaffte er das Comeback auf die Fussballbühne, doch am 1. Januar 1961 brach sein Bein bei einem Meisterschaftsspiel gegen Limoges erneut an derselben Stelle. Im Alter von 27 Jahren war seine Laufbahn vorüber, offiziell verkündete er am 5. Juli 1962 sein Karriereende. "Das war schade, ich hatte meine besten Jahre noch vor mir", sagt er bedauernd.
Doch er blieb der Fussballwelt erhalten und gründete die französische Spielergewerkschaft Union Nationale des Footballeurs Professionnels (UNFP). Er absolvierte eine Trainerausbildung und schloss diese als Jahrgangsbester ab. 1967 wurde er "der kometenhafteste Trainer der französischen Nationalmannschaft", als er in zwei Testspielen zwei Niederlagen kassierte und sofort wieder entlassen wurde. Ein weiterer Rekord auf seinem Konto, aber auf den hätte er sicherlich gerne verzichtet.
Karriere als Trainer Nationaltrainer Frankreich (zwei Spiele 1967), Paris Saint-Germain (1973-76), FC Toulouse (1978-79), Nationaltrainer Marokko (1979-81)
Erfolge: Französischer Meister 1956 (Nizza), 1958, 1960 und 1962 (Reims); Französischer Pokalsieger 1956 und 1958; Gewinn des französischen "Supercups" Trophée des Champions 1958 und 1960; dritter Platz bei der FIFA Weltmeisterschaft 1958, Torschützenkönig mit 13 Toren; Finalist des Europapokals der Landesmeister 1959 (Reims), Torschützenkönig im Europapokal der Landesmeister 1959 (10 Tore); französischer Torschützenkönig 1958 (34 Tore) und 1960 (28 Tore).
Die besten Torschützen bei einer FIFA Fussball-Weltmeisterschaft
13 Tore: Just Fontaine (FRA), 1958
11 Tore: Sandor Kocsis (HUN), 1954
10 Tore: Gerd Müller (FRG), 1970
9 Tore: Ademir (BRA), 1950, und Eusebio (POR), 1966
8 Tore: Guillermo Stabile (ARG), 1930, und Ronaldo (BRA), 2002
Die besten Torschützen in der Geschichte der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft
15 Tore: Ronaldo (BRA) in drei Turnieren (1998, 2002, 2006)
14 Tore: Gerd Müller (FRG) in zwei Turnieren (1970 und 1974)
13 Tore: Just Fontaine (FRA), 1958
12 Tore: Pelé (BRA) in vier Turnieren (1958, 1962, 1966, 1970)
11 Tore: Sandor Kocsis (HUN), 1954, und Jürgen Klinsmann (GER) in drei Turnieren (1990, 1994, 1998)

